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Brandenburg Razzia in Potsdamer Klinikum
Brandenburg Razzia in Potsdamer Klinikum
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00:21 08.09.2017
Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Mit einem Großaufgebot von 130 Polizisten, sechs Staatsanwälten und acht pharmazeutischen Experten hat die Staatsanwaltschaft Potsdam am Dienstagmorgen Räume im städtischen Potsdamer Klinikum Ernst von Bergmann und anderen Orten im Bundesgebiet durchsucht, darunter Hamburg, Rostock, Hennef (Nordrhein-Westfalen) und Berlin. Der Grund: An dem Potsdamer Krankenhaus soll durch die falsche Abrechnung von Medikamenten ein Millionenschaden auf Krankenkassen-Seite entstanden sein – die Rede ist nach Angaben aus Medizinerkreisen von 3,8 Millionen Euro. Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen nach MAZ-Informationen zwei leitende Ärzte des Hauses, die beide den Professoren-Titel führen. Insbesondere ein Magen-Darm-Experte, der auch in Rostock niedergelassen ist. Deshalb filzten die Beamten in der Hansestadt am Morgen auch die Behandlungsräume und die Apotheke der dortigen Uni-Medizin.

Außerdem wird gegen zwei weitere Mediziner und zwei Apotheker wegen des Verdachts der Untreue zum Nachteil der Krankenkasse ermittelt, wie der Sprecher der Potsdamer Staatsanwaltschaft, Christoph Lange, erläuterte. Die Durchsuchungen betreffen unter anderem pharmazeutische Firmen und Labore. Insgesamt seien 28 Objekte durchsucht worden, hieß es von der Staatsanwaltschaft.

Im Einzelnen soll es um fehlerhafte Abrechnungen bei sehr teuren, individuell angemischten Arzneimitteln gehen. Diese werden auf die jeweiligen Patienten unter Berücksichtigung von deren Körpergewicht und Geschlecht hergestellt werden. Laut Behördensprecher Lange kostet eine Packung nicht selten 1000 Euro und mehr. Es bestehe der Verdacht, dass die Medizin „in einer Art und Weise abgerechnet wurde, die das Abrechnungsrecht nicht erlaubt“, so Lange.

Das entzündungshemmende Medikament Remicade soll in einer Potsdamer Apotheke für zwei Kliniken angemischt worden sein. Die Apotheke war bei den Ermittlungen aufgefallen, weil sie nicht über die nötigen hygienischen Standards für solche verfügen soll, um eine Portionierung von Remicade vorzunehmen. Zudem, so hieß es, seien die Portionen nicht differenziert worden – zu viel Geld sei deshalb geflossen. Angezeigt wurde der Fall nach MAZ-Informationen seitens der Krankenkasse Barmer GEK. Der Tatvorwurf lautet deswegen auf Untreue, weil Ärzte laut Staatsanwalt Lange als „Sachwalter der Krankenkassen“ handeln und „nach bestem Wissen und Gewissen“ mit dem Geld der Kassen – also der Beitragszahler – umgehen müssten. Eine Bereicherungsabsicht der Beschuldigten sei derzeit nicht festzustellen. Die Kasse selbst wollte wegen der laufenden Ermittlungen nicht Stellung zu dem Vorgang nehmen.

Mediziner erklären die Hintergründe des Falls so: Remicade wird unter anderem gegen Rheuma, Arthritis und chronischen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa gegeben. Die Anwendung wird von Krankenkassen mit Argusaugen überwacht, weil der Preis für ein Behandlungsjahr bei 30 000 Euro pro Patient liegen kann – behandelt ein Facharzt 50 Rheuma- oder Darm-Patienten, kosten allein diese Verschreibungen 1,5 Millionen Euro im Jahr. Die Abgabe ist daher streng limitiert und in der Regel an eine stationäre Behandlung in der Klinik gebunden. Die kurzzeitige Nutzung ambulanter Art ist gleichwohl möglich, wenn der Arzt neben seiner Kliniktätigkeit eine Niederlassung besitzt – dies ist bei mindestens einem der betroffenen Ärzte der Fall. Diese Abgabe muss sich der Arzt aber kompliziert genehmigen lassen. Gut möglich, dass im aktuellen Fall an dieser Stelle geschludert wurde.

Das Klinikum Ernst von Bergmann bestätigte die Razzia und teilte auf MAZ-Nachfrage mit, es unterstütze die Staatsanwaltschaft und werde „vollumfänglich kooperieren“. Der Hauptausschuss der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung soll heute über den Stand der Dinge informiert werden. „Die Vorwürfe müssen vollumfänglich aufgeklärt werden“, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende des Klinikums, der Potsdamer Sozialbeigeordnete Mike Schubert (SPD).

Von Ulrich Wangemann und Benno Rougk

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