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„Regional wird das neue Bio“

Katherina Reiche im Interview „Regional wird das neue Bio“

Katherina Reiche war parlamentarische Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium und CDU-Bundestagsabgeordnete. Dann wechselte sie in die Wirtschaft. Das sorgte für Furore. Wir haben mit ihr über den neuen Job und die Zukunft von örtlichen Stadtwerken in Zeiten der Globalisierung gesprochen.

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Von der Politikerin zur Lobbyistin: Katherina Reiche

Quelle: Chaperon

Berlin. Katherina Reiche (42) war von 1998 bis 2015 Bundestagsabgeordnete mit Wahlkreis in Potsdam und Potsdam-Mittelmark. Seit dem 1. September ist die Luckenwalderin Hauptgeschäftsführerin des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) in Berlin

MAZ: Frau Reiche, Sie sind im September an die Spitze eines Lobbyverbandes gewechselt, des Verbandes kommunaler Unternehmen. Sie waren zuletzt parlamentarische Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium mit CDU-Bundestagsmandat. Wie sehr fehlen Ihnen Politik, Wahlkreisarbeit und Gremien-Sitzungen?

Katherina Reiche: Gremien-Sitzungen habe ich jetzt auch (lacht). Jede Menge. Die parteipolitische Arbeit gibt es natürlich nicht mehr. Allerdings ist der VKU nah an der Politik dran: Als Interessensvertretung der kommunalen Unternehmen ist es unsere Aufgabe, verlässlicher Gesprächspartner der Politik zu sein.

Ihr damaliger Wechsel in die Wirtschaft schlug hohe Wellen. Das Bundeskabinett billigte gerade ein Gesetz über Karenzzeiten für wechselwillige Politiker. Hinzu kam, dass ihr Mandat für die CDU verfiel, weil die Partei eine zu kurze Landesliste hatte. Sie hätten Ihre Partei im Stich gelassen, wurde Ihnen vorgeworfen. Wie sehen Sie diese Debatte heute?

Reiche: Als ich das Angebot erhielt, hatte ich damit gerechnet, dass es Fragen und Kritik gibt. Die Kritik ist schnell verebbt. Wechsel innerhalb der Wirtschaft werden als ganz normal angesehen. Nur wenn sich Politiker entscheiden, sich nach einer längeren Zeit neu zu orientieren, gibt es immer eine sehr lautstarke Diskussion.

Sicher auch, weil der Seitenwechsel oft nahtlos erfolgt.

Reiche: Dafür gibt es jetzt ein Gesetz, dass die Modalitäten eines solchen Wechsels regelt. Ich hoffe, dass wir künftig nicht mehr solche Auseinandersetzungen führen müssen.

Ihr Verband vertritt die Kommunalwirtschaft. Wo sehen Sie in Zeiten der Globalisierung der Weltwirtschaft die Zukunft von örtlichen Stadtwerken wie in Brandenburg?

Reiche: Ohne die Arbeit von kommunalen Unternehmen wäre es in den Wohnung ziemlich schnell dunkel, unter der Dusche ständen wir im Trockenen und vor der Haustür würden sich die Müllberge türmen. Ich glaube, dass es in unsicheren Zeiten immer stärker den Wunsch nach überschaubaren, regionalen und verlässlichen Strukturen gibt. Es muss vor Ort Unternehmen geben, die sich um die ganz elementaren Dienstleistungen kümmern, wie Trinkwasser, Strom- und Gasversorgung, Abfallentsorgung und der ÖPNV.

Kritiker monieren, dass diese Leistungen auch gewöhnliche private Unternehmen genauso gut machen könnten.

Reiche: Die Daseinsvorsorge leitet sich aus dem Grundgesetz ab. Kommunale Unternehmen erledigten ihre Aufgaben auf hohem Niveau und im Auftrag der Bürger. Sie machen dies professionell und mit großer Kundennähe. Und das wird honoriert. Die Kundenbindung bei Stadtwerken ist bundesweit bei über 80 Prozent. Das zeigt ganz klar: Es gibt ein Bedürfnis nach einem Ansprechpartner vor Ort, zu dem Vertrauen besteht und der öffentlich kontrolliert wird. Kommunale Unternehmen sind wesentliche Infrastrukturdienstleister, sowohl für die Gesellschaft als auch für die Wirtschaft. Sie bringen zudem nicht nur direkten Mehrwert, sondern sind auch indirekt für Beschäftigung und Wertschöpfung verantwortlich. Wir haben diesen bundesweiten Mehrwert erst jüngst von der Universität Leipzig ausrechnen lassen: Unsere Mitglieder waren für rund 16,7 Milliarden Euro Einkommen verantwortlich und haben 23,7 Milliarden Euro an Steuern generiert. Sie sichern also nicht nur wichtige Infrastrukturen in Deutschland, sondern sind auch noch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Und sie sichern damit 690.000 Menschen in Deutschland Beschäftigung – mehr Beschäftigte als deutschlandweit in der Informationstechnologie arbeiten.

Zuletzt gerieten Stadtwerke wie in Potsdam oder Brandenburg/Havel wegen des Geschäftsgebarens führender Manager ins Visier der Justiz. Was empfehlen Sie Stadtwerken, um erfolgreich sein?

Reiche: Solche misslichen Entwicklungen gab es. Es gilt, in Brandenburg aber auch in den anderen Ländern, dass Stadtwerke darauf achten, Professionalität und Regionalität miteinander zu verbinden. Stadtwerke stehen für Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit. Und es ändert sich derzeit einiges. Ich glaube, „regional“ wird das neue „Bio“. Das Regionale ist auf dem Vormarsch. Regionale Verbünde erleben beim Verbraucherschutz eine Renaissance: Obst aus Werder oder Rinder aus der Schorfheide. Die Leute wollen wissen, wo etwas herkommt. Es muss ein Bezug da sein. Und davon können die kommunalen Unternehmen mit ihrer Nähe zum Kunden nur profitieren.

Wo stehen kommunale Unternehmen wie die Stadtwerke bei der Digitalisierung, sind solche großen öffentlichen Einrichtungen da überhaupt wettbewerbsfähig?

Reiche: Ja. Stadtwerke haben eine gute Zukunftschance, auch in Kooperation untereinander oder mit Dritten wie Start-Ups, gute Angebote zu unterbreiten. Kommunale Unternehmen sollen sich zwingend auf den Weg machen, dieses Potenzial zu nutzen. Kommunale Unternehmen können als steuernder Akteur eine bedeutende Rolle einnehmen, da sie glaubwürdig, nachhaltig und lokal verankert sind – also dem Verbraucher direkt verantwortlich sind. Und eben auch den Datenschutz wahren – hier wird den kommunalen Unternehmen ein hohes Vertrauen der Verbraucher entgegengebracht. Ich bin überzeugt, dass die Stadtwerke in ihrer Tradition aus Kontinuität und Wandel in der Lage sind, den Prozess mitzugestalten. Aber auch Kommunen sollten die Digitalisierung ihrer Unternehmen unterstützen durch Investitionen in die Infrastruktur. Hier gibt es viel Raum für Kreativität.

Wie soll das konkret aussehen?

Reiche: Der Kunde erwartet doch, dass das Leben mit der Digitalisierung leichter wird. Es gibt schon Modelle, mit denen ich per App daran erinnert werde, wann ich die gelbe, braune oder graue Mülltonne rausstellen muss. Das ist doch eine charmante Idee für die Abfallwirtschaft. Oder die App, die Haushaltgeräte vernetzt und bedient. Das muss nicht jeder haben, aber es wird zunehmend nachgefragt. Es wächst eine Generation heran, die ihr Leben via Smartphone oder Tablet managt und digitale Angebote erwartet. Und für die müssen wir Angebote schaffen.

Kommunalwirtschaft

690 000 Menschen sind derzeit bundesweit bei kommunalen Unternehmen beschäftigt. Nach einer Erhebung der Universität Leipzig sind diese Unternehmen für ein jährliches Steueraufkommen von 23,7 Milliarden Euro verantwortlich.

Der Verband der kommunalen Unternehmen (VKU) vertritt bundesweit rund 1400 kommunalwirtschaftliche Unternehmen in den Bereichen Energie, Wasser/Abwasser und Abfallwirtschaft.

Einen Masterstudiengang „Kommunalwirtschaft“ gibt es seit 2010 an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde (Barnim).

Von Igor Göldner

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