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Brandenburg Rettungsgasse noch immer nicht begriffen
Brandenburg Rettungsgasse noch immer nicht begriffen
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10:27 22.07.2017
Stau auf der A10 am 21. Juli 2017. Quelle: Foto: Julian Stähle
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Potsdam

So viel Dreistigkeit sieht man dann doch selten auf deutschen Autobahnen: Stau auf der A10 bei Falkensee (Havelland), eine Rettungsgasse ist frei zwischen den beiden Fahrspuren. Ein weißer Sattelschlepper stößt zurück, holt aus, kreuzt im Schneckentempo den für Polizei und Krankenwagen vorgesehenen Korridor und biegt dann entgegen der Fahrtrichtung auf die Autobahnauffahrt – als Geisterfahrer. 40 Tonnen Irrsinn, die ansteckend wirken: mehrere Personenwagen wenden in der Gasse, machen es dem Fernfahrer nach. Eingefangen hat die Kette illegaler Manöver ein MAZ-Videoreporter.

Aktionswoche der Polizei

Wegen Szenen wie diese aus der vergangenen Woche hatte die Polizei in der Direktion West eine Woche unter dem Motto „Bei Stau: Rettungsgasse bilden!“ ausgerufen. Polizisten klärten Besucher von Rastplätzen über das richtige Verhalten auf, wenn der Verkehr stockt (denn ja: ab Schrittgeschwindigkeit ist die Gassenbildung Pflicht). Streifenwagen der Autobahnpolizei tragen jetzt Rettungsgassen-Symbole als Aufträger auf dem Heck. Am Ende der Woche zog die Polizei Bilanz. Die Aktion habe großen Anklang gefunden, sagte Peter Meyritz, Leiter der Polizeidirektion West. „„Ich freue mich, dass die Aktionswoche „Bei Stau: Rettungsgasse bilden!“ so großen Anklang bei allen Fahrern gefunden hat. Ich bin mir sicher, dass die Verkehrsteilnehmer nun für das Thema „Rettungsgasse“ sensibilisiert sind und wissen, wie eine vorgeschriebene Rettungsgasse gebildet wird und dies beim nächsten Stau beherzigen werden“, so Meyritz. Am letzten Tag der Woche dann jedoch Ernüchterung. Unfall auf der A 10, Stau, aber keine Rettungsgasse.

Verkehrsminister fordert höhere Strafen

Verkehrsministerin Kathrin Schneider und Innenminister Karl-Heinz Schröter (beide SPD) entrollten bereits am Donnerstag Hinweisbanner an Autobahnbrücken. „Die Landesregierung macht sich im Bundesrat für höhere Strafen stark“, sagt Schröter. Es sei zu beobachten, dass „Feuerwehr, Polizei und Krankenwagen immer wieder im Einsatz durch Träumer und Gaffer behindert werden“. Dies sei aktuell bei dem Busunglück auf der A9 in Oberfranken Anfang Juli der Fall gewesen, bei dem vier Brandenburger verletzt wurden und 18 Menschen starben.

Der Ort der Aktion ist mit Bedacht gewählt, liegt im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion West doch die größte und heikelste Autobahnbaustelle des Landes: Die A10 wird dort auf acht Spuren ausgebaut. Für die Dauer von zwei Jahren herrscht auf diesem Teil des Berliner Rings Ausnahmezustand. 460 Unfälle haben sich dort von Januar bis Mai ereignet, dabei wurden 20 Menschen schwer verletzt.

Auf der A9 sind bei Niemegk und Brück (Potsdam-Mittelmark) fast 20 Kilometer Fahrstreifen im Bau, auf der A2 wird bei Werder (Havel) (Potsdam-Mittelmark) ein ebenso langer Abschnitt saniert. Die Retter nähern sich mittlerweile auf dem Motorrad, weil sie kaum durchkommen. Und im Präsidium überlegt man, eine Drohne zu kaufen.

Was eine verstopfte Zufahrt für die Retter bedeutet, schildert Werner-Siegwart Schippel, Präsident des Landesfeuerwehrverbands Brandenburg: „Das Schlimmste für uns von der Feuerwehr ist der Gedanke daran: Fünf Minuten schneller und wir hätten die Familie noch retten können.“ Konkret fehlen bei zugestellter Rettungsgasse der Krankenwagenbesatzung schon nach wenigen hundert Metern ein bis zwei Minuten Rettungszeit, wie die Polizei mitteilt. Bei kilometerlangen Staus rechnet sich das dann schnell hoch bis auf eine halbe Stunde. Zwar wurde die Rettungsgasse in der Bundesrepublik 1971 – als erstem europäischen Land – eingeführt. Doch hat eine Forsa-Umfrage 2016 ergeben, dass 64 Prozent aller Führerscheinbesitzer nicht wissen, wohin sie ihren Wagen im Stau-Fall zu lenken haben. Frank Krontal, Lastwagen-Fahrer und Zeuge des vom Videoreporter aufgezeichneten Staus, bestätigt dieses Umfrageergebnis: „Die Rettungsgasse funktioniert überall, nur in Deutschland nicht.“ Das hat auch die Politik erkannt: Der Bundesrat hat Anfang Juli einen Antrag der Bundesländer einstimmig angenommen, wonach das Bußgeld auf 200 Euro angehoben werden kann.

Eine Verfolgung von Notfall-Rüpeln „gestaltet sich schwierig“, wie es in einer Stellungnahme der Polizeidirektion heißt. Bei Unglücken müssten die Einsatzkräfte zunächst Verletzten helfen. Erst dann könnten sie sich anderen Aufgaben widmen. Allerdings erwägt man im Polizeipräsidium, „die Videokameras in Funkstreifenwagen der Autobahnpolizei sowie die Polizeihubschrauber und Polizeimotorräder“ gegen Lückenspringer einzusetzen. Mehr Personal aber, das stellte der Innenminister klar, wird es für die Rettungsgassen-Aktionen nicht geben.

Von Ulrich Wangemann

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