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Rundgang durch das Zuhause von Silvio S.

Elias-Prozess in Potsdam am Montag, 11. Juli Rundgang durch das Zuhause von Silvio S.

Ein angebissenes Brötchen, leere Flaschen und alte Zeitungen: Das Zuhause von Silvio S. in Kaltenborn (Teltow-Fläming) macht einen verwahrlosten Eindruck. Nach seiner Verhaftung hatten Ermittler jeden Winkel seines Elternhauses ausgeleuchtet. Es waren nicht die einzigen schockierenden Bilder, die die Prozessbeteiligten am Montag zu Gesicht bekamen.

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Silvio S. muss sich wegen zweifachen Kindsmords vor dem Potsdamer Landgericht verantworten.

Quelle: dpa

Potsdam. Eine schmale Treppe führt hinauf in seine Räume, eine Stube, wie er es nennt, ein Schlafzimmer, eine Kammer, versperrt mit einem Vorhängeschloss. Silvio S. kann keinen Wert auf Ordnung gelegt haben, überall türmen sich leere Flaschen und schmutziges Geschirr. Zwischen einem angebissenen Brötchen und alten Zeitungen lagern wichtige Unterlagen, in einem Jugendzimmer, das es niemals in einen Einrichtungskatalog geschafft hätte. So lebt also ein Mann, dem zweifacher Kindsmord vorgeworfen wird, bei erdrückender Beweislast.

Liveticker vom 8. Prozesstag

Am achten Verhandlungstag im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Elias, 6, aus Potsdam und dem Flüchtlingsjungen Mohamed, 4, aus Berlin hat sich den Beobachtern am Montag ein Blick in das tägliche Leben des 33 Jahre alten Angeklagten geboten, ein Rundgang durch seinen privaten Rückzugsort, der offenbar zum Tatort wurde. Ein Kriminalbeamter zeigte 360-Grad-Aufnahmen aus dem Haus in Kaltenborn, das Silvio S. gemeinsam mit seinen Eltern bewohnte. Die Präsentation glich einer Reise in die Vergangenheit, in eine Welt ohne strahlendweiße Wände und leuchtende Farben.

Die Fotos sind wenige Tage nach der Festnahme von Silvio S. Ende Oktober 2015 entstanden. Kriminaltechniker durchkämmen damals jeden Raum, vier Tage lang dauert die Suche nach verwertbarem Material. Überall stoßen sie auf Kondome, benutzt und zugeknotet. Aus der Kammer strömt ihnen ein süßlicher Geruch entgegen, mehrere Wochen lang hatte der Angeklagte dort den Leichnam des kleinen Mohamed versteckt, in einer Waschschüssel, bis zum Rand gefüllt mit Katzenstreu.

Inmitten einer wahllosen Ansammlung von Gebrauchsgegenständen entdecken die Ermittler eine schusssichere Weste, wie sie sonst Polizisten tragen, einen aufblasbaren Stuhl und eine Gummipuppe. Ein Bestellschein eines Online-Versandhauses für Sex-Spielzeug listet einen Penisring, Hand- und Fußfesseln. In Müllsäcken lagert Spielzeug, in Kartons Kinderkleidung. Über dem Schlafzimmer steht ein Eimer, der bis oben hin mit Fäkalien gefüllt ist. Und in jeder Ecke, immer wieder diese Kondome, benutzt und zugeknotet.

Es ist nicht das einzige Mal, dass den Beteiligten und Beobachtern dieses aufsehenerregenden Prozesses der Atem stockt. Ein Kriminaltechniker hat am Montag vier Videos gezeigt, die kurz vor dem Tod von Mohamed entstanden sind. Silvio S. hatte den Missbrauch an dem Jungen gefilmt und die Daten später wieder gelöscht. Die Ermittler konnten die Sequenzen aber wiederherstellen. Zu sehen bekommen haben sie nur die unmittelbar am Prozess Beteiligten. Atmen, Schnaufen, ein leises Flüstern und unverständliche Satzfetzen sind darauf zu hören. „Da haben wir den Kleinen. Lias nenn’ ich ihn mal“, soll der Angeklagte an einer Stelle sagen, so interpretiert es der Vorsitzende Richter Theodor Horstkötter.

Als die Prozessbeteiligten am Richtertisch über die beklemmenden Szenen sprechen, hält sich Silvio S. die Ohren zu, als wollte er selbst nicht hören, was er getan hat. Aufmerksamer als an früheren Prozesstagen ist der Angeklagte diesmal der Verhandlung gefolgt. Immer wieder richtet er sich auf und lenkt seinen Blick nach vorn. Aber etwas gesagt, nein, das hat er wieder nicht.

So muss das Gericht fortfahren mit der minuziösen Beweisaufnahme. „Mit hoher Wahrscheinlichkeit“ hätten die Ermittler bei Silvio S. Haare von Elias gefunden, sagt ein Sachverständiger, der auch auf Erbgut bislang unbekannter Personen gestoßen ist, von zwei männlichen und einer weiblichen. Es könnte sich um weitere mögliche Opfer des Angeklagten handeln. An einer schwarzen Ledermaske sind ebenfalls Spuren von Elias gefunden worden. An einem Gürtel, dem wahrscheinlichen Tatwerkzeug, haften Spuren von Mohamed, ebenso an einer Unterhose. Ein weiterer Kinderslip trägt wieder eine nicht zuordenbare DNA. Insgesamt habe sie neun fremde Erbgutspuren entdeckt, berichtet eine zweite Sachverständige.

Liveticker vom 8. Prozesstag

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Bei der Polizei ist Silvio S. bis zuletzt ein Unbekannter geblieben. Einmal sei er an einem Verkehrsunfall beteiligt gewesen, sagt der Leiter der Berliner Mordkommission. Nach der Entführung auf dem Lageso-Gelände waren gut 200 bekannte Sexualstraftäter überprüft worden. Silvio S. aus Kaltenborn war nicht darunter.

Gerichtsmediziner sagen am Dienstag im Prozess aus

Zwölf Verhandlungstage sind im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder der Jungen Elias und Mohamed angesetzt.

Am heutigen neunten Verhandlungstag werden die Aussagen von zwei Gerichtsmedizinern erwartet. Sie hatten im vergangenen Herbst die sterblichen Überreste der Opfer obduziert.

Der 33 Jahre alte Wachmann Silvio S. soll beide Jungen entführt und erdrosselt haben. Den Missbrauch an Mohamed filmte er mit seinem Smartphone.

Zu den Tatvorwürfen hat sich der Angeklagte bislang nicht geäußert. Seit einem frühen Geständnis kurz nach seiner Festnahme schweigt Silvio S. auf Anraten seiner Anwälte.

Von Bastian Pauly

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