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Brandenburg Forscher gehen mit Kameras auf Lachsfang
Brandenburg Forscher gehen mit Kameras auf Lachsfang
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18:07 30.07.2018
Harry Hantke (l.) und Steffen Zahn bei der Installation einer Unterwasserkamera in der Pulsnitz bei Elsterwerda (Elbe-Elster). Quelle: Rüdiger Braun
Elsterwerda

Vielleicht um die 40 Kilogramm wiegt der Zylinder aus Eisen, den die beiden Männer da durchs Gebüsch schleppen. Bei gut 34 Grad Celsius an diesem heißen märkischen Julitag sicher kein Vergnügen. Aber man sieht Steffen Zahn und seinem älteren Begleiter Harry Hantke an, dass die beiden oft in der Natur sind. Ihre Haut ist wettergegerbt, beide tragen riesige Gummistiefel. Denn gleich geht es in die Pulsnitz, einem kleinen Zufluss der Schwarzen Elsner, ein historischer Lachs-Fluss. Neben einem Wehr, direkt vor der Mündung zur Schwarzen Elser werden die beiden Wissenschaftler den Eisenzylinder im Wasser versenken und fest mit Steinen im Boden verankern. Dann kommen zwei wasserfeste Hochleistungskameras mit Bewegungsmelder in den Zylinder und werden an Kabel angeschlossen.

Ansiedlung von Lachsen

Wenn die im Laufe des Tages wieder eingestellt sind, werden die beiden Männer von ihrer jeweiligen Forschungsstation aus ab September wieder beobachten können, ob Lachse und Meerforellen den eigens angelegten Fischaufstieg vorbei am Wehr tatsächlich für ihre Wanderschaft nutzen. Steffen Zahn, Leiter des Bereichs Fisch- und Gewässerökologie am Institut für Binnenfischerei in Potsdam-Sacrow, ist für das Projekt der Wiederansiedelung von Lachsen verantwortlich. Harry Hantke, der das Videoerfassungssystem entwickelt hat, leitet für das private Institut für Fisch und Umwelt (FIUM) in Rostock auch das mecklenburgische Meerforellen-Projekt.

Meerfische im Landesinnere

Der Atlantische Lachs ist eigentlich ein Meeresfisch. Geboren wird er jedoch in den europäischen Flusslandschaften, unter anderem jetzt auch wieder in Brandenburg und Sachsen. Nach etwa zwei Jahren treibt der Instinkt die jungen Fische ins Meer. Die „märkischen“ Lachse wandern von der Pulsnitz über die Schwarze Elster in die Elbe und von dort in die Nordsee. Wie die Fische das machen, weiß keiner so genau. Sie orientieren sich unter anderem an der Strömung und am Magnetfeld der Erde. Über 600 Kilometer legen sie für ihre Reise aus Brandenburg ins Meer zurück. Zum Laichen kehren sie an irhen Geburtsort zurück.

Neben den Lachsen und den Lachsforellen schwimmen auch Dobel, Hasel, Grundeln und Schmerlen in der Pulsnitz. Diese werden von den Kameras des Instituts für Binnenfischerei und des Instituts Fisch und Umwelt in Rostock aufgenommen. Ein Bewegungsmelder kann die Fische erfassen. Dann filmt die Kamera automatisch das Geschehen. Damit nicht jedes vorbei schwimmende Blatt aufgenommen wird, gibt es ein Bilderkennungssystem, sodass nur Fischaufnahmen festgehalten werden. Über W-Lan können die Wissenschaftler im heimischen Labor in Sacrow und in Rostock sehen, welche Fische die Flussbahnen nutzen.

Die Installation von insgesamt sechs Unterwasserkameras in Flussläufen bei Elsterwerda, Bad Liebenwerda (Elbe-Elster) und Perleberg (Prignitz) ist für den Wissenschaftler Steffen Zahn einerseits noch ziemlich ungewöhnlich. Denn eine solche Arbeit gab es für ihn bislang nur einmal, als er nämlich im September 2014 die Vorgängermodelle der aktuellen Kameras installierte. Andererseits ist es auch ein ziemlich gewöhnlicher Arbeitstag. Denn mindestens ein- bis zweimal im Monat hat Zahn einen Termin im freien Gelände, der ihn an Flüsse und meist sogar direkt in ein Boot führt.

Zählen mit Kameras seit 2014

Seit 1986 arbeitet der gelernte Binnenfischer mit Studienabschluss Diplom-Fischereiingenieur an der Berliner Humboldt-Universität (HU) im Institut für Binnenfischerei Potsdam-Sacrow, seit 1998 ist er zusammen mit dem Landesanglerverband für die Wiederansiedelung von Lachs und Meerforelle in brandenburgischen Gewässern verantwortlich. Unter seiner Leitung wurden im Stepenitz-System zwischen 1999 und 2016 insgesamt fast 1,3 Millionen Meerforellen-Brütlinge und gut eine Million Lachse ausgesetzt. In die Pulsnitz kamen zwischen Ortrand (Oberspreewald-Lausitz) und dem sächsischen Königsbrück seit 2004 insgesamt über 200000 Junglachse. Zunächst testeten Zahn und seine Mitarbeiter den Erfolg, indem sie regelmäßig in den Gewässern nach den aufsteigenden Laichfischen fischten. Ab 2014 versuchten sie, die Tiere dann mit den Kameras zu erfassen. Ein Jahr lang war diese Zählweise aus technischen Gründen unterbrochen. Im September will das Sacrower Institut zusammen mit den Kollegen aus Rostock nun mit einem überarbeiteten und erweiterten System wieder neu starten.

An diesem Tag in Elsterwerda sind die beiden Männer von 11 Uhr vormittags bis abends um halbsieben in der Pulsnitz watend beschäftigt: den Zylinder einbetten und mit Kabelbinder sichern, die neuen Kameras einführen, Kabel anschließen, dann mit dem Laptop die Verbindung testen. „Es lief eigentlich alles nach Plan“, sagt Zahn. Extrem heiß sei es gewesen, ja, aber die beiden wollten die Arbeit bei der langen Anfahrt von Potsdam aus unbedingt fertigstellen. „Wir wollten nicht noch einmal herkommen müssen.“

Arbeiten wie diese an der Pulsnitz liebt Zahn. Das Wasser war schon immer sein Element. Aufgewachsen im Seengebiet um Groß Glienicke war er oft angeln. „Ich habe als Junge immer ins Wasser geguckt, um zu sehen, was sich da alles bewegt.“ Als Jugendlicher träumte er davon, sein Hobby zum Beruf zu machen. Tatsächlich bewarb er sich an der Universität Rostock für das Fach Aquatische Ökologie. Da es kaum Studienplätze gab, musste er schließlich den Umweg über die Binnenfischerei und das Diplom-Studium des Fischereiingenieurs gehen. Zufrieden ist er jetzt dennoch.

Forschungsarbeit ist ein Traumjob

„Tatsächlich ist die Arbeit im Grunde ein Traumjob“, sagt er. „Ich mache genau das, was mich in der Kindheit begeistert hat.“ Gut, das Aufschreiben der Forschungsergebnisse im Büro sei nicht so prickelnd, aber ansonsten erlebe er allerhand Abenteuer im Freien. Dazu kann auch schon mal gehören, dass ein Mitarbeiter im Winter bei 4 Grad Wassertemperatur über Bord geht und dann im Tourfahrzeug seine Kleider wechseln muss. „Ich habe auch immer eine Reisetasche mit frischen Sachen dabei. Damit müssen Sie bei dieser Arbeit immer rechnen, dass Sie ins Wasser fallen“, sagt Zahn.

Schön seien die Momente, wenn sich zeige, dass die eigene Arbeit Früchte trage. Zum Beispiel wenn er im Spätherbst zu den Besatzgewässern fährt und die inzwischen prächtig gediehenen ehemaligen Jungfische herausfängt. „Wenn man sieht, dass man der Natur helfen kann und dass Arten wie der Atlantische Lachs weiterleben, dann ist das schon befriedigend.“

Nun sind Zahn und Hantke gespannt auf die weitere Entwicklung der Lachs- und Meerforellenbestände. „Gegenwärtig zählen wir in der Pulsnitz vielleicht fünf bis zehn Lachse im Jahr, die vorbeischwimmen“, sagt Zahn. „Es sollen aber mehr werden. Der geringe Verkehr hängt auch mit der relativ geringen Zahl an Jungtieren zusammen, die Zahn im Rahmen seines Projekts hier bislang jährlich ausgesetzt hat. Damit die Tiere gedeihen können, muss auch die Umgebung stimmen. Auch den Idealbestand auszutesten gehört zu seinem Projekt.

Auch sein Bundesgenosse Harry Hantke würde sich freuen, wenn die Kameras in Elsterwerda eifrig Lachse und Meerforellen zählen würden. Zu Hochzeiten schwammen weit über 10000 Lachse die Elbe hinauf und auch in die märkischen Flüsse. „Wir wollen, dass der Bestand sich selbst erhalten kann“, sagt Hantke. Das wäre ab mindestens 500 Elterntiere pro Jahr möglich. Ob der Bestand in der Pulsnitz, aber auch in der Stepenitz hält und möglichst weiter ansteigt, soll die Fischzählung mit den Kameras bestätigen. „Zufrieden ist man erst, wenn man Ergebnisse hat“, sagt Hantke. Die Daten dazu werden er und sein Potsdamer Mitstreiter Steffen Zahn ab September wieder sammeln können.

Von Rüdiger Braun

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