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Schausteller zittern vor neuen Sicherheitsnormen

Vorschriften für Karussells Schausteller zittern vor neuen Sicherheitsnormen

Unter Schaustellern geht die Angst um. Ab nächstem Jahr gilt eine neue Sicherheitsnorm zur technischen Überprüfung von Fahrgeschäften. Viele Betreiber werden sich teure Umbauten nicht leisten können und ihr Karussell dicht machen, heißt es in der Branche.

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Fahrgeschäfte unter Dauerbelastung: Auf dem Neuruppiner Martinimarkt locken Hochgeschwindigkeitskarussells die Besucher an.

Quelle: Peter Geisler

Potsdam. Berg- und Talbahnen, Kettenflieger und Riesenräder drehen wieder ihre Runden. Die Weihnachtsmärkte sind Hochsaison für die Schausteller. Ein Drittel des Jahresgeschäfts wird im Dezember gemacht. Aber jetzt geht die Angst um. Für die Sicherheitsüberprüfung von Fahrgeschäften soll ab 2016 eine neue EU-weite Norm gelten. Die „DIN EN 13814“ ist zum Schreckgespenst auf Rummelplätzen und Jahrmärkten geworden. Sie gilt zwar schon, aber ein letzte Schonfrist endet jetzt. Hunderte Schausteller bundesweit bangen um ihre Existenz. Die Hälfte der 900 Fahrgeschäfte – von der Achterbahn bis zur Walzerfahrt – könnte in der nächsten Zeit vom Markt verschwinden, heißt es in der Branche.

Fahrgeschäfte müssen für schwerere Personen ausgerichtet sein

Viele Betreiber von „Fliegenden Bauten“, wie Karussells in der Amtssprache heißen, müssen wohl aufrüsten. Bauteile, die bislang 75 Kilogramm aushalten, müssen künftig für 100 Kilo schwere Personen geeignet sein. Laut Experten reicht dafür der Austausch von Gondeln oft nicht aus, sondern es müssen neue Träger und Stützen eingebaut werden.Gefordert werden zudem zusätzliche Sicherheitsbügel, Einzelsitze statt Sitzbänken, Anschnallgurte und – was besonders teuer ist – eine zweite Notabschaltung der Anlage.

Karussells in Freizeitparks sind nicht betroffen

„Da laufen schnell fünf- oder gar sechsstellige Kosten auf, auch für Gutachten. Viele Betreiber können sich das nicht leisten und werden dicht machen“, sagt der Präsident des Bundesverbandes der Schausteller, Hans-Peter Arens. Er ist auch darüber erbost, dass die für die Anlagensicherheit zuständigen Bundesländer – im Gegensatz zum europäischen Ausland - nicht den Bestandsschutz für ältere Fahrgeschäfte gewähren. „Konsens war, dass nur für ab 2004 gebaute Anlagen die neue Norm gilt“, schimpft Arens. Ihn wurmt überdies, dass nur mobile Fahrgeschäfte betroffen sind, nicht aber fest installierte in Freizeitparks.

Überschaubarer Markt

103 Mitglieder aus Brandenburg sind im Deutschen Schaustellerbund gemeldet. Dazu kommen aktive Familienmitglieder.

Märkische Schausteller bespielen mit ihren Fahrgeschäfte, Losbuden und Schießstunden jedes Jahr bundesweit knapp 10 000 Volksfeste.

0,2 Prozent aller deutschen Volksfestbesucher findet man in Brandenburg – der hiesige Markt ist also recht überschaubar.

Unter den großen deutschen Volksfesten kommt der Neuruppiner Martinimarkt mit rund 100 Schaustellern an zehn Tagen auf Platz 47.

Thomas Müller, Chef des Brandenburgischen Schaustellerverbandes, fürchtet um seine Mitgliedsbetriebe. Viele hätten kaum finanzielle Polster für Investitionen. „Bei den Kleinen ist nichts zu holen. Die werden sagen, dann lass’ ich’s lieber“, so Müller. Thilo-Harry Wollenschläger, Chef des Fachverbandes reisender Schausteller in Brandenburg, wehrt sich gegen den Vorwurf, die Fahrgeschäfte seien nicht sicher: „Die deutschen TÜV-Normen sind schon jetzt sehr hoch.“ Wollenschläger, der sein Stammquartier in Bötzow (Oberhavel) hat, betreibt eine 60 Jahre alte Walzerbahn. Sie ist ein Unikat, Ersatzteile gibt es nicht von der Stange, trotzdem habe er immer wieder nachgebessert. Alle zwei Jahre prüfe der TÜV ohnehin. „Sicherheit geht für mich schon immer vor“, sagt Wollenschläger. Die neue DIN-Norm sei verzichtbar.

Das dachte sich auch Heiko Schierenbeck. Der Achterbahnbetreiber aus dem niedersächsischen Weyhe zog vor Gericht und verlor gegen den TÜV Nord. Das Lüneburger Oberverwaltungsgericht entschied Anfang Dezember, dass sich auch Schierenbecks „Black Hole“ (Baujahr 1986) der neuen Norm unterwerfen müsse. Die erhöhten Kosten seien angesichts der wachsenden Sicherheitsanforderungen vertretbar, urteilten die Richter.

Nicht alle Schausteller sehen die neuen Normen kritisch

Rudolf Wieland, Geschäftsführer beim TÜV Nord, verweist darauf, dass mit der bisherigen Norm nicht alles erfasst werde. Es gehe um Hochgeschwindigkeitsbahnen mit drehenden Teilen, die hohen Belastungen unterlägen – wie etwa „Breakdancer“, fliegende Teppiche oder Kraken. „Dort werden Bauteile nun stärker auf Materialermüdung untersucht“, so Wieland. Es gebe immer wieder Unfälle. „Aber wir gehen mit Augenmaß vor.“ Man werde sich nicht darüber streiten, ob bei älteren Karussells das Geländer einen halben Zentimeter höher sein müsse. Die Verhältnismäßigkeit der technischen Checks müsse gewahrt bleiben, sagt auch Steffen Streu, Sprecher im zuständigen Brandenburger Bauministerium.

Schausteller Karl Meyer aus Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark) sieht in der neuen DIN-Norm keine Gefahr. Das Familienunternehmen – mit Sohn Christoph in sechster Generation – steht mit seinem „Breakdancer“ wieder am Alexa in Berlin. „Ältere Fahrgeschäfte sollten streng kontrolliert werden“, sagt Meyer. Mit seinem Sohn, einem Karosseriebauer, prüfe er die eigene Bahn ständig auf Herz und Nieren. Dazu komme jährlich nach dem Neuaufbau der TÜV. Meyer leidet derzeit eher unter Besuchermangel. „Durch die Terrorwarnung kommen die Leute nicht mehr in Massen.“

Von Volkmar Krause

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