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Brandenburg Schneller als Computer: Stenografinnen im Parlament
Brandenburg Schneller als Computer: Stenografinnen im Parlament
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00:19 22.11.2017
Annemarie Mersch aus Potsdam ist Stenografin im Bundestag.. Quelle: Kühnel
Potsdam

Sylvia Beckers braucht für ihren Job stets die volle Konzentration. Während der Plenarsitzungen des Landtags sitzt sie direkt neben dem Rednerpult, ihr darf kein Wort entgehen. Alles muss die Schnellschreiberin notieren. Nach zehn Minuten wird sie abgewechselt. Dann muss sie ihren Text bearbeiten. Das erfolge möglichst nah am Wortlaut der Redner, aber immer im Sinne der Verständlichkeit, sagt die 29-Jährige. Sie arbeitet als Stenografin im Landtag, seit zwei Jahren und ist dort die Jüngste im Team.

Die Potsdamerin gehört zu den Nachwuchstalenten in Deutschland und kann sogar schon einen Weltmeistertitel vorweisen. Kürzlich bei der „Intersteno“ holte sie den Titel in der Disziplin Protokollieren.

Aus Potsdam stammt auch Annemarie Mersch (26). Sie ist Stenografin im Bundestag. Dort ist sie seit zwei Jahren Anwärterin, also Auszubildende. Das bleibt sie so lange, bis sie ihren Master-Abschluss in Germanistik in der Hand hat. Anders als im Landtag Brandenburg wechseln die Stenografen in Berlin im Fünf-Minuten-Takt.

Beiden Frauen ist gemeinsam, dass sie sich schon sehr früh mit dem Schnellschreiben befasst haben. Die 29-jährige Beckers erlernte die Kurzschrift in einer Arbeitsgemeinschaft in der Schule, weil ihre gesamte Familie dieses Hobby verfolgte und sie es als nützlich empfand, so einfacher Schulstunden und später Uni-Seminare mitzuschreiben.

Studiert hat sie im Bachelor Französisch und Spanisch und im Master Medientext- und Medienübersetzung. Einfach zu stenografieren seien vorbereitete Texte, die die Abgeordneten ablesen oder die Fragestunde nach der Plenarsitzung: „Durch den häufigen Rednerwechsel hat man viele Pausen“, sagt Sylvia Beckers. Nicht so gut stenografierbar seien hingegen unvorbereitete Reden. „Sobald viele Emotionen hochkochen, werden Grammatik und Satzbau vernachlässigt, da muss ich dann vielen Rednern etwas auf die Sprünge helfen“, sagt sie und schmunzelt.

Annemarie Mersch lernte die sogenannte Verkehrsschrift in den Sommerferien zur Schulzeit innerhalb von nur sechs Wochen gemeinsam mit ihrer Mutter, die Steno-Kurse gab. Normalerweise brauchen Anfänger ein halbes bis ein Jahr, um die Verkehrsschrift zu erlernen. In der Stenografie gibt es drei verschiedene Schriftarten: Die Verkehrsschrift, die Eilschrift und die Redeschrift. „Mit der Verkehrsschrift kann man auf jeden Fall schon vieles mitschreiben, die wird dann eben stufenweise kürzer und schneller“, sagt Annemarie Mersch. Talentscouts hatten sie 2016 bei einer Stenografie-Meisterschaft entdeckt, daraufhin bewarb sie sich und ging durch ein ausführliches Bewerbungsgespräch mit vielen Fragen zum Allgemeinwissen, zum Bundestag und zur Stenografie.

Sylvia Beckers Stenografin Landtag Quelle: Josefine Kühnel

Im Potsdamer Landtag protokollieren zehn Stenografen die Plenardebatten. Im Anschluss werden die Texte korrigiert. Angefangene, unbeendete Wortfetzen müssen ausformuliert und Sprachmacken entfernt werden, wie „entsprechend, eigentlich, natürlich, also oder ähm“. Dazu muss Sylvia Beckers, wie sie betont, auch Hintergrundinformationen recherchieren, wenn zum Beispiel auf einen Paragrafen verwiesen wird, dessen Inhalt nicht genannt wird oder auf eine Äußerung, die in der Zeitung stand. „Nur die Anwesenden wissen, was gemeint ist, wer im Nachhinein das Protokoll liest, braucht deshalb Zusatzinformationen über die Zusammenhänge in Klammervermerken.“

Dies sei auch der Grund, warum die Stenografen niemals durch einfache Tonbandaufzeichnungen zu ersetzen seien: Wenn zum Beispiel jemand eine Akte hochhalte und sage „Können Sie hier nachlesen“, dann müsse das „hier“ genauer definiert werden. „Durch uns“, sagt Sylvia Beckers. Tonbandaufnahmen könnten auch keine Stimmen, Klatscher oder Zurufe zuordnen. Ebenso seien Gestik und Mimik wie Schulterzucken, Kopfnicken, in einer Akte blättern, nur durch persönliche Beobachtung zu erkennen.

Für Annemarie Mersch ist es ein absoluter Traumjob: „Ich mag es, mitten im Tagesgeschehen am Puls der Zeit zu sein, ich bekomme mit, was gesellschaftlich relevant ist und worüber Deutschland spricht. Wir sorgen durch unsere Protokolle ja auch für Transparenz, damit die Bürger lesen können, wie die Debatten verlaufen sind.“

In normalen betrieblichen Ausbildungen wird Stenografie nicht mehr gelehrt. Wer selbst Stenografie erlernen möchte, muss sich an örtliche Stenografenvereine wenden. Auch einige Volkshochschulen bieten entsprechende Kurse an. Die Kurzschrift kann man sich aber auch mithilfe von Stenografiebüchern selbst beibringen.

Von Josefine Kühnel

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