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Sekunden entscheiden über Leben und Tod

Rettungskräfte im Stau Sekunden entscheiden über Leben und Tod

Während Urlauber auf dem Weg nach Hause oder ans Meer über Stillstand auf der Autobahn genervt sind, zählt für Rettungskräfte im gleichen Moment jede Sekunde. Immer häufiger bleiben die Einsatzfahrzeuge aber im Stau stecken, weil Kraftfahrer keine Rettungsgasse bilden. Dass die freie Bahn Leben rettet, scheint vielen nicht bewusst zu sein.

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In Baustellen, wie hier auf der A24, wird die Gasse zwischen den Fahrzeugen noch enger.
 

Quelle: Peter Geisler

Potsdam.  Oft sind es nur Sekunden, die über Leben und Tod entscheiden. Nach einem Verkehrsunfall eilen Rettungskräfte so schnell wie möglich an den Unfallort. „Nach 15 Minuten endet die Hilfsfrist“, sagt Sven Schmidt, Rettungsassistent bei den Johannitern in Beelitz (Potsdam-Mittelmark). Die Wege auf dem Land sind oft weit und immer wieder passiert es, dass Einsatzkräfte noch bevor sie den Unfallort erreichen auf der Autobahn im Stau zwischen Autos und Lastern stecken bleiben. Rettungshelfer und Feuerwehren beklagen landesweit, dass ihnen bei Einsätzen immer öfter der Weg versperrt wird.

Erst am Mittwoch gab es gegen vier Uhr einen schweren Unfall auf dem südlichen Berliner Ring der A10 bei Glindow (Potsdam-Mittelmark). Ein Transporter überschlug sich, landete im Graben und fing Feuer. Als die zuständige Feuerwehr aus Werder/Havel am Stauende eintraf, gab es kein Durchkommen. Wie der Einsatzleiter berichtete, mussten die Kameraden die letzten zwei Kilometer zu Fuß zurücklegen. „Wir haben etwa zehn bis fünfzehn Minuten verloren“, sagt er. Nachts seien besonders die vielen Lkws problematisch, die zu großen Teilen aus dem Ausland stammen. Sobald der Verkehr stockt, verlassen sie die rechte Spur und belegen somit im Stau auch die anderen. „Zwei Laster standen dicht an dicht nebeneinander. Wie soll ein großes Feuerwehrauto da durchkommen?“, so der Einsatzleiter. Manchmal müsse man sogar mit den Fahrern, die im Stau mit ihren Kollegen mitten auf der Autobahn Kaffee trinken, diskutieren, damit sie Platz machen. „Was auch viele Autofahrer vergessen: Je schneller wir am Unfallort sind, umso schneller löst sich auch der Stau“, sagt der Feuerwehrmann.

“Vorsichtshalber immer eine Gasse bilden“

Wenn Sven Schmidt im Rettungswagen am Lenkrad sitzt und sich durch kreuz- und querstehende Fahrzeuge schlängeln muss, kommt ihm das wie eine Ewigkeit vor. „Oft fahren wir meterweise nur im Schritttempo und verlieren Zeit, die am Ende entscheidend ist“, sagt er. „Die Autofahrer sollten sich nur mal vorstellen, dass sie selbst am Straßenrand im Wrack ihres Autos eingeklemmt sind und auf Hilfe warten.“ Die Zeit werde so oder so schon lang genug. Dass es im Grunde fast immer dazu kommt, dass keine Rettungsgasse gebildet wird, kann sich Schmidt nur damit erklären, dass viele Autofahrer gar nicht darüber nachdenken. „Ein Stau kann ja die verschiedensten Gründe haben. Manchmal ist es nur eine Baustelle“, sagt der Rettungsassistent. Trotzdem schade es nicht, die Gasse vorsichtshalber zu bilden.

So funktioniert die Rettungsgasse

Bei zwei Fahrspuren wird die Rettungsgasse in der Mitte der Fahrbahn gebildet. Kraftfahrer auf der linken Spur weichen nach links aus und auf der rechten Spur nach rechts.

Bei dreispurigen Straßen bildet sich die Gasse auf der mittleren Spur. Kraftfahrer, die sich links befinden, weichen nach links aus und die Fahrer auf der mittleren und rechten Spur nach rechts.

Auf vierspurigen Fahrbahnen , die es auch in Brandenburg häufig im Bereich von Autobahnkreuzen gibt, wird die Rettungsgasse ebenfalls in der Mitte gebildet.

1982
  führte Deutschland die Rettungsgasse ein. Aktuell ist sie in auch in Tschechien, Österreich und Ungarn verpflichtend vorgeschrieben.

Gesetzlich geregelt ist sie in §11, Absatz 2 der Straßenverkehrsordnung (StVO). Das Gesetz schreibt die Bildung einer Gasse für Einsatzkräfte vor, wenn der Verkehr bereits stockt. Wer sie nicht vorschriftsmäßig bildet, riskiert ein Bußgeld in Höhe von 20 Euro.

Bei Blaulicht und Martinshorn gilt für Kraftfahrer: Geschwindigkeit verringern, am linken oder rechten Fahrbahnrand orientieren, Einsatzfahrzeuge beobachten, beim Ausweichen Blinker setzen, ausreichend Abstand halten und nur im Zweifelsfall anhalten.

Der Standstreifen gilt nicht als Rettungsgasse, weil er oft nicht auf ganzer Länge ausgebaut ist und durch Pannenautos blockiert sein kann.

Die Polizei führt keine Statistik darüber, wie oft Einsatzkräfte verzögert an die Unfallorte kommen. „Wir können nur an jeden Autofahrer appellieren, sich bei den ersten Stauerscheinungen so zu bewegen, dass eine Durchfahrt möglich ist“, sagt Dietmar Keck vom Brandenburger Polizeipräsidium. Gesetzlich geregelt ist die Einhaltung der Rettungsgasse in der Straßenverkehrsordnung. Wer sie nicht ordnungsgemäß bildet, riskiert ein Bußgeld in Höhe von 20 Euro. In Österreich müssen Autofahrer etwa 2000 Euro zahlen.

Aufklärung statt höhere Strafen

„Dass es Probleme mit der Rettungsgasse gibt, ist uns schon länger bekannt“, sagt Daniel Tolksdorf, Sprecher des ADAC-Landesverbands Berlin-Brandenburg. Härtere Strafen würden schnell gefordert, wenn die Dinge nicht funktionieren. Zielführender sei aber die Aufklärung und den Menschen bewusst zu machen, dass sie die Rettungsgasse schon bei stockendem Verkehr bilden müssen. Im Zweifel solle man wenigstens genügend Abstand zum Vordermann einhalten. „Das funktioniert nur, wenn alle an einem Strang ziehen“, so Tolksdorf. Denn oftmals beklagen Einsatzkräfte auch, dass die Gasse wieder geschlossen wird, sobald die ersten Helfer durchgefahren sind. „Ich glaube, es gibt wohl keinen Autofahrer, der absichtlich keinen Platz macht“, sagt der ADAC-Sprecher. Denn eigentlich lerne man das bereits in der Fahrschule.

Andy Laube

Andy Laube

Quelle: Julian Stähle

Dass sich der „Reißverschluss gleich wieder schließt“, konnte Andy Laube, Einsatzleiter der Feuerwehr Ziesar (Potsdam-Mittelmark) nach einem schweren Auffahrunfall auf der A2 nahe Brandenburg/Havel Anfang des Monats im Rückspiegel beobachten. Generell hätten die Fahrer zunächst keine Rettungsgasse offen gelassen. „Das hat besonders am Anfang des Einsatzes wertvolle Zeit gekostet“, sagt Laube. Der Feuerwehrmann ärgere sich außerdem über Fahrer, die ihre Autos mitten auf der Fahrbahn stehen lassen und am Unfallort „gaffen“. Sein Fazit aus diesem Einsatz lautet, dass härtere Strafen und mehr Unterstützung der Politik unverzichtbar sind.

Von Luise Fröhlich

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