Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Silvio S. führte das Leben eines Außenseiters
Brandenburg Silvio S. führte das Leben eines Außenseiters
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:39 18.07.2016
Die Prozessbeteiligten am zehnten Verhandlungstag. Quelle: Nadine Fabian
Anzeige
Potsdam

Mit dem Rückzugsort im Grünen ist es nie etwas geworden. Für Silvio S. war es schon Herausforderung genug, in seiner Kleingartenparzelle in Luckenwalde (Teltow-Fläming) den Rasen zu mähen. Eine Hütte, wie er es plante, hat er tatsächlich nie gebaut. Zu teuer, wenn man sie im Baumarkt kauft. Und wenn es sie gebraucht günstiger gäbe, wären Zaun und Hecke im Weg. Dabei war das sein Projekt: ein geheimer Ort, von dem er niemandem etwas erzählte.

Flucht aus dem Alltag

Es sollte seine Flucht sein aus dem elterlichen Wohnhaus im märkischen Kaltenborn (Teltow-Fläming), einem Ort von 85 Seelen, indem er von Geburt an gelebt hat. Eine Flucht aus dem Alltag, den die anderen für ihn organisieren. Die Mutter wäscht die Wäsche, die Großmutter kocht das Mittagessen und der Vater raunzt ihn an, sich doch mal zu waschen, zu rasieren und ordentlich anzuziehen. Aber selbst das schafft er nicht.

Das ist die eine Seite, von der Silvio S. im Gespräch mit dem psychiatrischen Gutachter bereitwillig Auskunft gegeben hat. Der 33-Jährige, der sich vor dem Potsdamer Landgericht wegen der Entführung, des Missbrauchs und Mordes des kleinen Elias, 6, und des Berliner Flüchtlingsjungen Mohamed, 4, verantworten muss, hat insgesamt fünf Stunden lang mit Matthias Lammel gesprochen. Am gestrigen zehnten Prozesstag stellte der Experte sein abschließendes Gutachten vor.

Die Angst vor anderen Menschen

Silvio S. hat aus seinem Leben erzählt, das sich darstellt wie in einem hoffnungslosen Scripted-Realty-Format im Privatfernsehen. Silvio S., der ewige Verlierer. Den sie in der Schule gehänselt haben und der darüber die letzte Achtung vor sich selbst verloren hat. Der allein gut genug war, um die anderen mit dem Auto in die Disco zu fahren. Der schon mit jungen Jahren eine unerklärliche Angst davor entwickelt hat, anderen Menschen zu begegnen.

Es ist die andere Seite des Silvio S., dem jedes Empathievermögen abzugehen scheint. Fremde Gefühle nachzuvollziehen, sich vorzustellen, wie sehr Elias und Mohamed gelitten haben müssen, das vermag er genauso wenig wie seinen Körper zu pflegen oder seinen Kleingarten zu bewirtschaften, in dem er den Leichnam des kleinen Elias verscharrte.

Uneingeschränkt schuldfähig

Lammel attestiert dem mutmaßlichem Kindsmörder eine Persönlichkeitsstörung, für uneingeschränkt schuldfähig hält er ihn dennoch. Silvio S. sei weder krankhaft seelisch gestört noch vermindert intelligent, das sind die Voraussetzungen, die der entsprechende Paragraf im Strafgesetzbuch definiert. Auch sieht Lammel bei dem Angeklagten keine sicheren Hinweise auf Pädophilie. Von Kindern sei schlichtweg weniger Gegenwehr zu erwarten gewesen.

Silvio S., so scheint es, hat es sich gerne einfach gemacht. Die Mutter kümmerte sich um seine Finanzen, den Bausparvertrag, die Riesterrente, den gemeinsamen Kauf das Hauses. Er zahlte, ansonsten hielt er sein Geld zusammen. Auf dem Smartphone scheute er es, einschlägige Sexseiten aufzurufen – aus „Angst vor Kostenfallen“.

Freiwillig in die Nachtschicht

Als Silvio S. 2008 nach zwei abgebrochenen Lehren und zahllosen vergeblichen Bewerbungen schließlich im Wachschutz beruflich Fuß fassen konnte, ließ er sich freiwillig für Nachtschichten einteilen – weil er da mit niemandem reden musste. Wenn man ihm riet, auf das Äußere zu achten, um eine Frau zu finden, hielt er ein „Die kriege ich sowieso nicht“ entgegen. Stattdessen zog er sich in seinem Zuhause in Kaltenborn zurück und schaute gewaltverherrlichende Pornos, wenn ihm langweilig war. Irgendwann reichte ihm das nicht mehr – für Elias und Mohamed war es das Todesurteil.

Die Verhandlungstage im Überblick

1. Prozesstag: Anklage enthüllt grausige Einzelheiten

2. Prozesstag:
Bekannte von Silvio S. sagen aus

3. Prozesstag:
Überraschung am Ende des dritten Tages

4. Prozesstag:
Emotionale Aussage der Mutter von Mohamed in Potsdam

5. Prozesstag:
Gruseliger Verhandlungstag im Prozess gegen Silvio S.

6. Prozesstag:
Die sexuellen Fantasien des Silvio S.

7. Prozesstag:
Ein Geständnis, aber kein Bedauern

8. Prozesstag:
DNA von Silvio S. auf Slips der toten Kinder

9. Prozesstag:
Erhöhter Druck auf Silvio S. und qualvolle Details

10. Prozesstag:
Psychiatrisches Gutachten und das erste Plädoyer

Von Bastian Pauly

Brandenburg Umstrittene Wahl in Guben - Bürgermeister ohne Rathaus?

Das gab es in Brandenburg noch nie: In Guben (Spree-Neiße) hat der vorbestrafte Ex-Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner (FDP) die Stichwahl um den Rathauschef am Sonntag klar gewonnen. Offen ist, ob er den Posten tatsächlich antreten kann.

18.07.2016
Brandenburg Der große Wunsch vom Flughafenchef - BER-Start vor erstem Schnee am Ende 2017

Am Montag tagte der Sonderausschuss BER im brandenburgischen Landtages in Potsdam. Flughafenchef Karsten Mühlenfeld berichtete von den Fortschritten bei der Entrauchungsanlage und machte klar, dass die ersten Flugzeuge spätestens Anfang November in Schönefeld abheben sollten.

18.07.2016

MAZ-Serie zur Kreisgebietsreform: Im ersten Teil nimmt nach dem Landtagsbeschluss zum Leitbild die Oberbürgermeisterin von Brandenburg/Havel, Dietlind Tiemann (CDU), Stellung zu den Plänen von Rot-Rot. Sie kündigt eine Volksinitiative an. Das Vorgehen der Landesregierung erinnert sie unterdessen an den gescheiterten BER.

19.07.2016
Anzeige