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Silvio S. führte das Leben eines Außenseiters

Elias-Prozess in Potsdam Silvio S. führte das Leben eines Außenseiters

Am zehnten Verhandlungstag wurde ein abschließendes Gutachten über Silvio S. vorgestellt.. Der Angeklagte ist demnach ein zwanghafter Einzelgänger – doch das wird den mutmaßlichen Mörder von Elias (6) und Mohamed (4) voraussichtlich nicht vor einer hohen Strafe bewahren.

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Die Prozessbeteiligten am zehnten Verhandlungstag.

Quelle: Nadine Fabian

Potsdam. Mit dem Rückzugsort im Grünen ist es nie etwas geworden. Für Silvio S. war es schon Herausforderung genug, in seiner Kleingartenparzelle in Luckenwalde (Teltow-Fläming) den Rasen zu mähen. Eine Hütte, wie er es plante, hat er tatsächlich nie gebaut. Zu teuer, wenn man sie im Baumarkt kauft. Und wenn es sie gebraucht günstiger gäbe, wären Zaun und Hecke im Weg. Dabei war das sein Projekt: ein geheimer Ort, von dem er niemandem etwas erzählte.

Flucht aus dem Alltag

Es sollte seine Flucht sein aus dem elterlichen Wohnhaus im märkischen Kaltenborn (Teltow-Fläming), einem Ort von 85 Seelen, indem er von Geburt an gelebt hat. Eine Flucht aus dem Alltag, den die anderen für ihn organisieren. Die Mutter wäscht die Wäsche, die Großmutter kocht das Mittagessen und der Vater raunzt ihn an, sich doch mal zu waschen, zu rasieren und ordentlich anzuziehen. Aber selbst das schafft er nicht.

Das ist die eine Seite, von der Silvio S. im Gespräch mit dem psychiatrischen Gutachter bereitwillig Auskunft gegeben hat. Der 33-Jährige, der sich vor dem Potsdamer Landgericht wegen der Entführung, des Missbrauchs und Mordes des kleinen Elias, 6, und des Berliner Flüchtlingsjungen Mohamed, 4, verantworten muss, hat insgesamt fünf Stunden lang mit Matthias Lammel gesprochen. Am gestrigen zehnten Prozesstag stellte der Experte sein abschließendes Gutachten vor.

Die Angst vor anderen Menschen

Silvio S. hat aus seinem Leben erzählt, das sich darstellt wie in einem hoffnungslosen Scripted-Realty-Format im Privatfernsehen. Silvio S., der ewige Verlierer. Den sie in der Schule gehänselt haben und der darüber die letzte Achtung vor sich selbst verloren hat. Der allein gut genug war, um die anderen mit dem Auto in die Disco zu fahren. Der schon mit jungen Jahren eine unerklärliche Angst davor entwickelt hat, anderen Menschen zu begegnen.

Es ist die andere Seite des Silvio S., dem jedes Empathievermögen abzugehen scheint. Fremde Gefühle nachzuvollziehen, sich vorzustellen, wie sehr Elias und Mohamed gelitten haben müssen, das vermag er genauso wenig wie seinen Körper zu pflegen oder seinen Kleingarten zu bewirtschaften, in dem er den Leichnam des kleinen Elias verscharrte.

Uneingeschränkt schuldfähig

Lammel attestiert dem mutmaßlichem Kindsmörder eine Persönlichkeitsstörung, für uneingeschränkt schuldfähig hält er ihn dennoch. Silvio S. sei weder krankhaft seelisch gestört noch vermindert intelligent, das sind die Voraussetzungen, die der entsprechende Paragraf im Strafgesetzbuch definiert. Auch sieht Lammel bei dem Angeklagten keine sicheren Hinweise auf Pädophilie. Von Kindern sei schlichtweg weniger Gegenwehr zu erwarten gewesen.

Silvio S., so scheint es, hat es sich gerne einfach gemacht. Die Mutter kümmerte sich um seine Finanzen, den Bausparvertrag, die Riesterrente, den gemeinsamen Kauf das Hauses. Er zahlte, ansonsten hielt er sein Geld zusammen. Auf dem Smartphone scheute er es, einschlägige Sexseiten aufzurufen – aus „Angst vor Kostenfallen“.

Freiwillig in die Nachtschicht

Als Silvio S. 2008 nach zwei abgebrochenen Lehren und zahllosen vergeblichen Bewerbungen schließlich im Wachschutz beruflich Fuß fassen konnte, ließ er sich freiwillig für Nachtschichten einteilen – weil er da mit niemandem reden musste. Wenn man ihm riet, auf das Äußere zu achten, um eine Frau zu finden, hielt er ein „Die kriege ich sowieso nicht“ entgegen. Stattdessen zog er sich in seinem Zuhause in Kaltenborn zurück und schaute gewaltverherrlichende Pornos, wenn ihm langweilig war. Irgendwann reichte ihm das nicht mehr – für Elias und Mohamed war es das Todesurteil.

Von Bastian Pauly

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Beweismaterial der Staatsanwaltschaft.

Das Landgericht Potsdam hat das Urteil gegen Silvio S. gefällt. Der Angeklagte wurde für den Mord am sechsjährigen Elias aus Potsdam sowie dem vierjährigen Mohamed zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt - jedoch ohne Sicherungsverwahrung. Der Liveticker zum Nachlesen.

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