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Brandenburg Silvio S. „war schon ein komischer Typ“
Brandenburg Silvio S. „war schon ein komischer Typ“
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21:15 20.06.2016
Der Kleingarten in Luckenwalde. Ermittler transportieren die sterblichen Überreste des kleinen Elias ab, den Silvio S. hier vergraben hatte. Quelle: Fotos: Julian Stähle
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Potsdam

Ronny, der Werkstattnachbar, schickte das Foto per WhatsApp. „Da hat aber einer Ähnlichkeit ...“ habe er dazugeschrieben. „Wir waren alle der Meinung, dass es sich um Silvio handelt“, erinnert sich Martin K. Er habe das Fahndungsfoto, das Ronny schickte, an seine Schwester weitergeleitet – und die dann an Silvios Schwester. So machte es die Runde im Dorf. Am Tag darauf, nachdem seine Mutter die Polizei informierte, wurde Silvio S. festgenommen.

Dienstag, 21. Juni wird der Prozess gegen Silvio S. fortgesetzt. Wir berichten live aus dem Gerichtssaal. Hier geht es zum Liveticker>>

Der einzige Freund erinnert sich

Martin K., der letzte Geladene am zweiten Tag des Prozesses gegen den mutmaßlichen Kindermörder Silvio S., ist ein besonderer Zeuge. Der 30-Jährige ist einer der wenigen, wenn nicht der einzige Freund des Wachschützers, der seit vergangener Woche wegen der Tötung von Elias (6) und Mohamed (4) vor dem Potsdamer Landgericht steht. Martin K. und Silvio S. sind gemeinsam in Kaltenborn (Teltow-Fläming) aufgewachsen.

Justizbeamte bringen Silvio S. in den Saal des Landgerichtes. Der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Elias und Mohamed wurde am Montag fortgesetzt. Quelle: dpa-Zentralbild

Auch im Erwachsenenalter hatten die beiden Kontakt, trafen sich regelmäßig in einer Autoschrauberwerkstatt, die Kfz-Mechaniker Martin K. angemietet hatte – um an Wagen rumzubasteln oder an den Computern zu daddeln, die in der Werkstatt standen – und von der Polizei beschlagnahmt wurden.

Keine Gespräche über Frauen – aus Mangel an Erfahrung

Ob Silvio S. auch mal auf Pornoseiten gesurft habe, will der Vorsitzende Richter Theodor Horstkötter wissen. „Nein“, sagt Martin K., „jedenfalls nicht, wenn ich dabei war.“ Sex, Liebe, Frauen – das seien Themen gewesen, über die man mit Silvio nicht reden konnte. Mangels Erfahrung. Per Handy-App habe sein Jugendfreund versucht, Frauen kennenzulernen. Vergebens. Er habe außer „Hallo“ nicht gewusst, was er im Chat antworten sollte.

MAZ-Spezial zum kleinen Elias>>

Das deckt sich mit den Beschreibungen seiner Kollegen. Ein „verschlossener Einzelgänger“ sei er gewesen, sagt sein direkter Vorgesetzter Lothar F. Silvio S. fuhr für die Teltower Sicherheitsfirma die „Streife 3“, eine nächtliche Route rund um Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark). Seine Einstellungspapiere seien tadellos gewesen, aber bei einer Kontrolle habe er festgestellt, dass Silvio S. bei seinen Rundgängen zu lax gewesen sei, sagt Lothar F.

In der Wohnung roch es nach „altem Mann“

Bei seinem Gehalt von rund 1800 Euro brutto sei Silvio S. oft schlecht bei Kasse gewesen, erinnert sich Freund Martin K. Ein einziges Mal sei er in der Wohnung von Silvio S. in Kaltenborn gewesen. Um zu helfen, einen schweren Röhrenfernseher nach oben zu tragen, den S. günstig erstanden habe. Vor diesem Fernseher soll Silvio S. später den Flüchtlingsjungen Mohamed missbraucht und die Tat mit dem Smartphone gefilmt haben. Auf diesem habe Silvio auch einmal eine Kleinanzeige für Kinderkleidung offen gehabt, erinnert sich Martin K. Er dachte, er suche ein Geschenk für seine Nichte.

„Es hat nach altem Mann gerochen“, sagt Martin K. über den mutmaßlichen Tatort, die Wohnung in Kaltenborn. Aber ein derartiges Verbrechen an diesem Ort? „Das konnte sich niemand vorstellen, im ganzen Dorf nicht“, sagt er erschüttert.

Gartennachbarn sind entsetzt

Auch den Nachbarn aus der Kleingartensparte in Luckenwalde läuft heute noch ein kalter Schauder über den Rücken wenn sie daran denken, was nebenan, in Parzelle 27, vor sich gegangen sein soll. Silvio S. hatte den Garten ab Dezember 2014 gepachtet – ohne selbst seinem Freund Martin davon zu erzählen. Silvio habe gar kein großes Interesse an Gartenarbeit gezeigt, sagen die Kleingärtner.

Kleingarten ist heute ein Ort der Trauer>>

Öfter habe es Beschwerden gegeben, weil die Parzelle so ungepflegt sei, erinnert sich der damalige Vereinschef Jürgen K. (59). „Wir hätten dir doch einen Rasentrimmer geliehen“, sagt er im Gerichtssaal in Richtung des Angeklagten, „aber du warst ja auf einmal weg.“

„Er sagte, das solle ein Blumenbeet werden“

Oft gesehen habe man Silvio S. nicht, sagt auch das Ehepaar vom Garten nebenan. Und wenn, dann trug er die Klamotten – weißer Pulli, Jeans – die auch auf dem Fahndungsfoto zu sehen waren. Mit Handschuhen an den Händen habe Silvio im Sand neben dem stillgelegten Gartenteich des Vorbesitzers gebuddelt, erinnert sich Nachbar Ralf A. „Er sagte, das solle ein Blumenbeet werden“, sagt der 55-Jährige. „So sah das erst einmal aber gar nicht aus.“ Er habe ihm eine Schippe geborgt. „Dafür könnte ich mich heute noch ohrfeigen“, sagt A..

Der Garten indem der kleine Elias vergraben worden war, ist nun stiller Gedenkort für die Verwandten und Angehörige. Quelle: Julian Stähle

Er vermutet, dass der mutmaßliche Kindermörder Elias mit Hilfe seiner Schaufel unter der Teichfolie vergraben hat – eingeschnürt in ein Paket, das eine andere Nachbarin gesehen haben will. Auch zwei Wannen seien im Garten gewesen, wie man sie im Schlachthof benutzt, beschreibt sie den Ort. „Er war schon ein komischer Typ“, sagt die 27-jähriger Jessica L., „das haben wir immer gesagt.“

Als die Gartennachbarn über Silvio S. erzählen, das Unkraut in Parzelle 27 anmahnen, schüttelt der Angeklagte immer wieder den Kopf. Die Schilderungen scheinen ihn mehr zu bewegen als die Aussagen von Elias’ Mutter am ersten Prozesstag. Die verfolgte er reglos.

Silvio S. vor Gericht: Der erste Prozesstag im Liveticker zum Nachlesen>>

Der zweite Prozesstag: Das sagen Freunde und Kollegen über Silvio S. >>

Dieser Richter entscheidet im Prozess gegen Silvio S.>>

Von Marion Kaufmann

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