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Brandenburg Skeptische Physiker und wandernde Bäume
Brandenburg Skeptische Physiker und wandernde Bäume
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16:40 24.07.2017
Die Künstler und ihre Förderer auf dem Golmer Campus: Agnes Meyer-Brandis, freischaffende Künstlerin aus Berlin, Caterina Benincasa, Physikerin und Kunsthistorikerin, Rodrigo Perez-Garcia, Chemiker und Max-Planck-Forscher, der KLAS initiierte und schließlich Otavio Schipper, Physiker und Objektkünstler aus Rio des Janeiro (v. l.) Quelle: Rüdiger Braun
Golm

Otavio Schipper ist Physiker mit einem Abschluss an der Universität von Rio de Janeiro. Vielleicht ist es gerade seine Ausbildung, die ihn so kritisch gegen den naiven Glauben an die Objektivität der Wissenschaften macht. „Die Frage nach der Temperatur am heutigen Tag ist sinnlos“, behauptet Schipper zum Beispiel. Verweist man ihn auf das Thermometer an der Wand, das eine solche doch eindeutig anzeige, muss er lachen. Damit hat man ihm gerade die Waffe in die Hand gegeben, mit denen er den Gedanken einer gültigen Objektivität ad absurdum führt. Die Einführung der verschiedenen Temperaturgrade sind Konventionen. die Thermometer, die nach diesen Konventionen geschaffen worden sind, sind jeweils individuell geeicht und unterscheiden sich, wenn auch nur minimal, in ihren Ergebnissen voneinander. Je nach Thermometer wird immer eine andere Tagestemperatur erzeugt.

Wissenschaft und Kunst

KLAS - Knowledge Link through Art and Science, Wissensverbindung durch Kunst und Wissenschaft, heißt das neue Gastkünstlerprogramm auf dem Wissenschaftspark Golm. Treibende Kräfte der KLAS-Teams sind Rodrigo Perez-Garcia und Caterina Benincasa. Sie arbeiteten mit Arren Bar-Even vom Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie und Tom Robinson vom Max-Planck-Institut für Kolloid und Grenzflächenforschung sowie Professor Jan Kok und Alex de Vries von der Universität Groningen zusammen, um das Programm eng mit Wissenschaftlern aus der Synthetischen Biologie selbst zusammenzustellen.

Rodrigo Perez-Garcia
(37) ist Chemiker aus Spanien und Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung. Mit seinem KLAS-Projekt richtet er sich gegen ein einseitiges Verständnis von Wissenschaft. „Ich glaube, dass Transdisziplinarität uns völlig neue Entdeckungen und Interpretationen ermöglicht“, sagt er. Die Gastkünstler würden einen ganz eigenen Standpunkt und eine eigene Perspektive auf Golmer Forschungsthemen offerieren und so möglicherweise die Forschung selbst inspirieren.

Caterina Benincasa (34) ist nicht nur Physikerin und Philosophin, sie hat auch einen Master in Ästhetik und Zeitgenössischer Kunst und nicht zuletzt an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg einen Master im Studium des Kulturerbes erworben. Sie ist Mitbegründerin und Geschäftsführerin des in Rom ansässigen Verbunds „Polyhedra“, der eine Plattform zur Verbindung von Kunst und Wissenschaft darstellt. Benincasa kennt die von Perez-Garcia geschätzte Szene aus wissenschaftsinteressierten Künstlern sehr gut, während der Max-Planck-Chemiker sich selbst als guten Organisator versteht. Mit ihren vereinigten Talenten gelang es den beiden, ihr Projekt Klas trotz anfänglichen Zögerns der Direktoren auf dem Campus durchzusetzen.„Wissenschaft gilt in unserer Gesellschaft als einzige Form der Wahrheit“, sagt sie. Andere Formen des Wirklichkeitszugangs wie Kunst und Religion würden marginalisiert. KLAS konfrontiere verschiedene Zugänge zur Wirklichkeit miteinander.

Am Massachusetts-Institute of Technology (MIT) im US-amerikanischen Cambridge lasse man schon seit Jahren Künstler wissenschaftliche Ergebnisse interpretieren – mit durchschlagendem Erfolg. Jetzt bilde in Deutschland der Wissenschaftscampus Golm eine Speerspitze dieser Bewegung. Bis vor Kurzem mieden die klassischen Wissenschaftsdisziplinen den Übergang ins Nachbarfach oder gar in die Welt der Kunst. „Menschen fürchten das Unbekannte“, sagt dazu Rodrigo Perez-Garcia. Aber man müsse lernen, mit Unsicherheiten zu spielen. Solche spielerischen Elemente bringen jetzt die ersten Gastkünstler des KLAS-Programms, Oavio Schipper und Agnes Meyer-Brandis, nach Golm. Das hat ungeahnte Wirkungen.

Die internationale Kunstszene interessiert sich jetzt für den Wissenschaftspark Golm. Das aktuelle Projekt wird in wichtigen Kunstmagazinen besprochen. Perez-Garcia schließt nicht aus, dass die beiden Gastkünstler Schipper und Meyer-Brandis mit ihren aus dem Besuch entstehenden Kunstwerken einen Platz auf der renommierten Biennale in Venedig bekommen. „Das Programm ist auch gut für Brandenburg“, sagt Perez-Garcia. Der Campus werde durch das Projekt Klas international noch bekannter. Das werde auch Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sehen, wenn er im November zusammen mit den Künstlern in Golm erstmals die entstandenen Werke präsentiere.

Nicht nur den Daten misstraut Schipper. „Durch unsere Art Wissenschaft zu machen, haben wir etwas verloren“, sagt er. An das etablierte System, wonach ein Forscher eine Hypothese aufstellen und dann Experimente dazu machen muss, die die Hypothese bestätigen oder wiederlegen, glaubt er nicht. „Unsere Art von Wissenschaft bezieht baut mehr auf Maschinen auf als auf Philosophie.“ Dabei habe doch noch Albert Einstein seine großartige Allgemeine Relativitätstheorie allein aus seinem Kopf entwickelt. Früher hätten Wissen, Magie und Glaube eine Einheit gebildet. Diese Einheit habe die moderne Wissenschaft verloren – und auch das Bewusstsein für das erlebende, fühlende Subjekt. Schipper versucht sie in seinen Installationen wieder herzustellen.

Ein ganzheitliches Erleben mit Klangwelten

Einen kongenialen Partner für seine Projekte hat Schipper im gleichaltrigen brasilianischen Musiker Sergio Krakowski gefunden, den er noch zu Studienzeiten an der Universität von Rio de Janeiro kennenlernte. Krakowski machte dort seinen Doktor on Computermusik. Krakowskis Kunst passt nicht nur wegen ihrer Verbindung von avancierter Technik und archaischer Kunst in Schippers Konzept. Krakowskis Klangwelten geben den Installationen Schippers die nötige Dimension des Akustischen, die zu den Themen passt, die Schipper umkreist: Sprache, Erinnerung, Übersetzung, Subjektivität und Wissen.

An der Berliner Akademie der Künste zum Beispiel hatte Schipper schon Ende 2015 seine Installation „Smoking Mirror“ vorgestellt. Sie besteht aus einer tatsächlich rauchig wirkenden Spiegelscheibe aus Obsidian, aus einer vergoldeten Scheibe und aus einer Kristallkugel. Die Objekte hingen alle frei im Raum. Schipper ließ sich bei der Wahl der Objekte vom englischen Astronom, Magiker und Mystiker John Dee inspirieren. Er war Hofastrologe und Berater von Königin Elisabeth I. im 16. Jahrhundert.

„Was ich mit der Installation versuche, ist, den Übergang von einem mentalen Zustand in einen anderen zu bewirken“, sagt Schipper. Die Forschung habe gezeigt, dass bestimmte Gehirnzustände wie Aufmerksamkeit oder Träumen mit bestimmten Frequenzen korrespondieren. Man könne diese Zustände durch Techniken wie Meditation, aber eben auch durch solch eine Installation erzeugen. Maßgeblich bei diesem Projekt waren die sphärischen Klänge, mit denen der Musiker Krakowski die Anordnung erfüllte.

Das Künstlerduo erreichte sein Ziel. „Die Leute reagierten auf die Installation wie auf eine andere Art von Realität“, so Schipper. Sie lauschten verzückt, schauten quasi ins Leere, manche legten sich entspannt unter die schwebenden Gegenstände. Darum war es Schipper zu tun: Wie erleben wir subjektiv die äußere Realität, wie ist ein ganzheitliches Erleben möglich?

Religion und Wissenschaft zusammensehen

Diesen Ansatz möchte er jetzt auch bei seinem Studienaufenthalt in Golm für das neue Artist-in-Residence-Programm verfolgen. Für das Thema „Synthetische Biologie“ schwebt ihm schon eine Idee vor. Aus den Gesprächen mit mehreren Forschergruppen hat sich für ihn das Bild vom „Urschlamm“ als Sinnbild des Lebendigen herauskristallisiert. Er hofft, biblische Schöpfungsgeschichte und modernste biologische Forschung in seiner neuen Installation zusammenbringen zu können. Und wieder soll Sergio Krakowski mit seiner Klangsprache das ganzheitliche Erlebnis ermöglichen, das Schipper anstrebt.

Erinnerung, das Thema, das Schipper seit Jahren beschäftigt, sei auch im Leben erhalten. „Die DNA ist die Erinnerung in der lebendigen Zelle“, sagt er. „Warum brauchen wir für die Definition von Leben Erinnerung?“ Wie wichtig die Erinnerung an andere Weltzugänge als den der rationalen Wissenschaft ist, will er auch mit seinem im November aus seinem Studienaufenthalt hervorgehenden Projekt zeigen.

Die in Berlin lebende Künstlerin Agnes Meyer-Brandis steht mit ihrem ungewöhnlichem Vorgehen Schipper in nichts nach. Man muss nur einmal eines Ihrer Projekte anschauen. Da steht mitten im Wald ein Tisch, darauf wiederum Teetassen, die von merkwürdigen Greifarmen gehalten werden, Messinstrumente, Kabel. Die freischaffende Künstlerin hat nichts dagegen, dass man ihren Aufbau in einem Gehölz beim finnländischen Hyytiälä „Installation“ nennt. Zugleich sieht sie darin eine echte Versuchsanordnung. Nicht umsonst standen die „Teacup Tools“, die „Teetassen Werkzeuge“ in einem Gelände, das die Abteilung Waldwissenschaft der Universität von Helsinki für ihre Feldforschungen nutzt.

Eine Expertin für subjektive Wissenschaft

„Wir sammeln alles, was in die Tassen fällt“, erklärt Meyer-Brandis das Experiment. Das seien eine Menge Daten. „Dann kochen wir Tee.“ Ein Coup dieser Anordnung: Bei der Auswertung der Daten durch die Rechner falle so viel Wärme an, dass man damit leicht das Wasser für den Tee zum Kochen bringen könne. Der Tee werde dann tatsächlich getrunken oder zumindest probiert. „Es ist der Tee der Umgebung. Es sind Daten zum Riechen und Schmecken.“ Man erfahre sinnlich, wie unterschiedlich die Luft an verschiedenen Orten der Welt sei.

Meyer-Brandis ist es durchaus ernst mit ihren Explorationen. Von Grenzen zwischen Wissenschaft und Kunst, zwischen Subjektivem und Objektiven hält die 44-Jährige nichts. Überhaupt hat sie eine Aversion gegen genaue Festschreibungen. Seit wann sie Künstlerin sei? Wann ihre Ausbildung aufgehört, ihr Beruf angefangen habe? Das könne sie nicht sagen. Alles ist im Übergang. Alles ist Prozess.

Schon seit Anfang der 2000er-Jahre bewegt sich die in Berlin lebende Künstlerin zwischen Performance, Installation und Erkenntnis. Damit ist die mehrfach mit Preisen ausgezeichnete und international aktive Künstlerin die ideale Kandidatin für das neue Artist-in-Residence Programm an den Golmer Max-Planck-Instituten für Molekulare Pflanzenphysiologie und für Kolloid- und Grenzflächenforschung.

„Forschungsfloss für Unterirdische Riffologie“ heißt ihre Webseite, die zugleich Plattform für eine neue Form der Welterkundung sein will, nämlich ein „Institut für Kunst und subjektive Wissenschaft“. Die Seite dokumentiert so skurrile Operationen wie Meyer-Brandis’ Suche nach einem Korallenriff unter der Spielfläche des Pollerwiesen Musikfestivals bei Köln mit einem speziellen Detektor im Jahr 2002 oder die Aufzucht einer „Mondgans-Kolonie“ aus elf in Italien geborenen Gänsen. Meyer-Brandis ahmte damit einen 1638 geschriebenen Roman über einen Mann im Mond nach. Der war mit seinen vor einen Wagen gespannte Gänse dorthin gelangt. Extrem auch ihre „Wolkenmaschine“, eine Glaskugel, in der man diverse Wolkenkernuniversen erblicken kann – sofern man es nur will.

„Ich entwickele eigene Methoden“, sagt Meyer-Brandis. „Ich muss keine wiederholbare Experimente machen. „Tools“, Werkzeuge, nennt sie die von ihr geschaffenen Elemente, mit denen sie Aspekte der Wirklichkeit erfasst – oder neu schafft? Genau ist das nicht zu sagen Es gehe nur darum, etwas zu erfahren. Schon als Kind habe sie sich gefragt, was sich denn eigentlich tief unter ihren Füßen befinde. Seitdem versucht sie Schicht um Schicht neue Aspekte der Wirklichkeit aufzudecken.

Mit Dingen spielen, anstatt sie zu beherrschen

Dabei geht es Meyer-Brandis gar nicht so sehr darum, etwas nachzuweisen oder auch nur zu verstehen. „Ich glaube nicht an das Verstehen!", sagt sie. Die Wirklichkeit sei letztlich unbegreifbar und immer nur subjektiv. „Ich bin einfach nur neugierig.“ Skeptisch ist sie gegenüber einem naiven Verständnis von Wissenschaft. „Die moderne Gesellschaft verbindet Wissenschaft zu sehr mit dem Begriff von Wahrheit“, so Meyer-Brandis. Sie habe einen anderen Zugang. „Ich will eine Tür öffnen.“ Man solle mehr mit den Dingen spielen, als sie beherrschen zu wollen.

Die künstlerische Arbeit über synthetischer Biologie, die sie nun in den nächsten Wochen an den beiden Max-Planck-Instituten und an der Universität Groningen kennenlernen wird, sei inspiriert von ihrem Projekt mit den Tassen im Wald. Sie habe damals Bäume als sehr anpassungsfähige Wesen kennengelernt. Aber der Klimawandel vollziehe sich so schnell, dass die majestätischen Pflanzen ihre übliche Strategie des Ausweichens in andere Zonen nicht mehr verfolgen könnten. Ihr schwebe ein Projekt über „Wandernde Bäume“ vor, sagt Meyer-Brandis. Zwar versichert sie, dass sie noch keinerlei Idee oder Bild vor sich habe und sich erst einmal mit der Forschung vor Ort beschäftigen müsse, aber von ihrer bisherigen Arbeit her, darf man wohl vermuten, dass der Begriff des „wandernden Baumes“ in ihrem neuen Werk, das im November präsentiert wird, eine sehr wörtliche Auslegung erfahren dürfte.

Von Rüdiger Braun

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