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So denken Todesmütter

Tötung der Babys aus "Affekt" So denken Todesmütter

Vor zehn Jahren wurden auf einem Grundstück in Brieskow-Finkenheerd die sterblichen Überreste von neun Babys gefunden. Die Mutter, Sabine H., soll sich nach den Geburten nicht um die Säuglinge gekümmert haben. Fälle wie dieser sind jedoch kaum zu verhindern, meint der Diplom-Pädagoge und Kinderschutzexperte Hans Leitner. Ein Interview.

2005 wurden auf einem Grundstück in Brieskow-Finkenheerd neun tote Babys entdeckt.
 

Quelle: dpa-Zentralbild

Potsdam.  Hans Leitner ist Leiter der Brandenburger Fachstelle Kinderschutz und hat viele Fälle von Kindstötungen untersucht. Er äußert sich im Interview zum Fall der neun getöteten Babys aus Brieskow-Finkenheerd. Die Mutter Sabine H. könnte möglicherweise schon früher aus der Haft entlassen werden. Eigentlich sollte sie für 15 Jahre hinter Gitter. Doch nun steht eine Anhörung bevor. Schon im September könnte sie wieder auf freiem Fuß leben.

MAZ: Herr Leitner, kann man Fälle wie den Fall von Sabine H. verhindern?

Hans Leitner: Das ist sehr schwierig, weil bei Kindstötungen unmittelbar nach der Geburt für die Frau ihre Schwangerschaft ja quasi gar nicht stattgefunden hat. Die Schwangerschaft wurde geleugnet und verdrängt – also sucht sie auch keine Hilfe. Diese Frauen sind nur dann zu erreichen, wenn sie öffentliche, vorwurfsfreie Ansprachen erreichen. Also die Nachbarin, die Kindergärtnerin, der Lehrer oder die Familie müssen nachfragen, wenn sie einen dickeren Bauch bemerken.

In Brandenburg wurden die Netzwerke gesunde Kinder gegründet. Es gibt eine Babyklappe und die Möglichkeit zur anonymen Geburt. Bringt das nichts?

Leitner: Es gibt in Deutschland eine ganze Reihe von Möglichkeiten, sein Kind legal „loszuwerden“, wenn man es nicht möchte. Aber an Frauen, die ihre Schwangerschaft nicht wahrhaben wollen, kommt man so nicht ran. Bei solchen Fällen werden ja sogar hormonelle Prozesse in Gang gesetzt: Die Frauen können trotzdem ihre Regel bekommen. Sie sind also in ihrer eigenen Wahrnehmung tatsächlich nicht schwanger.

Und werden dann von der Geburt überrascht.

Leitner: Genau. Die Frauen sind gar nicht auf eine Geburt vorbereitet. Oft kommt es dann zu Sturzgeburten, zum Beispiel in der Toilette. Die Tötung ist also nicht vorsätzlich, sondern geschieht aus dem Affekt heraus. Oft werden die Kinder dann auch so öffentlich abgelegt, dass sie gefunden werden.

Hans Leitner hat viele Kindstötungen untersucht.

Quelle: Privat

Auf der Anklagebank sitzen meist nur die Mütter. Warum kommen die Väter davon?

Leitner: Tatsächlich ist es meistens so, dass die Väter unmittelbar mit der Tötung nichts zu tun haben. Aber das entlässt sie natürlich nicht aus der Verantwortung: Auch sie können eine Schwangerschaft oder Veränderung in der Regel bemerken, aber eben nur wenn die Partnerschaft fortbesteht.

Sabine H. wird nun womöglich bald aus der Haft entlassen. Ist für sie ein normales Leben möglich?

Leitner: Nein, das wird nicht möglich sein. Damit umzugehen, die eigenen Kinder getötet zu haben, das ist sehr schwierig: Sie wird Begleitung, eventuell therapeutische Hilfe benötigen. Wenn jemand in ihrer neuen Nachbarschaft mitbekommt, wer sie ist, hat sie außerdem nichts mehr zu lachen: Wer Kinder umbringt, ist aus Sicht der Gesellschaft ganz unten und schon deshalb wird es schwierig sein, künftig ein „normales“ Leben führen zu können.

Von Marion Kaufmann

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