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So fand eine Rentnerin ihre Weihnachtsfamilie

Weihnachten So fand eine Rentnerin ihre Weihnachtsfamilie

Die Rentnerin Rosemarie Tessmer aus Kleinmachnow feiert Heiligabend nicht mit der eigenen Familie. Sie begeht das Fest der Liebe mit einer Familie, die sie sich selber ausgesucht hat. Wir haben die ungewöhnliche Familie besucht und Stunden voller Harmonie und Liebe erlebt.

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Leihoma Rosemarie Tessmer (2.v.l.) mit ihren Wunschenkeln Emanuel und Elisabeth sowie deren Mutter Anja

Quelle: Julian Stähle

Kleinmachnow. Weihnachten gehört der Familie. Das muss nicht unbedingt die eigene sein, sagt sich Rosemarie Tessmer. Seit acht Jahren feiert die 63-Jährige aus Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark) Heiligabend mit einer Familie, die sie sich selber ausgesucht hat: mit ihren Leihenkeln Elisabeth (14) und Emanuel (9) und deren Mutter Anja.

Rosemarie Tessmer sitzt mit ihrem Besuch an einem kalten Winternachmittag an der festlich gedeckten Kaffeetafel in ihrem Wohnzimmer. Kleine Schneemänner, Nussknacker, Pinguine und Weihnachtskugeln drängeln sich auf dem Wohnzimmerschrank, eine bunt blinkende Lichterkette schmückt das Fenster. Weihnachten ohne ihre Wahlfamilie? Das kann sich die Rentnerin, die noch bis vor Kurzem an der Supermarktkasse saß, nicht mehr vorstellen.

Über ein Ehrenamtsprojekt kam der Kontakt zu Stande

„Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie über die erste Begegnung mit ihren Leihenkeln. Im Rathaus von Kleinmachnow sollte damals das erste Rendezvous der Familien stattfinden. Als Rosemarie Tessmer in den Fahrstuhl stieg, kam eine Familie mit zwei Kindern hinzu. Der Junge saß noch im Kinderwagen, das Mädchen, damals sechs Jahre alt, trug einen Blumenstrauß und sagte: „Ich werde heute meine Wunschomi kennenlernen.“ – „Na, wenn das nicht ich bin“, dachte sich Rosemarie Tessmer und sollte recht behalten. Die Begegnung war kein Zufall. Über ein Ehrenamtsprojekt des Vereins Akademie Zweite Lebenshälfte hatte sich Rosemarie Tessmer auf die Suche nach Enkeln in ihrer Nähe gemacht, weil die eigenen zu weit weg leben. Zu ihrem Sohn und dessen Familie in Köln hat sie keinen Kontakt, das Verhältnis zu ihrer Tochter, die mit den beiden „echten“ Enkeln an der Schweizer Grenze wohnt, ist schwierig, sagt sie traurig: „Ich habe viel Liebe zu vergeben.“ Ihr Mann Reiner hatte nichts dagegen, dass sich seine Frau auf die Suche nach Wunschenkeln macht, mit denen sie häufiger etwas unternehmen kann.

Auch die Eltern träumten von einer Großmutter für ihren Nachwuchs, die nur einen Katzensprung entfernt wohnt. „Wir waren auf der Suche nach einer Oma, die vor Ort ist, weil die richtigen Großeltern sehr weit weg wohnen“, sagt Anja, die Mutter von Emanuel und Elisabeth. Zudem war die Baufinanzierungsberaterin damals kurz davor, wieder in den Job einzusteigen und kannte bereits ein Wunschoma-Projekt aus Berlin-Pankow.

Einmal in der Woche ist Oma-Tag

Nach dem ersten Treffen im Rathaus, bei dem sich die Familien, begleitet von einer Mitarbeiterin der Akademie Zweite Lebenshälfte, zunächst einmal beschnupperten, war schnell klar, dass die Chemie stimmte. Seither ist für die beiden Kinder einmal in der Woche Oma-Tag. Als sie noch arbeitete, trug sich Rosemarie Tessmer jeden Donnerstag in die Frühschicht ein, um nachmittags und abends Zeit für die Leih-Enkel zu haben. Anfangs schreibt Mutter Anja noch fürsorglich einen „Oma-Zettel“, damit die Wunschgroßmutter weiß, was zu tun ist. Doch schnell ist ein gegenseitiges Vertrauen da.

Im Laufe der Jahre wird aus Menschen, die sich nicht kannten, eine Familie. Die Wunsch-Oma ist eine liebevolle Spielkameradin und Zuhörerin, holt Emanuel noch heute einmal in der Woche vom Hort ab, geht mit ihm zum Spielplatz, Eisessen und Tischtennisspielen. Mit der großen Enkelin „quatscht“ sie gern und hört ihr beim Klavierspielen zu. Es ist eine Freundschaft entstanden, nicht nur mit den Kindern. „Anja ist die Tochter, die ich mir immer gewünscht habe“, sagt Rosemarie Tessmer. Umgekehrt schätzt die Mutter der Geschwister all das, was die Wunsch-Oma für ihre Kinder tut. „Rosi ist immer gut gelaunt und fröhlich, ist wie ein Lottogewinn.“

Für die Enkelin ist es selbstverständlich, dass „Oma Rosi“ Weihnachten dazugehört

Inzwischen hat Rosemarie Tessmer die eigene Wohnung verlassen und fährt schnell noch bei ihrer Wunschfamilie vorbei, um letzte Vorbereitungen für den Heiligen Abend zu treffen. Sie klingelt, Enkelin Elisabeth öffnet die Tür. „Hallo Oma Rosi“, sagt sie und umarmt ihre Wunsch-Großmutter. Dass es etwas Besonderes ist, drei Omas zu haben, weiß die 14-Jährige. „Jede Oma ist anders, und ich habe alle gern, aber bei Oma Rosi ist der große Vorteil, dass sie gleich bei uns um die Ecke wohnt und man in zehn Minuten da ist“, sagt sie. Für die Gymnasiastin ist es selbstverständlich, dass „Oma Rosi“ Weihnachten dazugehört. „Sie ist zu allen Festen eingeladen.“

Die Familie hat es sich jetzt mit der Großmutter auf dem Sofa im Wohnzimmer gemütlich gemacht. Auf dem Tisch leuchten Kerzen des Adventskranzes. Keine gewöhnliche Familienkonstellation, aber eine, mit der alle zufrieden sind. „Es hat sich so ergeben, dass wir eins sind“, sagt Rosemarie Tessmer dankbar. Das tröstet sie auch darüber hinweg, dass es mit der eigenen Familie an den Feiertagen manchmal nicht so harmonisch war, wie sie sich es gewünscht hätte. Jetzt freut sie sich auf den Heiligen Abend und den ersten Weihnachtsfeiertag, an dem sie von ihrer Wunschfamilie zum Konzert in den Potsdamer Nikolaisaal eingeladen ist. „Die Salate und die Wiener bring’ ich für das Essen morgen mit“, sagt sie.

Von Diana Bade

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