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Brandenburg Sockenmörder und Heftpflaster-Gangster
Brandenburg Sockenmörder und Heftpflaster-Gangster
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00:17 06.11.2013
Verbrecherjagd am Schreibtisch: Berndt Marmulla in den 80er Jahren in seinem Büro am Berliner Alexanderplatz. Quelle: Jens Rümmler
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Berlin

Lederjacke, hipper Schal und eine tief sitzende Umhängetasche: Cool schlendert Berndt Marmulla durch seinen Kiez in Berlin-Pankow. Im ersten Moment würde man nicht darauf kommen, dass dieser Mann einer der erfolgreichsten Kriminalermittler des Ostens war. Er ließ die „Hammer-Mörderin“ von Köpenick in die Falle tappen und kam dem „Heftpflaster-Gangster“ von Neuenhagen (Märkisch-Oderland) auf die Schliche. Allein in seiner Zeit als Leiter des Dezernats Brennpunktkriminalität im Berliner Polizeipräsidium Alexanderplatz überführte Marmulla zwischen 1985 und 1989 genau 215 Brandenburger und Berliner Täter, denen er 1617 Delikte nachwies.

„Einige der Fälle wurden sogar im ,Polizeiruf’ verfilmt“, so Marmulla. Die meisten der Dramen blieben bis zur Wende jedoch unter der Decke, da sie im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat auf Order von oben nicht publik werden durften. In seinem jetzt erschienenen Buch „Der Socken-Mörder – Authentische Kriminalfälle aus der DDR“ (Verlag „Das Neue Berlin“, 12,99 Euro) gibt der Kriminaloberrat a.D. Einblicke in grausige Fälle sowie in Vernehmungstaktiken der Ermittler. Im Vordergrund stehen einige der spannendsten Fälle: „In einem Berliner Appartement wird ein Toter gefunden, erstickt, mit einer Socke im Rachen“, so Marmulla ganz trocken. Seine Ermittlungen fördern das Doppelleben eines DDR-Diplomaten zutage – und enden vor einem NVA-Kasernentor.

Bei einem Kunstdiebstahl wiederum führen die Spuren nach West-Berlin. „Es passierte etwas Ungewöhnliches: die Behörden drüben kooperierten.“ Aus Marmulla sprudeln die Kriminal-Geschichten nur so heraus. Der agile Pankower schildert die Verbrechen so, als seien sie erst kürzlich geschehen. Beispielsweise den Mord an einer Frau Mitte der 70er-Jahre. „Die Mörderin attackierte die 76-Jährige in deren Wohnung gleich mehrfach, unter anderem mit Vase, Wasserflasche und Schere“, so Marmulla, der seine ersten Sporen 1967 als Schutzpolizist verdiente und später an der Kriminalpolizeischule Potsdam lernte.

Sein Erfolgsgeheimnis? „Den oder die Täter niemals unterschätzen“, erklärt der 67-Jährige. Und: Fakten entscheiden, nicht Emotionen. „Das klingt simpel, wir lagen mit diesem Vorgehen aber meistens richtig.“ Aufklärungsquoten von 70 bis 90 Prozent gaben Marmulla recht. Es seien Zahlen, von denen Kripo-Beamte heute träumen. Der Aufklärungsdruck war höher, die Personaldecke dichter, moniert der Mann, den die Boulevardpresse und Kollegen auch schon als „Greifer“ betitelten. Der kritisiert das heutige System innerhalb der Kriminalpolizei. „Kollegen werden von Vorgesetzten nur noch selten gefragt: Warum ist der Fall nicht aufgeklärt? Was gedenken Sie zu unternehmen? Geben Sie mir morgen Bericht!“ Einsparprogramme und Zentralisierung bei der Polizei könnten nicht die Lösung sein, mahnt der frühere Kriminaloberrat.
Ihm Privates zu entlocken, dauert eine Weile – so gestenreich und lebendig springt er von einem zum nächsten Ermittlungsfall. „Aber na klar, ohne den Rückhalt meiner Familie wäre diese Karriere nicht möglich gewesen“, sagt er. Jahrzehntelang habe er auf seinem Wochenendgrundstück nördlich der Berliner Stadtgrenze entspannt. „Noch heute sind wir regelmäßig in Schorfheide und Uckermark zur Erholung.“

Eigentlich war Berndt Marmulla, der heute noch als Privatdetektiv und Ausbilder arbeitet, mal Außenhandelskaufmann. „Aus Begeisterung oder großer Überzeugung zum Sozialismus ging ich jedenfalls nicht zur Polizei.“ Doch nach einem Werbegespräch mit einem Polizisten Mitte der 60er-Jahre orientierte sich Marmulla um. Beim Außenhandel stand eigentlich gerade eine große Auslandsfahrt an, sagt er: „Nach China sollte die Reise gehen – aber da wollte ich nicht hin.“

Geklaute Motorräder und gestohlene Kinder-Badebecken waren seine ersten Fälle. Später wurden Ermittlungserfolge so eindrucksvoll, dass sie das DDR-Fernsehen im „Polizeiruf 110“ verfilmte. Beispielsweise in „Der Mann im Baum“ (mit Günter Schubert), einem der meistgesehenen Streifen der Reihe. Im richtigen Leben spielte die Szenerie in Brandenburg. Hier trieb Mitte der 80er-Jahre der „Heftpflaster-Gangster“, ein Serien-Vergewaltiger, sein Unwesen. Der Verbrecher fesselte laut Marmulla Frauen, verklebte ihnen dann Augen und Mund mit Heftpflaster. „Nach dem Hinweis einer Frau wurde der Täter in Neuenhagen bei Berlin auf frischer Tat gestellt und festgenommen“, blickt Berndt Marmulla zurück.

Ab und an schaut er diesen und andere alte „Polizeiruf“-Filme heute an. „Früher kam ich ja nicht dazu“, sagt der Ex-Ermittler mit einem Schmunzeln. Nach der Wende hätten ihm West-Kollegen bescheinigt, dass sie eher die Ost-Krimi-Reihe als den „Tatort“ sahen. „Viele meinten, die Ost-Filme hätten das Täterumfeld besser beleuchtet – da ist schon was dran“, findet Berndt Marmulla. Den „Tatort“ mit Jan-Josef Liefers und Axel Prahl mag er trotzdem. Auch „Rosenheim Cops“ sieht er hin und wieder.

Als Privatdetektiv löse er heute noch so manchen Fall, den die Polizei schon zu den Akten legte. Er lebe zwar davon, aber eigentlich sei das traurig. Mehr will der Pankower dazu nicht sagen. Im Moment ermittelt er im eigenen privaten Umfeld: Berndt Marmulla sucht seine Vorfahren – für ein Familien-Album.

Von Jens Rümmler

Montag, 22.15 Uhr, RBB: Doku „Tatort Berlin“ mit Berndt Marmulla.

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