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Stolperstein der Stasigeschichte

Hochschulleben in Potsdam Stolperstein der Stasigeschichte

Ohne Böses zu denken, betreten täglich Tausende junge Studierende den naturwissenschaftlichen Golmer Campus der Universität. Ein am Freitag enthülltes Mahnmal des Künstlers Volker Bartsch weist sie jetzt am Eingang darauf hin, dass auf dem Gelände von 1951 bis 1990 insgesamt rund 30000 Spitzel der Staatssicherheit ausgebildet worden sind.

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Die Landtagsabgeordnete Saskia Ludwig (CDU), die Verlegerin Friede Springer, der Bildhauer Volker Bartsch und Uni-Präsident Oliver Günther enthüllen den Gedenkstein.

Quelle: Karla Fritze

Golm. Der Universitätscampus Golm hat jetzt einen Gedenkstein für die Opfer der Staatssicherheit. Der etwa 80 Zentimeter hohe und 60 Zentimeter breite Bronzequader wurde am Freitag an der Universitätsbibliothek auf dem Campus Golm enthüllt. Ein richtiger Stolperstein, wie es sich der Schöpfer, der Berliner Bildhauer Volker Bartsch vorstellte, ist es nicht ganz geworden. Die Skulptur ist nämlich hübsch zur Seite gerückt. Aber wer sehen will, der sieht seit der offiziellen Enthüllung, was kein Geheimnis, aber vielen Studierenden immer noch unbekannt ist: „Auf diesem Gelände wurde auf Weisung der SED die ,Schule des Ministeriums für Staatssicherheit eröffnet“, steht in erhabenen Lettern auf dem Monument. Die 1965 in „Juristische Hochschule Potsdam“ umbenannte Einrichtung sei „bis Ende Januar 1990 die Zentrale Lehranstalt der Staatssicherheit“ gewesen. Auch die Zahl der in diesen Jahren auf dem heutigen Hochschulgelände ausgebildeten Spitzel ist genannt: Es waren insgesamt 30000. 4492 von ihnen, auch das steht auf der Plastik, erhielten ein „Diplom“, 485 dürfen sich, und zwar noch heute, sogar „Doktor“ der Rechtswissenschaft nennen.

Dabei hatte die Ausbildung, wie der Leiter Professor des Berliner Forschungsverbundes SED-Staat, Klaus Schroeder, bei seiner historischen Einführung anlässlich der Enthüllung erklärt, gar nichts mit Wissenschaft und kaum etwas mit Jura zu tun. Die in Golm von 1951 bis 1990 ausgebildeten Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) sollten sich einzig und allein als „Schild und Schwert“ der Partei und als Kampfinstrument der SED-Herrschaft verstehen. Wenn Staatsrecht in der Ausbildung überhaupt eine Rolle spielte, dann nur als Waffe des Staates gegen aufbegehrende Einzelne. „Der eigentliche Skandal ist, dass sich diese Leute heute noch Juristen nennen“, mahnt Schroeder unter dem Applaus der Zuhörer. Gegenüber der MAZ sagt der Politikwissenschaftler und Zeithistoriker, dass der Gedenkstein aus seiner Sicht eigentlich „zu spät“ komme. „Aber besser als gar nichts“, meint er.

Auch Uni-Präsident Oliver Günther räumt ein, dass es die Universität mit dem Gedenken an diese Vorgeschichte nicht allzu eilig hatte. Zu Gründungszeiten hätte man andere Sorgen gehabt, später das Anliegen einfach „vergessen“. Das 25. Jubiläumsjahr der Gründung der Universität aber sei jetzt ein guter Anlass für eine Enthüllung. Mit Schroeder bedauert es Günther, dass der Einigungsvertrag die „Ausbildung“ an der Stasihochschule letztlich anerkenne. „Man hätte eine Spezialklausel einbauen müssen, das wurde nicht gemacht.“ Auf die Frage, ob manche an der „Juristischen Hochschule Potsdam“ ausgebildeten Leute vielleicht noch immer in Rechtsberufen aktiv sein könnten, antwortet er: „Ich fürchte ja.“

Besonders engagiert für das Mahnmal hatte sich die Landtagsabgeordnete Saskia Ludwig. In der CDU vertritt sie eher den konservativen Flügel und trat früher als scharfe Kritikerin der rot-roten Landesregierung hervor. Trotzdem hat es rund ein Jahr gedauert, bis die Initiatoren rund 10 000 Euro zusammenhatten. Hervorgetreten als Sponsorin ist unter anderem die Verlegerin Friede Springer, aber auch Softwaremilliardär und Mäzen Hasso Plattner und zahlreiche Potsdamer hatten etwas gespendet.

Volker Bartsch, der im niedersächsischen Goslar geborene und in Berlin lebende Künstler, war bereits im Herbst 2014 erstmals als Gestalter angesprochen worden. Er wolle mit der in seinem typisch rustikalen Stil gestalteten Plastik auf jeden Fall die Sehgewohnheiten jener jungen Leute ändern, die auf das Gelände kommen, erläutert er. „Sie sind gewohnt auf Tablets und Monitore zu schauen, das muss man aufbrechen.“ Der Stolperstein vermittele die Botschaft, dass den Nutzer des Geländes historisch etwas im Weg ist, auch visuell. Auch für ihn sei das Thema Stasi-Hochschule in Golm völlig neu gewesen. Dass das MfS seiner Spitzeltätigkeit einen äußerlichen Anstrich von Wissenschaftlichkeit habe geben wollen, sei eine „Frechheit“. Bartsch findet, zur Geschichte des Geländes gebe es noch sehr viel aufzuarbeiten.

Von Rüdiger Braun

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