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Stottern ist keine Schande

Am Dienstag ist Welttag des Stotterns Stottern ist keine Schande

Es ist keine Frage der Herkunft und auch keine Frage der Intelligenz: Rund 25.000 Menschen in Brandenburg stottern. Aber im ganzen Land gibt es bislang nur eine Selbsthilfegruppe. Viele Stotterer schämen sich ob ihrer Sprachstörung. Dabei gibt es Möglichkeiten, sie zu lindern.

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Colin Firth als der stotternde König George IV. in dem Kinofilm "The King's Speech".

Quelle: dpa

Lauchhammer. Beim ersten Läuten kam die Angst. Herzrasen, schweißnasse Hände. Das schrille Klingeln des Telefons war für Hans-Joachim List das schlimmste Geräusch. Jedes Mal die Hand zum Hörer, allen Mut zusammennehmen, den Daumen über die Sprechtaste – um sie doch nicht zu drücken. „Ich habe es nicht geschafft. Es war furchtbar“, sagt der 64-Jährige. Denn was sich im direkten Gespräch durch Gesten und Geduld noch kompensieren lässt, ist am Telefon nicht möglich: Die Worte – im Kopf noch klar und geordnet – finden den Weg nicht über die Zunge.
Rentner Hans-Joachim List stottert seit er Sprechen gelernt hat. Experten gehen davon aus, dass ein Prozent der Bevölkerung von der Sprachstörung betroffen ist. Demnach gibt es in Brandenburg rund 25.000 Stotterer. Doch nach Angaben der Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe in Köln existiert in der Mark bislang nur eine einzige Selbsthilfegruppe. List hat sie vor sieben Jahren in Lauchhammer (Oberspreewald-Lausitz) gegründet.

Es gibt zwei Gründe, warum die Betroffenen in Brandenburg bislang keine große Lobby haben, vermutet Ulrike Genglawski von der Bundesvereinigung. Die Selbsthilfebewegung sei generell im Osten auch 24 Jahre nach der Wende noch nicht so ausgeprägt wie im Westen. Und: „Das Problem wird unterschätzt und verschwiegen“, sagt Genglawski. Beim heutigen Welttag des Stotterns, der seit 1998 am 22. Oktober begangen wird, soll auf die weitverbreitete Sprachbehinderung aufmerksam gemacht werden.

Interview: Stottern ist wie die Haarfarbe

Robert Tietze (37) ist Sprachtherapeut und behandelt in seiner Potsdamer Logopädie-Praxis auch viele Stotterer.
 

MAZ: Ist stottern heilbar?
Robert Tietze: Wenn man seriös ist: Nein. Es ist heute durch verschiedene Behandlungsmethoden aber möglich, Betroffenen ein weitgehend stotterfreies Sprechen anzutrainieren.

Wie sieht so eine Therapie aus?
Tietze: Das kommt ganz auf den Fall an, aber im Wesentlichen geht es darum, die Sprechweise umzustellen. Das ist Technik, Technik, Technik. Es wird geübt, mit weicher Stimme zu sprechen und einen bestimmten Stimmfluss beizubehalten, um nicht ins Stocken zu geraten. Dazu gehört, dass die Atmung und die Körperspannung verbessert werden. Auch das Selbstvertrauen der Patienten muss gestärkt werden. Die Betroffenen lernen, mit Stresssituationen, in denen sie besonders zum Stottern neigen, umzugehen. Am besten ist, wenn man es irgendwann so sehen kann: Stottern ist wie die Haarfarbe. Das ist nicht wirklich relevant.

Wird die Therapie von der Krankenkasse bezahlt?
Tietze: Ja, in der Regel übernimmt die Kasse die Kosten – zumindest bis zu einem bestimmten Umfang an Therapiestunden. Wie lange eine Behandlung dauert, kann man dabei nicht sagen. Bei manchen reichen 40 Stunden, andere müssen bis zu einem Dreivierteljahr regelmäßig zum Therapeuten.

Wer ist besonders von Stottern betroffen?
Tietze: Männern sind etwa fünfmal so häufig betroffen wie Frauen, aber generell kann man sagen: Es kann jeden treffen. Stottern ist oft genetisch bedingt, die genauen Ursachen kennt man nicht. 60 bis 70 Prozent der Kinder durchlaufen zudem eine Phase, in der sie stottern. Bei den meisten verliert sich das wieder, aber bei manchen muss man frühzeitig mit Sprechtraining ansetzen.

Interview: Marion Kaufmann

„Stotterer werden ins Abseits geschoben“, sagt Hans-Joachim List ohne zu stocken. Er sitzt in der zweiten Etage des Vereinshauses „Domiziel“ in Lauchhammer. Hier treffen sie sich einmal im Moment, fünf Mitglieder zwischen 26 und 64, und tun das, was ihnen so schwerfällt: reden. „Wir trainieren richtig“, erklärt er. Es klingt, als würde er eine kleine Melodie unter den Satz legen. Seine Sprechweise erinnert an jene von Englands König Georg VI. im oscargekrönten Film „The King’s Speech“. List wählt einen weichen Einstieg für jeden Satz. Die Stimme wandert über eine unsichtbare Welle. Auf dem Kamm droht sie zu brechen, doch ehe das Wort im Mund zerbröselt, überlistet er seine Zunge und gleitet sanft über die Silben fast so, als würde er singen. Erst vor 13 Jahren, mit 50, hat List gelernt, die imaginären Stolperfallen im Mund zu umschiffen. Drei Wochen hat er sich damals der sogenannten Kasseler Stottertherapie unterzogen. „Das hat mein Leben verändert“, sagt er.

Sein Leidensweg begann genau dort, wo er heute anderen Betroffenen hilft. In dem Haus, in dem sich verschiedene Selbsthilfegruppen der Region treffen, wurde Hans-Joachim List eingeschult. Er ist ein guter Schüler – wenn es um schriftliche Aufgaben geht. Wird er vom Lehrer aufgerufen, bekommt er Panik. Nach der vierten Klasse besucht er erst eine Sprachheilschule in Cottbus, dann eine in Dresden. „Das war ein geschützter Raum“, sagt er. Keine Hänseleien, aber dafür auch kein Kontakt zu anderen Kindern. Nach der zehnten Klasse beginnt er im VEB Synthesewerk Schwarzheide eine Lehre als Mechaniker für Betriebsmess-, Steuerungs- und Regelungstechnik. „Ich wurde ins kalte Wasser geworfen“, erinnert sich List. Er ist nicht gewohnt, sich mit normal Sprechenden auszutauschen, wagt es nicht, im Unterricht mitzuarbeiten. „Meine Leistungen gingen in den Keller.“ Mit viel Anstrengung gelingt es ihm trotzdem, seine Lehre mit „gut“ abzuschließen. Dann kommt er bei Luckenwalde (Teltow-Fläming) zur Armee.

„Das war die schlimmste Zeit meines Lebens“, sagt List und kurz droht seine Stimme doch in die Endlosschleife zu rutschen. Der Stotterer wird zur Zielscheibe für den Spott von Kameraden und Vorgesetzten. „Jawwwoll, Genosse Leutnant“ – und die Meute grölt vor Lachen. In der Zeit spricht er plötzlich so schlecht, dass sich die Muskeln verkrampfen, sein Gesicht sich verzerrt, wenn er versucht, die Worte nach draußen zu pressen. Nach dem Wehrdienst beschließt er, dass es so nicht weitergehen kann, geht zu Beratungsstellen – ohne Erfolg. 1984 beginnt er schließlich eine achtwöchige, stationäre Therapie in der Berliner Charité. Diese besteht hauptsächlich aus Physio- und Psychotherapie. Danach spricht er gut. Für ein paar Wochen. Dann stockt die Zunge wieder.

Die genauen Ursachen des Stotterns kennt man bis heute nicht. Manchmal ist ein Unfall der Auslöser. Oft ist die Mauer im Mund genetisch bedingt. So auch bei Hans-Joachim List: Sein Großvater und seine Mutter haben gestottert. Auch zwei seiner vier Geschwister stottern. „Ich bin der Älteste. Ich habe am meisten abgekriegt“, sagt er.

Berühmte Stotterer

Bruce Willis , amerikanischer Schauspieler, sammelte als Kind erste Bühnenerfahrungen – das Theaterspielen war seine Therapie.
Isaac Newton hat die Schwerkraft entdeckt. Der englische Physiker und Philosoph war ein Genie – und ein Stotterer.
Marilyn Monroe verstand es, ihr Stottern zu kaschieren – indem die Film-Diva ihre Worte ins Mikrofon gehaucht hat.
Rowan Atkinson alias Mr. Bean soll in seiner Schulzeit wegen seines Sprachfehlers viel gehänselt worden sein.
Dieter-Thomas Heck wurde als Schnellsprecher berühmt und hat als Kind längere Zeit gestottert, nachdem er bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg verschüttet worden war.

List arbeitet nach der Armee weiter in Schwarzheide. Er richtet sich ein, vermeidet zu sprechen, geht selten unter Leute. Seine Frau wird sein Sprachrohr, nimmt Anrufe entgegen. Dass er überhaupt geheiratet hat – für ihn ein Wunder. „Die Initiative ging von meiner Frau aus“, sagt er. Von sich aus Frauen ansprechen? „Wie denn?“, fragt List leise. 1989 wagt er noch einmal einen Therapieversuch. Doch dann kommt die Wende, der Trubel. Er lässt es wieder. Erst Ende der 90er wird er auf die Kasseler Methode aufmerksam. Sie funktioniert. List wird nie stotterfrei sein, man hört ihm sein Handicap immer an, aber er kann seitdem flüssig reden. Sogar eine Stunde am Stück. Länger als King Georg im Kinokassenschlager. „Es ist anstrengend“, sagt List. Es verlangt höchste Konzentration, den Sing-Sang beizubehalten, auf die Satzanfänge zu achten. List filmt sich selbst dabei, will das Ergebnis später der Gruppe zeigen. „Damit lernen wir“, sagt er.

„Sowohl bei Kleinkindern als auch bei Senioren kann Stottern inzwischen gut behandelt werden und auch der Kontakt zu anderen Betroffenen kann helfen“, bestätigt Professor Martin Sommer, Vorsitzender der Bundesvereinigung. Der Göttinger Neurologe stottert selbst seit seiner Kindheit.

In der Selbsthilfegruppe in Lauchhammer motiviert man sich gegenseitig, die Scheu zu überwinden. Regelmäßige Touren führen in fremde Städte. Aufgabe: sich zu einer Sehenswürdigkeit durchfragen. „Dass ich immer unter meinen Möglichkeiten geblieben bin, das ist sehr schade“, sagt Hans-Joachim List traurig. Er hätte gern studiert. Aber wie hätte er ein Referat durchstehen sollen? Die Therapie kam zu spät für einen beruflichen Neustart. Aber mehr Lebensqualität, die hat er. Wenn heute das Telefon klingelt, zuckt er immer noch zusammen, aber nach der ersten Schrecksekunde greift er dann doch einfach zum Hörer.

Von Marion Kaufmann

Betroffene finden Hilfe bei der Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe e.V. in Köln. Die Vereinigung bietet Seminare zum Beispiel zu Themen wie „Stottern und Beruf“ und berät auch Interessierte, die eine Selbsthilfegruppe gründen wollen. Auch ein Netzwerk für Eltern stotternder Kinder ist dort im Aufbau, www.bvss.de, Tel. 0221/1391106, info@bvss.de. Die Brandenburger Selbsthilfegruppe in Lauchhammer ist zu erreichen unter Tel. 035752/30226, www.stotterer-selbsthilfegruppe-lauchhammer.de, info@stotterer-selbsthilfegruppe-lauchhammer.de.

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