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Streit um Erweiterung von Hemme-Milch

Nabu droht mit Klage Streit um Erweiterung von Hemme-Milch

Hemme-Milch ist einer der bekanntesten Milchproduzenten in Brandenburg und will nun erweitern. Direkt am Rande des Unesco-Weltnaturerbes, dem Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin. Naturschützer sind darüber wenig begeistert. Es droht eine gerichtliche Auseinandersetzung.

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Gunnar Hemme (links) will seinen Betrieb gerne erweitern.

Quelle: julian stähle

Schmargendorf. Auf einem der drei Milchsilos rotiert eine Kamera, die Kugel filmt Wiesen um die Molkerei von Hemme-Milch. Rund 20.000 Menschen haben sich im vergangenen Jahr via Internet in die „Kuh-Cam“ reingeklickt. Für Gunnar Hemme, Chef der Molkerei, ist das mehr als ein Werbegag. „Das zeigt, dass die Leute verrückt sind nach Kühen.“ Der 45-Jährige steht im Kühlraum seiner Molkerei, eine Traube Journalisten hört ihm zu. Die kleinen Betriebe in der Region seien nach der Wende allesamt kaputtgegangen, jetzt erlebten sie eine Renaissance in der Nische. „Die großen Molkereien können nicht transparent, nicht authentisch und frisch können sie auch nicht“, wettert Gunnar Hemme. Er dagegen kann.

Vor zehn Jahren hat der Landwirt, dessen Familie nahe Hannover seit 1589 einen Bauernhof hat, auf der grünen Wiese in Schmargendorf (Uckermark) neu angefangen. Rund 2,5 Millionen hat Gunnar Hemme in den Bau der 750 Quadratmeter großen Molkerei und die Technik investiert, der größte Teil der Milch kommt über eine Edelstahl-Pipeline vom Bauernhof nebenan, wo 500 Kühe stehen. Der Rest wird aus Golzow und Uckerland (beide Uckermark) herangefahren. Heute gemolken, morgen beim Kunden – das ist das Credo. Rund 700 Tonnen werden jeden Monat zu Trinkmilch, Butter, Quark & Co. verarbeitet, die Milch wird nur bei zirka 75 Grad erhitzt. „Da werden nicht alle Vitamine abgetötet wie bei normaler H-Milch, allerdings sollte man sie nicht länger als zehn Tage stehen lassen.“ Der Liter kostet bei Hemme 1,09 Euro, etwa das Doppelte des üblichen Supermarkt-Preises. Doch seine Milchprodukte kommen an, Hemme beliefert rund 2500 Privathaushalte sowie 250 Kindergärten und Schulen, auch etliche Supermarkt-Ketten in Berlin und Brandenburg nehmen seine Milchprodukte ab.

Nun will die Molkerei, die 2014 rund 6,5 Millionen Euro Umsatz gemacht hat, den nächsten Schritt tun, ein rund 1000 Quadratmeter großer Anbau soll her. Neue Büros für die 23 Mitarbeiter, Schulungsflächen und ein Milchladen für Gäste sind geplant. Für die gibt es bislang draußen vor der Molkerei nur einen kleinen Gartenpavillon. „Den hat uns der Wind schon dreimal weggeweht“, sagt der Chef. Darf Hemme tatsächlich bauen, rechnet er mit bis zu 50 Kunden am Tag. Sein größter Trumpf liegt direkt vor seiner Tür, die Molkerei liegt am Rande des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin. 1300 Quadratmeter Natur, ein Buchenwald darin steht seit 2011 auf der Liste der Unesco-Weltnaturerben. Vor allem bei Fahrradtouristen ist das Areal beliebt, der hiesige Tourismusverein organisiert Führungen. Gunnar Hemme hofft, dass ein Teil davon künftig in seiner Molkerei Halt machen wird. „Die Leute können herkommen und sehen, wie ihre Milch verarbeitet wird.“

Landwirtschaft zum Anfassen liegt voll im Trend, sagt Holger Brantsch, Sprecher des Landesbauernverbandes. In Zeiten, in denen über Themen wie Massentierhaltung und das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP gesprochen werde, wollten Verbraucher wissen, was auf ihrem Teller landet. Auch die Gläserne Molkerei in Münchehofe (Dahme-Spreewald) zeigt das Handwerk, zudem gibt es Milchtankstellen und Landwirte, die schon Fenster in ihre Schweineställe gebaut haben. „In Forst gibt sogar ein Restaurant, das durch eine gläserne Wand vom Schweinestall getrennt ist“, erklärt Holger Brantsch. Auch die seit Jahren erfolgreiche Brandenburger Landpartie sei ein Zeichen dafür, dass der Trend zu Direktvermarktung und gläserner Produktion gehe. „Gerade die Berliner stimmen da mit den Füßen ab“, erklärt der Sprecher des LBV. Gunnar Hemmes geplanter Bau sei also genau richtig.

Doch ob der Landwirt tatsächlich bauen darf, ist fraglich. Anita Schwaier vom Vorstand des Naturschutzbundes Angermünde (Nabu) verweist darauf, dass nur in Ausnahmefällen im Biosphärenreservat gebaut werden dürfe, so stehe es im Baugesetzbuch und in der Verordnung des Reservats. „Wenn ein solcher Antrag eines Gewerbebetriebes auf Bauen im Außenbereich, noch dazu in einem Unesco-Biosphärenreservat, genehmigt würde, wäre allen andern Antragstellern Tür und Tor geöffnet, eine unkontrollierte Siedlungs- und gewerbliche Entwicklung im Außenbereich nicht mehr zu verhindern“, so Schwaier in einer Stellungnahme. Hemme könne seinen Erweiterungsbau stattdessen ins nahegelenge Gewerbegebiet Angermünde setzen, dort sei noch Platz. Der Landwirt, selbst Nabu-Mitglied, wertet diese Stellungnahme als Sabotage. „Wir haben auch 2005 und beim ersten Ausbau 2010 eine Ausnahmegenehmigung hier bekommen, weil regionale Vermarktung ein öffentliches Interesse ist“, so Hemme. Dieses Mal komme noch die Anbindung zum Tourismus dazu. Zudem sei es nicht möglich, im Gewerbegebiet zu bauen, weil Kühe und Produktion ja im Reservat seien. „Soll ich alles abreißen und da neu anfangen?“ Der Landwirt ärgert sich auch darüber, dass der Nabu im Gutachten behauptet, Hemme verkaufe seine Milch auch in München und sei deshalb mit großen Produzenten wie Müller-Milch vergleichbar. „Das ist eine Lüge, wir verkaufen nur in der Region“, sagt Hemme.

Wenn er im Sommer den Bauantrag einreicht, hofft er auf Wohlwollen der Kreisverwaltung. Und aus der Behörde kommen positive Signale für das 800 000-Euro-Projekt. Der Landkreis stehe allen Bauvorhaben offen gegenüber und unterstütze Investitionen in der Uckermark, heißt es auf Anfrage der MAZ. Der Nabu indes droht mit einer Klage gegen den Bau. Für Gunnar Hemme wäre das eine Katastrophe. „Das“, so der Landwirt, „zieht sich dann jahrelang hin.“

Von Marco Paetzel

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