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Jede Reha-Klinik sichert Hunderte Jobs

Impulsgeber für Brandenburgs Wirtschaft Jede Reha-Klinik sichert Hunderte Jobs

Steigender Kostendruck, fehlende Fachkräfte, Lücken in der Infrastruktur: Rehabilitations-Kliniken klagen über die schlechten Voraussetzungen in Brandenburg. Dabei sieht eine neue Studie die Gesundheitsdienstleister als Impulsgeber für die regionale Wirtschaft. Viele Jobs hängen daran.

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Gesundes Wachstum: Der Bedarf an Reha-Dienstleistungen nimmt zu.

Quelle: dpa

Potsdam. Drei Wochen wie im Wellness-Urlaub für 1950 Euro – diese Rechnung einiger Krankenkassen geht für Katrin T. Eberhardt nicht auf. Sie ist Geschäftsführerin des Reha-Klinikums „Hoher Fläming“ im Oberlinhaus in Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark). Die Einrichtung der Diakonie mag kein Wellness-Hotel sein, aber wenn es nach der Chefin geht, ist die Funktion nicht zu unterschätzen: erschöpfte oder erkrankte Leute wieder fit zu machen für den Job. Doch die Bedingungen würden immer schlechter, beklagen mehrere Klinikchefs.

Wie die gesamte Gesundheitsbranche sind auch die landesweit 27 Reha-Kliniken in öffentlicher, kirchlicher und privater Trägerschaft in den vergangenen Jahren immer stärker unter wirtschaftlichen Druck geraten. Dabei bescheinigt das Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR den Häusern in einer aktuellen Studie eine immense Bedeutung für die regionale Bruttowertschöpfung (siehe Info-Kasten). Untersucht wurden neben der Belziger Klinik auch die Rehabilitationsklinik Hohenelse der Deutschen Rentenversicherung (DRV) in Rheinsberg (Ostprignitz-Ruppin) und die Brandenburgklinik Berlin-Brandenburg der privaten Michels Unternehmergruppe in Bernau (Barnim).

Boomende Branche

47,8 Millionen Euro an jährlicher Bruttowertschöpfung (Dienstleistungs-Wert abzüglich Vorleistungen) erzielen die drei Kliniken in Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark), Bernau (Barnim) und Rheinsberg (Ostprignitz-Ruppin) der WifOR-Studie zufolge – 2,7 Prozent Wachstum pro Jahr von 2008 bis 2013 (Brandenburg: 2,2 Prozent). Weitere 29,5 Millionen Euro entstehen an indirekter und induzierter Bruttowertschöpfung.

1487 Jobs sichern die drei Kliniken, darunter 926 direkte Arbeitsverhältnisse und 561 indirekte und induzierte. Ihren Beschäftigten zahlen die Kliniken im Jahr 29,6 Millionen Euro Lohn und Gehalt.

1,9 Prozent betrug das jährliche Beschäftigungswachstum der Kliniken 2008 bis 2013 (Brandenburg: 0,4 Prozent). Pro drei Neueinstellungen werden indirekt zugleich zwei weitere Arbeitsplätze im Land geschaffen.


62,5 Prozent ihrer Vorleistungen – 10,6 von 17,0 Millionen Euro – beziehen die Kliniken aus Brandenburg. Davon profitieren etwa die Branchen Einzelhandel (26,4 Prozent), Instandhaltungen (22,1) und Nahrungsmittel (20,2).

Die Reha-Kliniken nehmen den schlagkräftigen Befund zum Anlass, um sich bei der Politik Gehör zu verschaffen – in Bund, Land und Kommunen. Zurück zur eingangs aufgemachten Beispielrechnung: Die Krankenkassen sind bestrebt, die Preise für den Aufenthalt in Reha-Kliniken nach unten zu drücken. Gerechnet wird so: Bei einem guten Preis sichern die Kassen eine Mindestzahl an zu vermittelnden Patienten zu

Wettbewerb um sinkende Kosten hat Folgen

Während seriösen Anbietern ein Minusgeschäft drohe, ließen sich investorengesteuerte Häuser darauf ein, sagt Katrin T. Eberhardt. Der Preis: ein mittelfristiges Sparprogramm bei Personal und Qualität. Mittlerweile soll jede vierte brandenburgische Reha-Klinik in der Hand von Hedgefonds sein. Seit es an den Finanzmärkten kaum noch Geld zu verdienen gibt, haben es die Renditejäger auch auf die Gesundheitsbranche abgesehen. „Diese Entwicklung macht mir große Angst“, sagt Eberhardt.

Der Wettbewerb um sinkende Kosten droht langfristig nicht nur die Patienten, sondern auch die Fachkräfte zu vergraulen. Denn es sei nicht damit getan, Ärzten und Pflegern attraktiv zu entlohnen, weiß Uwe Michels, Chef der Bernauer Brandenburgklinik. Weil beim Busverkehr immer mehr gespart wird, behalf er sich kurzerhand selbst. Michels kaufte Kleinbusse und stellte Fahrer ein, um das umworbene Personal pünktlich zum Schichtwechsel nach Bernau zu bringen. Finden sich mindestens drei Angestellte zu einer Fahrgemeinschaft zusammen, stellt Michels einen Wagen. Er sagt: „Wir müssen ein attraktiver Arbeitgeber sein.“

„Wir müssen ein Bewusstsein bei der Politik schaffen“

Anders ist die Situation in Berlin. Dort ist nicht nur die Infrastruktur bestens, auch schafft das Land Voraussetzungen für neue Jobs. Kliniken wie das Unfallkrankenhaus und der Medical Park Humboldtmühle bauen ihr Angebot an Reha-Betten aus. Das steht im Widerspruch zu der früheren Abmachung zwischen Berlin und Brandenburg, wonach sich das stationäre Reha-Angebot allein auf Brandenburg konzentrieren soll.

Bessere Absprachen mit Berlin, Fachkräftesicherung, Zusatzangebote im Bus- und Bahnverkehr, Breitbandausbau – Brandenburgs Landesregierung sei hier in der Pflicht, sagt Stephan Fasshauer, Chef der Rheinsberger Rehaklinik Hohenelse. „Wir müssen ein Bewusstsein bei der Politik schaffen.“ Schließlich attestiert die WifOR-Studie einer Reha-Klinik im Vergleich zu einem Elektronik-Fachhändler eine nahezu doppelt so hohe Bruttowertschöpfung. „Ich war von den Ergebnissen sehr überrascht“, sagt der Bernauer Klinikchef Michels. Die Branche verdiene mehr Wertschätzung, sagt er an die Adresse des SPD-Ministerpräsidenten und seiner Linken-Gesundheitsministerin. „Wenn ich das kapiere, dann verstehen es auch Herr Woidke und Frau Golze.“

Von Bastian Pauly

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