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Brandenburg Techno und DDR-Propaganda
Brandenburg Techno und DDR-Propaganda
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13:52 08.12.2014
Der Sänger und DJ Fritz Kalkbrenner. Quelle: DPA
Potsdam

Der Opa malte, die Eltern schreiben und die Söhne machen Musik. Es bedarf keiner DNA-Analyse, um der Familie Eisel/Kalkbrenner ein kreatives Gen zu bescheinigen. Ihre Werke aus drei Generationen sprechen für sich. Vergegenwärtigt man sich ihre Bilder, Publikationen und CDs, kommen unterschiedliche Hoffnungen und Enttäuschungen, Stilmittel und Intentionen zum Vorschein. Man könnte die Geschichte und die Rolle der Kunst seit 1945 als Geschichte der Familie Kalkbrenner erzählen.

Paul und Fritz Kalkbrenner sind Techno-Musiker. Sie bringen seit etwa zehn Jahren äußerst erfolgreiche Solo-Alben heraus.  Die Brüder arbeiten kaum zusammen. Aber ihr gemeinsam  produzierter Song „Sky and Sand“ hielt sich unübertroffene 129 Wochen in den Media-Control-Charts.

Paul Kalkbrenner, 1977 geboren, steht für einen sehr geradlinigen und monumentalen Sound. Er füllt weltweit die großen Arenen. Sein vier Jahre jüngerer Bruder Fritz verbindet den Computer-Beat mit herkömmlichen Musikinstrumenten und selbst geschriebenen Texten, die er auch selbst singt. Beide wurden in Leipzig geboren, aber ihre Eltern sind Potsdamer. Und so empfiehlt es sich, einmal eines ihrer zahlreichen Alben aufs Handy zu laden und unter Kopfhörern einen Spaziergang durch Potsdam zu unternehmen.

Mit dem Kalkbrenner-Sound durch Potsdam
Die historische Mitte wirkt, untermalt von ihren Tracks, plötzlich lächerlich klein und geringfügig. Aber in der unwirtlichen Breiten Straße, wo die Autos mehrspurig von Ampel zu Ampel rasen, kann der Hörer aufatmen. Hier ist plötzlich Platz für die großen Gesten der Musik. Und das eintönige Raster der hochgeschossigen Architektur, in der man sich als Fußgänger sonst verloren vorkommt, wird vom gleichförmigen Metrum der Musik gerechtfertigt. Die um 1970 errichtete Bebauung, die von Potsdam-Touristen heute eigentlich nur als modernes Störfeuer  wahrgenommen wird, lässt sich mit dieser Musik leichter ertragen. 

An der Ecke Dortustraße führt der Weg vorbei an einem heruntergekommenen, streng quadratischen Plattenbau, der demnächst abgerissen werden soll. Dabei handelt es sich um das Landesrechenzentrum, ein sozialistisches Renommierprojekt der DDR, das 1969 bis 1971 vom Architektenkollektiv Sepp Weber errichtet wurde. Und zwar genau dort, wo früher die Garnisonkirche des alten Preußen stand, deren geplanter Wiederaufbau derzeit für erhitzte Diskussionen sorgt.

Im Erdgeschoss zieht sich ein Band mit 18 farbenfrohen Glasmosaiken um die Eckbebauung. Auf den gleichmäßig angeordneten, 2,9 mal 3,2 Meter großen Flächen sind startende Raketen zu sehen und spitze Überschallflugzeuge, Menschen vor Bildschirmen, Schaltzentralen und qualmende Schornsteine, Riesenteleskope, Kosmonauten und angeschnittene Planeten.

„Mensch bezwingt Kosmos“

Das Mosaikband "Mensch bezwingt Kosmos“ von Fritz Eisel soll auf dem Gelände der Stadtverwaltung eine neue Heimat finden. Mögliche Plätze wären Umfassungsmauern oder Giebel auf dem Campus, sagte Bürgermeister Burkhard Exner. Das Mosaik befindet sich derzeit noch am Rechenzentrum in der Breiten Straße, das aber demnächst für den Wiederaufbau der Garnisonkirche vollständig abgerissen wird.

Ein Nadelgewächs verdeckt zum Teil ein hochtrabendes Marx-Zitat, das kaum zu enträtseln ist: „Je weniger Zeit die Gesellschaft bedarf um Weizen, Vieh etc. zu produzieren, desto mehr Zeit gewinnt sie zu anderer Produktion, materieller oder geistiger… Ökonomie der Zeit, darin löst sich schließlich alle Ökonomie auf. Ökonomie der Zeit, sowohl wie planmäßige Verteilung der Arbeitszeit auf die verschiedenen Zweige der Produktion, bleibt also stets ökonomisches Gesetz auf Grundlage der gemeinschaftlichen Produktion.“ 

Das Mosaikband mit dem Titel „Mensch bezwingt Kosmos“ wurde von Fritz Eisel geschaffen, dem Großvater von Paul und Fritz Kalkbrenner. Und weil er seiner kommunistischen Hoffnung so gekonnt, beherzt und fröhlich Ausdruck verliehen hat, sollen diese Mosaiken auch gesichert werden. Nach dem Abriss des Hauses werden sie woanders eingebaut. 

Fritz Eisel starb 2010 im Alter von 81 Jahren. Der Arbeitersohn aus Hessen, der von 1959 bis 1980 in Potsdam lebte, musste also die große Pleite miterleben, in die der von ihm mitpropagierte DDR-Sozialismus führte. Als Vertreter der sowjetischen Schule des sozialistischen Realismus, Eisel studierte 1951 bis 1957 in Leningrad, galt ideologisch als besonders harter Knochen. 

Wahr gewordene Vision
Seine optimistische Wunschvorstellung einer durch moderne Technik dominierten Welt ist allerdings wirklich wahr geworden. Seine Enkel sind heute die Repräsentanten einer kapitalistischen Freizeitgesellschaft, in der die Grundbedürfnisse – genügend Weizen, Vieh usw. – übererfüllt werden. Wenn man so will, liefern sie den Soundtrack zu den Visionen ihres Großvaters, der einst das kosmische Zeitalter der Raumfahrt beschwor. 

Die Kompositionen der Kalkbrenner-Brüder entstehen genau an jenen Rechnern, die der Großvater einst ausmalte. Ihre Techno-Musik lebt von einer kosmischen Dimension, einer Begeisterung für das Abheben und das Erleben von Geschwindigkeit. Fritz Eisels Hobby war übrigens „das Autofahren“.  

Eisels künstlerische Erben
Die akustischen Kunstwerke seiner Enkel erscheinen nicht weniger monumental. Sie leben, wie die Bilder des Großvaters, von einfachen, prägnanten Strukturen und großzügigen Formen und sie setzen auf Klarheit und ein stimmungsvolles, kräftiges Kolorit. Nicht zuletzt zielen sie ab auf eine kollektive Euphorie.

Dabei macht es ganz sicher einen großen Unterschied, ob bei einem Massenrave die tanzende Menge beim Einsetzen der Bassdrum reflexartig in Jubelgeschrei ausbricht oder nach einer SED-Parteitagsrede „stark und lang anhaltend“ applaudiert wird und sogar „Bravo-Rufe“  erschallen. Aber monoton und eintönig wie vorgefertigte SED-Parteitagsreden verlaufen auch bei den großen DJ-Shows viele Danceflor-Passagen. Mit Megabeats werden hypnotische Energien aufgestaut, die sich dann immer wieder entladen und dem DJ-Künslter als Begeisterungssturm entgegenschlagen.

Glücksgefühl und Trauer beim Mauerfall
Die Enkel teilten nie die sozialistische Weltanschauung ihres Großvaters. Dessen SED-Parteigängertum erschien ihnen in den 1980er Jahren bereits skurril und fremd. Sie wussten aber, dass sie nur dank ihres politisch einflussreichen Opas eine luxuriöse Altbauwohnung in Berlin-Lichtenberg bewohnen konnten. Und dass die Eltern Carla und Jörn Kalkbrenner unter dieser alles bestimmenden DDR sehr litten, obwohl sie sie doch eigentlich leidenschaftlich befürworteten.

Als die Mauer fiel, war Fritz acht Jahre und sein Bruder Paul zwölf. Die Eltern waren von der plötzlichen politischen Entwicklung hin- und hergerissen. Ein Glücksgefühl mischte sich mit tiefer Trauer. Sie weckten die Kinder noch in der Nacht des Mauerfalls und gingen mit ihnen sofort über die Grenze nach Westberlin. Am 3. Oktober 1990 saß die Familie dann, so heißt es, in Trauer vor dem Fernseher. Die Eltern hatten, aus Potsdam kommend, in Leipzig von 1974 bis 1978 Journalistik studiert.

Politisch enttäuscht schon zu DDR-Zeiten
Die Mutter Carla, Tochter des Großvaters, war bis zuletzt beim DDR-Fernsehen beschäftigt und der Vater Jörn Kalkbrenner, ein Fleischerssohn aus Babelsberg,  war Redakteur in der Wirtschaftsredaktion der Parteizeitung Neues Deutschland. Googelt man seinen Namen, findet man noch Artikel, für die er sich aber schon zu DDR-Zeiten zu schämen begann. Ein seitengroßer Bericht unter der Überschrift „Machtvolle Demonstration von 500.000 in Berlin“ auf der ersten Seite des NDs beginnt mit dem Satz: „Der 1. Mai 1983 stand voll und ganz im Zeichen des Kampfes für Frieden und Sozialismus, gegen imperialistische Hochrüstung.“ 

Doch Jörn Kalkbrenner verzweifelte an der Unverbesserlichkeit der SED-Führung und quittierte 1987 den Dienst. In der Wendezeit publizierte er dann das Buch „Urteil ohne Prozess. Margot Honecker gegen Ossietzky-Schüler“ im Dietz-Verlag. Seine Frau setzte sich in unzähligen Fernsehbeiträgen für die Rettung der verfallenen DDR-Altstädte ein und erhielt 1994 den Brandenburgischen Denkmalpreis. Im letzten Jahr veröffentlichte sie ihren ersten Krimi „Die Sonne über Berlin“, wobei ihr der Sohn Paul finanziell half. Die Eltern entwickelten sich in den 90er Jahren zu anerkannten Fernseh-Journalisten und erhielten für ihre Publikationen zahlreiche Preise.

Kunst zwischen Propaganda und Unterhaltung
Für den Großvater war die Kunst eine Waffe, die Eltern entdeckten die künstlerische Kreativität als Mittel zur Aufklärung, die Enkel verbinden mit ihrer Kunst Unterhaltung und Selbstverwirklichung. Vor allem Paul Kalkbrenner gilt heute weltweit als authentische Stimme des neuen, etwas rauen, auch harten Berlin. Er gehört zu jener Generation, die nach dem Zusammenbruch der DDR die entstehenden Freiräume nutzte. Seine Revolution bestand in der Rave-volution. Die alten, erstarrten Ideologien wurden einfach weggetanzt. Aus seiner Musik spricht die ganze Wucht der Freiheit.

Der Sound seines Bruders Fritz ist dagegen deutlicher von Lounge-Atmosphäre geprägt, die als Trend auf die Tanz-Exzesse zu den Techno-Beats folgte. In seinen Sound mischte sich zusehends Nachdenklichkeit.

Leerer Himmel
So erlebt jede Generation ihren eigenen Horizont. Der Einfluss einer Familie auf ein Individuum hält sich sicher in Grenzen. Aber wenn sich Fritz Kalkbrenner heute selbst als „Voll-Atheist“ bezeichnet, lässt sich das wohl auch mit seiner Sozialisation erklären. Er bekam keinerlei Gottgläubigkeit mit auf den Weg. Für sein melancholisches Kreisen um existentielle Fragen verwendet er scheinbar wertfreie Begriffe. Auf der aktuellen CD „Ways Over Water“ singt Fritz Kalkbrenner in englischer Sprache von „Sternen“, „Stimmen im Donner“ und einer „Sonne, die nicht untergeht“. Einmal heißt es: „Unter einem leeren Himmel lege ich mich nieder… Unter einem leeren Himmel werde ich fliehen.“ Der Himmel seines Großvaters war auch leer, aber leuchtend blau.

 

Die kreative Familie

  • Der Maler Fritz Eisel (geboren am 27. März 1929 in Lauterbach; gestorben am 19. September 2010 in Langen Brütz) studierte ab 1947 an der „Hochschule für Baukunst und Bildende Künste” in Weimar. Ab 1957 arbeitete er als freischaffender Künstler in Dresden und Potsdam. Während seiner künstlerischen Laufbahn wurde er unter anderem mit dem Kunstpreis der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (1958), dem Kunstpreis der DDR (1975) und dem Martin-Andersen-Nexö-Kunstpreis der Stadt Dresden (1977) ausgezeichnet.
  •  Paul Kalkbrenner wurde 1977 in Leipzig als Sohn der Journalisten Jörn und Carla Kalkbrenner geboren, wuchs allerdings in Berlin-Lichtenberg auf. Er ist ein Techno-, House- und Musikproduzent aus Berlin. 1994 begann er seine Karriere als Liveact. 1999 kam seine erste EP „Largesse“ auf den Markt. 2008 erschien der Film „Berlin Calling“ mit Kalkbrenner in der Hauptrolle.
  •  Fritz Kalkbrenner kam 1981 in Berlin zur Welt. Kalkbrenners erstes Album „Here Today, Gone Tomorrow“ erschien 2010. Im Oktober dieses Jahres veröffentlichte der ehemalige Musikjournalist sein drittes Album „Ways Over Water". Seinen größten Erfolg feierte er mit der Single „Sky and Sand“, die er zusammen mit seinem Bruder Paul Kalkbrenner für den Soundtrack von „Berlin Calling“ aufnahm.

 Von Karim Saab

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