Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 5 ° Regen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Terroropfer Sebastian B. in Ragösen beigesetzt

Abschied Terroropfer Sebastian B. in Ragösen beigesetzt

„Halte ihn fest in deiner Treue und lass uns nicht allein in unserem Kummer“: Am Sonnabend wurde Sebastian B., der bei dem Terroranschlag am 19. Dezember in Berlin getötet wurde, auf dem Friedhof in Ragösen (Potsdam-Mittelmark) beigesetzt.

Voriger Artikel
Glätte sorgt für Unwetterwarnung
Nächster Artikel
Brennende Bäume im ganzen Lande

Trauerfeier in Ragösen.

Quelle: Julian Stähle

Ragösen. Die Zweige der uralten Dorfeiche, nach der man in Ragösen (Potsdam-Mittelmark) einen Sportverein benannt hat, ragen gestutzt und nackt in den Winterhimmel, als wollten sie den Worten des Pfarrers in der gegenüberliegenden Kirche Gestalt verleihen. „Unsere Hände erreichen Sebastian nicht mehr“, sagt der Geistliche vor den knapp 300 Trauergästen im voll besetzten Gotteshaus. „Wir können nichts mehr für ihn tun.“ Einen Appell richtet der Pfarrer direkt an Gott: „Halte ihn fest in deiner Treue und lass uns nicht allein in unserem Kummer!“

Es ist der bewegende Höhepunkt des Trauergottesdienstes für den 32 Jahre alten Sebastian B., der am 19. Dezember 2016 bei dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche getötet wurde. Er hinterlässt eine unendlich traurige Familie mit einer verwitweten Mutter und zwei Geschwistern sowie eine tief verstörte Ortschaft.

Brandenburg an der Havel trauert um Opfer

Familie und Kameraden nehmen Abschied

Die Kirche in Ragösen

Die Kirche in Ragösen.

Quelle: Julian Stähle

Es ist ein langer Zug von Uniformierten und Zivilisten, der unters Holzportal der Ortskirche drängt, als um 10.55 Uhr die Glocken im Fachwerktürmchen läuten. Feuerwehrmänner und -frauen in Ehrenuniform oder Einsatzjacke mit Reflektorstreifen, Angehörige und Bekannte halten weiße Rosen in den Händen, kaum jemand spricht. Die Kirchentür lässt sich kaum schließen, so voll ist es. Später tragen Wehrleute eine Kameradin hinaus, sie ist ohnmächtig geworden. Kreideweiß im Gesicht, erholt sie sich an der Kirchhofmauer. Es herrschen minus fünf Grad. Hinterm Pfarrhaus wartet ein Streifenwagen der Polizei. Die Familie möchte im geschützten Rahmen trauern. So öffentlich dieses größte Attentat in Deutschland seit dem Oktoberfest-Bombenanschlag 1980 war, so privat ist die „unendliche Traurigkeit“ der Opfer-Angehörigen, von der der Pfarrer spricht.

Bei ZF gearbeitet und nebenbei studiert

Eine Vertreterin des Getriebeherstellers ZF in Brandenburg/Havel ergreift das Wort und spricht von ihrem Mitarbeiter, der eine Lücke hinterlässt, als Mensch und Kollege. Schon als Kind habe Sebastian gern gebastelt, sagt der Pfarrer in der Trauerrede. Ein Studium als Ingenieur hatte der gelernte Industriemechaniker berufsbegleitend aufgenommen. Am Abend des Anschlags feierte er eine bestandene Prüfung.

Trauer bei ZF, Anteilnahme bei Rolls-Royce

Sirenengeheul während der Trauerfeier

Eine Viertelstunde nach Gottesdienstbeginn heult plötzlich eine Sirene im Ort auf, bei der Feuerwehr gehen die Pieper. „Nur ein Sirenenalarm“, klärt ein Mitarbeiter des Ordnungsamts der Stadt Bad Belzig auf, doch ein Uniformierter verlässt im Laufschritt die Kirche. So ungeplant der Alarm sicher war, steht er gleichwohl für eine Sache, die Sebastian B. geliebt hat: den Dienst in der freiwilligen Ortsfeuerwehr. Zum Gruppenführer hatte sich Sebastian B. fortbilden lassen, erzählt Stadtwehrführer Olaf Beelitz: „Sebastian war sehr angesehen.“ Neun Leute leitet ein Gruppenführer in Einsätzen an. Unter normalen Umständen wäre auch Sebastian B. beim Summen des Pagers losgesprintet.

Ragösen trauert

Ragösen trauert.

Quelle: Julian Stähle

„Die Weltgeschehnisse kommen merkwürdig dicht heran“

Aber alles ist anders. „Es ist Betroffenheit und Bedrücktheit, dass es auch uns hier draußen in einem kleinen Dorf treffen kann“, sagt Bad Belzigs Bürgermeister Roland Leisegang (parteilos), Ex-Schlagzeuger der Band Keimzeit. „Die Weltgeschehnisse kommen merkwürdig dicht heran, dabei wirkt alles, wenn man mal so guckt, doch so weit weg. Als hätte es nichts zu tun mit uns.“

Was bleibt, ist der Trost der Musik. Als die Urne ins Grab gesenkt ist, ertönt eine Orgelinterpretation von „Tears in Heaven“ - ein Song, den Eric Clapton für seinen tödlich verunglückten Sohn geschrieben hat. Nach dem Vaterunser jedoch herrscht vollkommene Stille auf dem Kirchhof, selbst der Durchgangsverkehr hat ein Einsehen.

Der Tote ist beigesetzt, doch die Trauer bricht sich langsam Bahn. Auf den Feuerwehrautos haben die Bad Belziger Kameraden nach Bekanntwerden der Todesnachricht die Antennen mit Trauerflor geschmückt. Raphael Thon, Ortswehrführer von Bad Belzig, sagt stellvertretend für alle Wehrleute: „In der Feuerwehr ist man eine große Familie. Man steht zusammen – in schlechten wie in guten Zeiten.“

Große Anteilnahme auf Facebook

Wie groß die Anteilnahme ist, lässt sich an den an der Facebook-Seite der örtlichen Feuerwehr ablesen, die am 23. Dezember ihr Profilbild geändert hat: Eine brennende Kerze auf schwarzem Hintergrund fasst das Entsetzen über das Verbrechen auf dem Weihnachtsmarkt zusammen. Über 60 Kommentare haben Kameraden, Freunde, Bekannte und einfach mitfühlende Fremde geschrieben. Die Feuerwehren aus Treuenbrietzen, Jeserig, Schwielowsee, Schwedt, Göttin, Potsdam-Bornstedt, Berlin und vielen anderen märkischen Orten, aus Blankenburg und sogar Niederlosheim im Saarland haben ihre Beileidsbekundungen in die Kommentarspalte eingetragen. „Rest in Peace, Kamerad!“, heißt es da. Sebastian B. werde in ihrem „Herzen immer einen Platz haben“, schreibt eine Frau. Eine andere hat eingetragen: „Unfassbar traurig und so sinnlos. Ich frage mich, wie Menschen dazu kommen, andere aus dem Leben zu reißen. Ein Alptraum.“

Kondolenzkarte vom Ministerpräsidenten

Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hat eine Kondolenzkarte an die Familie des Getöteten geschrieben und darin tiefes Bedauern und Anteilnahme ausgedrückt, wie Regierungssprecher Florian Engels bestätigte. Ebenso habe die Familie der auch auf dem Breitscheidplatz getöteten 53-Jährigen aus Eichwalde (Dahme-Spreewald) einen solchen Brief erhalten.

Bei der Frau handelt es sich um Doris K., die der B.Z. zufolge mit einer Freundin auf dem Weihnachtsmarkt war. Sie soll die erste gewesen sein, die von dem Laster überrollt wurde. Die Freundin wurde schwer verletzt. Doris K. arbeitete in Berlin-Tempelhof für eine Bausparkasse. Ihr Mann soll vor einiger Zeit an Krebs gestorben sein. Sie hinterlässt zwei erwachsene Kinder und ein Enkelkind.

Von Ulrich Wangemann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Brandenburg

Sollte es für Erst- und Zweitklässler Zensuren geben?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg