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Theaterprojekt Ton und Kirschen in Potsdam

Theater Theaterprojekt Ton und Kirschen in Potsdam

Die Theatergruppe Ton und Kirschen aus Werder (Potsdam-Mittelmark) macht Theater zum Anfassen. Was zunächst nach Hochkultur klingt, verkopft und unverständlich, ist genau das Gegenteil: vitales Theater auf hohem Niveau. Am Donnerstag spielen sie in Potsdam ihr neues Stück „In The Blink Of An Eye“.

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Das Theater Ton und Kirschen spielt „In The Blink Of An Eys“.

Quelle: promo

Potsdam. David Johnston trägt einen zu großen Anzug, er ist dunkel und hat Luft sowohl in Höhe wie auch Breite. Er hat dem Vater seiner Frau gehört, ein Mann, der kräftig war, David Johnston untermauert das mit raumgreifenden Gesten. Er selbst ist eher ein Clown, der gerne schweigt oder die Dinge knapp benennt, ohne zu viel Klimbim. Ein Schauspieler, der die Details mit großer Wirkung spielen kann. Daisy, seine Tochter, sitzt am Mischpult, kümmert sich ums Licht, denn das Theater „Ton und Kirschen“ arbeitet viel mit Schatten. Licht und Schatten sind preiswerte, hoch effiziente Stimmungsmacher, einem freien Theater mit knapper Kasse sehr willkommen.

Der Scheinwerfer ersetzt die Kulissen

Das Ensemble kann mit Scheinwerfern begnadet umgehen. Mitunter ersetzt das den kompletten Kulissenbau. Vom geputzten Licht des Orients zum depressiven Dämmer einer Stube aus den Beckett-Stücken legen sie nur einen gut geölten Hebel um.

Seit 25 Jahren gibt es das Wandertheater „Ton und Kirschen“, das seinen Sitz in Glindow bei Werder (Potsdam-Mittelmark) hat. In Teilen Familienbetrieb, dann wieder ein Start-Up der kreativen, wenn auch chronisch unterfinanzierten Sorte – Margarete Biereye, die Gründerin, möchte diese Form von Theater, das die Disziplinen Schauspiel, Musik, Pantomime und Vaudeville vereint, nicht mehr missen.

Hier machen alle alles

Biereye, 72 Jahre, ist mit ihren hennaroten Haaren ein agiles Mädchen, das erzählt, sie habe am großen Theater gearbeitet, doch es wäre nichts für sie gewesen. Es fehlte dort das Miteinander, „die Schauspieler haben in der Kantine gesessen und gewartet, bis man sie gerufen hat, während die Leute von der Technik auf der Bühne unterwegs gewesen sind.“ Solche Arbeitsteilung will sie nicht. Bei „Ton und Kirschen“ machen alle alles, das ist ein klares Gründungsethos. Schwierigkeiten mit der Hierarchie oder gar Schuldzuweisungen könnten auf dieser Basis gar nicht erst entstehen. „Die Einfachheit der Mittel und die Nähe zum Publikum sind für mich wichtig, keine überladene Technik!“

Das Duo Biereye/Johnson

Margarete Biereye ist auf Fehmarn in der Ostsee geboren, sie lebt mit David Johnston zusammen, er kommt aus London. Biereyes Deutsch ist zärtlich unterwandert vom Englischen, sie und David haben lange in Großbritannien gelebt und mit dem Footsbarn Travelling Theatre gearbeitet. Diese Zeit hat sich in ihre Artikulation gelegt. Das Ensemble sitzt in der Fabrik, der Bühne in Potsdams Schiffbauergasse. Die Premiere steht bevor, jährlich und traditionell findet sie im November statt. Dieses Mal, und das ist ungewöhnlich, kombinieren sie kurze Stücke zu einem großen Ganzen. „In The Blink Of An Eye“ heißt der Abend, „geschehen in einem Augenblick“, so könnte man es übersetzen. David Johnston sagt, die 25 Jahre des Theaters seien wie ein Lidschlag vergangen, kaum greifbar, schnell verweht und doch so substanziell in den Erfahrungen, die sie mit der Bühne auch auf Marktplätze und Felder führen, dass man kein Zeitgefühl mehr habe für die Arbeit mit „Ton und Kirschen“.

Tschechow, Beckett, Brecht

Sie kommen zu Anton Tschechows Einakter „Der Bär“, einer Groteske oder doch eher einer manischen-depressiven Miniatur. Magarete Biereye spielt eine russische Witwe, die von einem stämmigen Mann, einem Bären, heimgesucht wird, weil der Geld eintreiben will, das ihm der tote Gatte schulde. Die Witwe will nicht zahlen, es gibt Streit. Doch am Ende liegen sie sich zärtlich in den Armen. Das ist kein Zufall, denn die Stücke des Abends suchen auf Umwegen stets diesen einen Augenblick, in dem die Stimmung kippt. Oft ins genaue Gegenteil. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Episoden der Dichter Beckett, Tschechow, Rumi, Ovid und Brecht, deren Texte sie bei „Ton und Kirschen“ gewählt haben.

Diese Mischung klingt nach Hochkultur, manche Menschen fürchten, so etwas könne zu verkopft und unverständlich werden. Doch der Abend zeigt, wie vital Theater auf hohem Niveau spielen kann. Wenn David Johnston den zu großen Anzug auszieht und sich einen roten Damenmantel nimmt, weiß man: Jetzt geht nichts mehr schief.

INFO Ton und Kirschen: In The Blink Of An Eye. Fabrik Potsdam, 9., 10., 11. November je 20 Uhr, 12. November um 16 Uhr. Karten unter 0331/240923.

Von Lars Grote

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