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Theatersaison startet mit „Das Wasser im Meer“

Kultur in Potsdam Theatersaison startet mit „Das Wasser im Meer“

Zum Geburtstag erklärt Stefan Riedl seiner Familie, dass er sterben will. Und zwar in seiner Heimat in der heutigen Tschechischen Republik. Das ist nicht die einzige Wendung in Christoph Nußbaumeders Familiendrama „Das Wasser im Meer“. Die Darstellerinnen Meike Finck und Marie Fischer sehen die Familie und ihre Geheimnisse als Brennglas eines politischen Überbaus.

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Die neue HOT-Produktion: Bernd Geiling, Marie Fischer, Marianna Linden und Meike Finck (v. l.) bei den Proben zu „Das Wasser im Meer“

Quelle: HL@HLBOEHME.COM

Potsdam. „Ganz gut“ fühle sie sich, sagt die Berliner Schauspielerin Marie Fischer. Sie ist noch aufgekratzt von den Proben. Vor einer halben Stunde noch war sie Ina Müller, die Enkelin des Patriarchen Stefan Riedl, der zur Feier seines 80. Geburtstags vor versammelter Familie die Bombe platzen lässt. Beerdigt werden wolle er nämlich im Sudetenland, in der heutigen Tschechischen Republik, verkündet er. Von dort wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben, was er lange verschwiegen hat.

„Das Wasser im Meer“ heißt das Stück des jungen deutschen Autors Christoph Nußbaumeder, das rund eineinhalb Jahren nach seiner Linzer Uraufführung am Freitag nicht nur Potsdamer, sondern gleich Deutschlandpremiere feiert. Um Heimat, Flüchtlinge und Familie dreht sich das Drama, das noch viel mehr Wendungen als das Geständnis des Vaters und Großvaters enthält. Kein Wunder, dass das Hans-Otto-Theater, das schon mit Roland Schimmelpfennigs „Das schwarze Wasser“ und Ferdinand von Schirachs „Terror“ Themen der Zeitgeschichte aufgriff, dieses noch junge Stück ebenfalls in seinem Haus haben wollte.

„Es verändert sich noch viel in den Endproben“, sagt Fischer über das Ensembledrama für neun Darsteller. „Wir haben gerade heute seht viel entdeckt.“ Dass es in dem beziehungsreifen Drama sehr viel zu entdecken gibt, findet auch Schauspielerkollegin Meike Finck. Sie stellt Inas Mutter Katharina Riedl, eine der drei Töchter Stefan Riedls dar. Es sei eine schwierige Sache, neun Menschen an einen Tisch zu bringen und sie als verflochtenes Ganzes zu spielen.

Eine Frau mit vielen Baustellen

„Was für ein Ton hat so eine Familie?“, fragt sie. „Man muss einen Stil finden, wie sie miteinander umgehen, woran man so eine Familie erkennt.“ Schwierig ist auch im Grunde ihr eigener Part. „Es ist eine Frau, die alles richtig machen will, die aber viele Baustellen hat.“ Was sie ihrem Vater vorwerfe, nämlich kaum etwas von sich und seiner Vergangenheit erzählt zu haben, es an Offenheit und Nähe fehlen zu lassen, das treffe eigentlich auch auf sie selber zu.

Fester im Leben steht da fast schon ihre Bühnentochter Ina. „Ich sehe sie als starke, junge pfiffige Frau“, sagt Marie Fischer. „Die Beziehung zu ihrer Mutter ist letztlich gut.“ Kämpfe habe sie gleichwohl zu bestehen. Nicht nur versuche sie durch ihr soziales Engagement einen Platz im Leben zu erobern und auch Aufmerksamkeit zu erringen. Sie habe sich auch mit ihrem älteren Bruder auseinanderzusetzen, der, obwohl Kind eines Italieners, eher in die rechte Ecke abdrifte. Letztgültig erklärt, warum Peter Riedl diese Richtung einschlage, werde in dem Drama nicht. Katharina-Darstellerin Meike Finck hat gleichwohl eine Vermutung. Da sein Vater die Mutter früh verlassen habe, wisse er eigentlich nicht recht, wer er sei. „Es geht auch um Sicherheit.“ Es komme ziemlich häufig vor, dass Menschen, die sich als haltlos empfänden eine extreme politische Richtung einschlügen. Wirklich beantworten, warum ihr Bühnensohn rechten Parolen auf den Leim gehe, kann aber auch Finck nicht.

Über allem schwebt der Patriarch

Über allem aber schwebt der 80-jährige Patriarch Stefan Riedl, der mit seinen verdrängten Vergangenheit die latenten Konflikte dieser Familie nach oben treibt. Ob er das als tyrannisches Familienoberhaupt oder als selbst tief verletzlicher Mensch tue, das sei auch wenige Tagen vor der Premiere noch ziemlich offen. „Wir haben alles ausprobiert“, sagt Finck. Und immer noch werden neue Akzente gesetzt. Wie auch immer dieser Stefan Riedl am Freitagabend erscheinen wird: „Bernd Geiling spielt großartig“, lobt Kollegin Finck. Der Pensionär sei ein schwere Rolle. „Eine große Herausforderung.“ Und er werde sicher viele widersprüchliche Regungen auf sich ziehen.

Und die Inszenierung? Der gebürtige Karlsruher Stefan Otteni hat mit „Der Eisvogel“ nach Uwe Tellkamp, „Wie im Himmel“ von Kay Pollak und „Supergute Tage“ von Simon Stephens schon mehrmals am HOT eine glückliche Hand mit zeitgemäßen Stoffen bewiesen. Auch wenn er jetzt bei „Das Wasser im Meer“ natürlich einiges gestrichen, Szenen sogar umgestellt und Videosequenzen eingespielt hat, die Potsdamer Zuschauer haben das Privileg, eine Aufführung ganz im Sinne des Autors Christoph Nußbaumeder zu sehen bekommen. Otteni und der in Berlin wohnende Nußbaumeder sind ständig in Telefonkontakt, jede Änderung ist telefonisch mit Nußbaumeder abgesprochen. Der Autor hat das Stück für die Potsdamer Inszenierung nicht nur vom ursprünglichen Handlungsort Österreich ins Münsterland überführt, er kommt auch selbst zu den Proben in dieser Premierenwoche und wird sich mit Tipps gegenüber Otteni nicht zurückhalten.

„Ich empfinde ihn als sehr offen“, beschreibt FInck die Arbeit mit dem Regisseur. Er lasse den Schauspielern viel Freiraum, beobachte, nehme auf. „Danach sortiert er.“ Was genau die Potsdamer am Freitag zu sehen bekommen, wussten Meike Finck und Marie Fischer selbst am Dienstag noch nicht so genau. Zumindest kleine Änderungen selbst am Premierenmorgen sind auch im HOT nicht ausgeschlossen. Dass die erste Inszenierung in der neuen Spielzeit das Publikum ansprechen wird, davon sind alle Beteiligten überzeugt. Das Stück konzentriere den großen politischen Überbau auf das Feld der Familie, mit dem sich jeder identifizieren könne. Das habe schon in vielen Potsdamer Stücken funktioniert, findet HOT-Sprecherin Stefanie Eue, zum Beispiel auch in dem Dauerbrenner „Der Turm“ nach Uwe Tellkamp. Man könnte es auch ausdrücken wie Bettina, eine weitere Riedl-Tocher: „Es ist nicht privat, es ist Familie.“

Info : Premiere am Freitag 15. September, um 19.30 Uhr (Ausverkauft, Restkarten an der Abendkasse) Nächste Vorstellung am Sonntag,
24. September, um 19.30 Uhr, Hans-Otto-Theater, Schiffbauergasse 11, 14467 Potsdam

Von Rüdiger Braun

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