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Brandenburg Tränen, Wut und Kuscheltiere
Brandenburg Tränen, Wut und Kuscheltiere
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08:54 02.11.2015
Im Schlaatz gingen die Menschen am Freitag spontan auf die Straße, um gemeinsam zu trauern. Quelle: Julian Stähle
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Potsdam

Im Schlaatz scheint die Sonne, als wäre nichts geschehen. Ein schöner Sonntagmorgen. Die Flammen der zahllosen Kerzen auf der Steintreppe verschwinden fast im gleißenden Herbstlicht. Als versuche das Wetter, die Wut der Anwohner zu besänftigen. Ein Mädchen mit langen blonden Jahren hält ihre Hello-Kitty-Stoffpuppe fest im Arm, betrachtet die Kuscheltiere, die vor dem Bürgerhaus im Potsdamer Stadtteil Schlaatz liegen. Auch eine Tüte mit Süßigkeiten hat jemand abgelegt neben dem Foto von Elias. Mini-Hanuta, Bonbons, Lollis. Vielleicht Überbleibsel von Freitag. Von der fröhlichen Kinderfeier, die jäh endete, als die schreckliche Nachricht auch Elias’ Hort erreichte.

„Ein Mann ist gekommen und hat die Kinder mitgenommen.“ So hat es Elisa Wasielewski (25) ihrer fünfjährigen Tochter erklärt. Das Mädchen, das sich vor dem Bürgerhaus an ihre Plüschkitty klammert, ging in den selben Hort im Stadtteil Zentrum-Ost wie Elias. Am Freitag feierten sie gerade eine Halloween-Party in der Kita neben Elias’ Grundschule, als bekannt wurde, dass nicht nur der Flüchtlingsjunge Mohamed (4) in Berlin, sondern wohl auch Elias einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.

„Wir hatten immer Angst, dass wir ihn nicht mehr lebend finden“, sagt Elisa Wasielewski. Die Mutter hat geholfen, nach Elias zu suchen. Wie rund 700 freiwillige Helfer, über Wochen hinweg. Ihrer Tochter hat sie nun eingebläut: Geh nicht mit Fremden mit! „Die Kinder machen sich viele Gedanken“, sagt Wasielewski. Aber was soll man antworten auf die Frage nach dem Warum, die jemand auf einen Zettel geschrieben hat, mit drei Fragezeichen dahinter?

Potsdam findet keine Antwort. Auch zwei Tage nach der schlimmen Nachricht sind die Menschen vor allem im Stadtteil Schlaatz fassungslos, traurig, wütend. Im Schlaatz lebte Elias zuletzt mit seiner Mutter und deren Lebensgefährten. Hier verschwand der Erstklässler Anfang Juli auf einem Spielplatz mitten im Wohngebiet. Er war vom Hort nach Hause gekommen, wollte noch spielen bis zum Abendbrot. Seine Mutter, die mittlerweile weggezogen ist, konnte ihn sehen, vom Küchenfenster aus. Sie hat oft nach draußen geschaut. Aber nicht permanent. Nicht im entscheidenden Moment, als Silvio S., der die Tat gestanden hat, Elias weglockte. Mit einem Plüschtier womöglich, wie es ihm drei Monate später vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) bei Mohamed gelang. Aber wie Elias’ Entführung ablief, wissen die Ermittler noch nicht genau.

„Man kann sein Kind nicht rund um die Uhr bewachen“, sagt Mandy Bitterich. Die 37-Jährige hatte Elias’ Fahndungsfoto vorne am Fahrradkorb befestigt. So fuhr sie Tag für Tag voller Hoffnung durch Potsdam. Nun steht sie mit Sohn Tim (12) vor dem Bürgerhaus. Schon am Freitagabend trauern Anwohner und Helfer dort um Elias. Mehr als 100 Menschen sind gekommen. Viele wie Mandy Bitterich mit ihren Kindern. Weil sie ohnehin fragen, was passiert ist mit Elias. Und auch, weil niemand sein Kind alleine zu Hause lassen will im Moment. Anja Berger ist eine Freundin von Elias’ Familie. Sie nimmt all ihre Kraft zusammen und hält auf der Treppe eine Rede. „Wir haben immer gehofft, dass der Tag kommt, wo wir Elias noch einmal in die Arme schließen können“, sagt die 28-Jährige unter Tränen. „Wir müssen jeden Tag mit unseren Lieben genießen, als wäre es der letzte“, mahnt sie dann. Die Potsdamerin ging mit dem Lebensgefährten von Elias’ Mutter zur Schule. Sie dankt den Helfern auch im Namen der Familie, die von Seelsorgern betreut wird. Auch vor dem Bürgerhaus kümmern sich Notfallseelsorger um die Trauernden. „Viel tun können wir auch nicht. Aber wir können eine Schulter bieten“, sagt Leiter Stefan Baier. Dass der Junge einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist, mache die Trauer „einfacher und schwerer zugleich“, erklärt er. Schwerer, weil es für alle Beteiligten unfassbar sei, wie ein Mensch so etwas tun könne. Gleichzeitig, sagt Baier, „hat der Zorn nun eine Richtung“.

Die Anwohner stehen bis weit nach Mitternacht zusammen. Stumm, schweigend. Ein junges Pärchen in den 20ern läuft zur Treppe, stellt eine Kerze ab. Ein Uhr nachts. Ruhig schlafen kann ohnehin niemand. Sie seien im Schlaatz aufgewachsen, erzählen die beiden. Die junge Frau ist Erzieherin. Ihr Freund arbeitet in einem Bioladen. Ist der Schlaatz ein Problemviertel in einer Stadt, in der es eigentlich gar keine Problemviertel gibt? Beide nicken, ohne genau benennen zu können, wo die Probleme liegen. „Viele Arbeitslose. Viele Ausländer“, sagt der Mann. Es klingt eher wie eine Frage, als dürfe man das nicht sagen. Sie wollen trotzdem wegziehen. Ins Kirchsteigfeld im Potsdamer Süden. Auch ein Neubaugebiet, aber anders als der Schlaatz erst nach der Wende aus dem Boden gestampft. Sie drehe sich immer ängstlich, wenn sie sich morgens auf den Weg zur Kita mache, sagt die Erzieherin. „Man fühlt sich hier nicht so sicher“, erklärt sie  – auch wenn jetzt klar sei, dass der Tod des kleinen Elias überhaupt nichts mit dem Schlaatz und seinen vermeintlichen Problemen zu tun hat. Es hätte auch ein Kind im schickeren Potsdamer Westen treffen können oder in einer ganz anderen Stadt.

Und: Es war ein Mann aus einem Dorf in Brandenburg, der so etwas getan hat. Keiner aus dem Umfeld, aber auch keiner von ganz weit weg. Der Vorname Silvio lässt vielleicht eine andere Herkunft vermuten, aber der Nachname des Geständigen ist so deutsch wie Müller oder Meier. „Berti“ haben sie Silvio S. in Kaltenborn (Teltow-Fläming) genannt. Weil er Ähnlichkeit habe mit Bert aus der Sesamstraße. Einer Kindersendung, ausgerechnet.

Was ist das für ein Mensch, der so etwas tut? Die Frage stellen sich viele Schlaatzer. Mandy Bitterich weiß keine Antwort. Gefühle wie Rache, nein, die habe sie nicht, sagt die Frau, die nur drei Aufgänge von Elias’ ehemaliger Wohnung lebt. „Es macht Elias auch nicht wieder lebendig“, sagt sie.

„Drei Mütter haben ihr Kind verloren“, betont Gabi Franz, die die Suche nach Elias mit organisiert hat. Der Satz macht stutzig. Gibt es etwa ein drittes Opfer? Nicht nur die Mamas von Mohamed und Elias hätten ihr Kind verloren, „in gewisser Weise auch die Mutter des Täters“, erklärt Franz. Dass es die eigene Mutter war, die ihren Sohn auf dem Fahndungsvideo erkannt und gemeldet hat, auch darüber reden viele im Schlaatz.

Worüber sie kaum reden: dass ihre Bemühungen faktisch umsonst waren. Nun wissen die vielen Helfer: Der Sechsjährige war bereits tot, als sie das Wohngebiet durchstreiften. „Es ist nicht schlimm, dass wir gesucht haben“, sagt Gabi Franz. „Schlimm ist nur, was geschehen ist.“

Von Marion Kaufmann

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