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Uckermark statt Côte d’Azur: Darum bleibe ich

Bootsbauerin entscheidet sich für Heimat Uckermark statt Côte d’Azur: Darum bleibe ich

Bootsbauerin Urte Rätsch schwimmt gegen den Trend: Während Altersgenossen aus der uckermärkischen Provinz fliehen, hat sich die 25-Jährige bewusst für ihre Heimat entschieden - und versucht auch andere davon zu überzeugen.

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Bootsbauerin Urte Rätsch in ihrer Lychener Werkstatt bei der Restaurierung eines 20er-Jollenkreuzers aus dem Jahr 1965.

Quelle: dpa-Zentralbild

Lychen. Urte Rätsch ist mit Wasser und Holz aufgewachsen. Ihr Elternhaus steht in Lychen (Uckermark) am Wurlsee, einem von sieben Seen in der uckermärkischen Kleinstadt. Ihr Vater ist der Holzbildhauer Karl Rätsch, dessen Skulpturen in Garten und Atelier des Anwesens stehen. Dass die heute ­25-jährige Bootsbauerin wurde, scheint da nicht verwunderlich. Gelernt hat sie den Beruf dreieinhalb Jahre lang in Peenemünde an der Ostsee. Anschließend arbeitete sie auf Werften in Kiel, Aschaffenburg, Waren – und an der Côte d’Azur.

„Urte ist ein Glücksgriff“

Statt französisches Mittelmeer heißt es nun aber wieder: Uckermark. Rätsch ist zurück in ihrer Heimat, aus der junge Leute eher abwandern, um beruflich voranzukommen. Zu Jahresbeginn hat sie eine eigene Werft aufgemacht. Die zierliche Frau mit dem langen dunklen Haarzopf hat sich bewusst dafür entschieden, obwohl sie andere Angebote hatte. „Ich möchte mit gutem Beispiel voran- gehen, zeigen, dass sich das Leben auch hier lohnt“, erklärt die ­25-Jährige. Kommunalpolitisch engagiert sie sich in der Wählergruppe „Schön hier – gemeinsam für Lychen“. Gute Handwerker und Fachleute würden auch in der uckermärkischen Provinz gebraucht, ist sie überzeugt.

„Urte ist mit ihrem Engagement ein Glücksgriff für uns“, sagt Thomas Held, einer von drei Lychener Stadtverordneten der Wählergruppe. „Sie verkörpert die junge Generation, sucht den Kontakt zu Gleichaltrigen.“

Urte Rätsch bei der Arbeit

Urte Rätsch bei der Arbeit.

Quelle: dpa-Zentralbild

Rätsch beschäftigt sich mit Stadtpolitik. Pläne der Kommune, im Stadtzentrum einen riesigen Hafen mit 60 Gäste-Liegeplätzen zu schaffen, lassen sie den Kopf schütteln. Über drei Millionen Eu­ro soll das Projekt kosten. Die Stadt wolle das Hafenbecken direkt in die frühere Festwiese graben, zudem ei­ne Mole aufschütten und Ferienhäuser drauf bauen. „Das ist eine Fehlinvestition, die sich Lychen nicht leisten kann“, warnt sie bei jeder Gelegenheit auch öffentlich. Das Ufer zu be zu installieren, wäre aus ihrer Sicht kostengünstiger und ausreichend.

Bootsbauer brauchen nicht unbedingt Wasser

Ihre kleine Werkstatt liegt nicht direkt an einem der Lychener Seen, denn Wassergrundstücke seien in der Stadt nicht leicht zu bekommen, sagt sie. Eine gläserne Werft im neuen Hafen wäre nach ihrem Geschmack. Doch da würde die Bootsbauerin zu viel Lärm verursachen, ließ die Kommune sie wissen. „Um Boote zu reparieren oder neu zu bauen, brauche ich das Wasser nicht unbedingt“, sagt sie. Erfahrung hat sie im klassischen Bau von Jachten, im Innenausbau von Großseglern und in der Reparatur von Holz- sowie Kunststoffbooten. Auch ein modernes Hovercraft-Gefährt hat sie bereits gebaut. In ihrem Betrieb fängt sie klein an – fertigt neue Holzruder und Bodenbretter, laminiert Lackschäden oder spachtelt Fehlstellen weg.

Pause an Deck

Pause an Deck: Urte Rätsch arbeitet allein.

Quelle: dpa-Zentralbild

Gerade arbeitet sie im Auftrag eines Kunden an einem Oldie: Der Jollenkreuzer, Baujahr 1965, ist ein typisches Boot der Region mit nur geringem Tiefgang. „Der komplette Schwertkasten muss erneuert werden. Die Leimung hält nicht mehr. Die Planken quellen im Wasser nicht mehr richtig auf, weil Holz einfach irgendwann ermüdet“, erklärt Urte Rätsch.

Wo gehobelt wird, fallen auch Späne

Wo gehobelt wird, fallen auch Späne.

Quelle: dpa-Zentralbild

Spätestens im Herbst will sie ihr eigenes Meisterstück bauen – eine formverleimte Jolle, bei der das Holz in Lagen über eine Form gezogen wird. Sie sei darauf eingerichtet, allein zu arbeiten, sagt sie. „40 Kilogramm kann ich mühelos heben. Männer haben vielleicht mehr Kraft, aber ich bin klein und komme im Boot überall rein.“

Ein Leben in der Stadt? Niemals!

In der Großstadt könne sie nie leben. „Die Ruhe und die Natur, in der ich mit Floß und Baumhaus aufgewachsen bin, würden mir fehlen.“ Gegenwärtig macht sie Neuankömmlingen aus der Fremde das Leben in der Kleinstadtidylle schmackhaft, engagiert sich auch in einer Initiative für Flüchtlinge. „Urte ist gut für uns. Sie hilft uns bei Behördengängen, beim Ausfüllen von Formularen und ist immer Ansprechpartner bei Problemen“, erzählt die Afghanin Farima Farmani, die mit Mann und vier Kindern nach Lychen kam. Rätsch ist Patin der Familie und nimmt ihre Aufgabe ernst. „Ich möchte ja, dass die Neuen gern hier leben und vor allem bleiben.“

Die Flößerstadt an den sieben Seen

Die Kleinstadt Lychen liegt zwischen sieben Seen inmitten des Naturparks Uckermärkische Seen. Der staatlich anerkannte Erholungsort führt seit 2013 die offizielle Zusatz-Bezeichnung Flößerstadt, basierend auf einer mehr als 300 Jahre alten Tradition, Nutzholz auf dem Wasserweg zu transportieren.

Im August wird in Lychen zum 20. Mal das Flößerfest gefeiert. Hauptattraktion sind Vorführungen des traditionellen Flößens.

Der 3000-Seelen-Ort ist vor allem bei Wasserwanderern beliebt. Von Berlin aus erreicht man Lychen per Boot über die Obere Havel und die Woblitz. Über die Feldberger Seenplatte geht es nach Mecklenburg.

Von Jeanette Bederke

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