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Brandenburg Übergriffe in Köln: „Das erfüllt uns mit Scham“
Brandenburg Übergriffe in Köln: „Das erfüllt uns mit Scham“
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18:30 31.01.2016
Amin Aljarmakani hat seinen Sohn schon seit acht Monaten nicht mehr gesehen. Quelle: Rüdiger Braun
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Potsdam

Der kleine Junge im blauen Pullover scheint nach dem Gerät zu greifen, das ihn gerade aufnimmt. „Baba, Baba!“ ruft der Lockenkopf dem Betrachter entgegen. „Das ist Arabisch für Papa“, sagt Amin Aljarmakani, der sich das Filmchen auf seinem Smartphone immer wieder ansieht. Seit acht Monaten hat der aus dem Ort Suweida im südwestlichen Syrien stammende Mann seinen Sohn nicht mehr gesehen. Ein Jahr und zwei Monate ist sein Junge inzwischen alt, der noch bei seiner Mutter in Syrien ist. Amin Aljarmakani hofft, dass seine Familie demnächst nachreisen kann. Sicher ist das noch nicht.

Der Tod ist ein ständiger Begleiter

Der 30-jährige Amin Aljarmakani spricht ganz ruhig über seine Familie. Dabei ist sie in Gefahr. „Wenn man sich in Syrien zu Bett legt, weiß man nicht, ob man am nächsten Tag nochmals aufsteht“, sagt er in einem ganz sachlichen Ton. Der Krieg in seiner Heimat beschäftigt den gelernten Journalisten und Grafik-Designer sehr. Drei bis viermal in der Woche versucht er seine Frau zu Hause zu kontaktieren. Das ist schwierig. Das Internet dort funktioniert nicht immer. Ansonsten hat Aljarmakani seinen Alltag in Potsdam im Blick. „Ich denke an das Hier und Jetzt und an meine Zukunft“, sagt Amin, der vor sieben Monaten in Eisenhüttenstadt ankam und seit gut fünf Monaten in der Landeshauptstadt untergekommen ist.

Aljarmakani hat die Erfahrung gemacht: Je mehr er sich engagiert – für andere Flüchtlinge, für seinen Aufenthalt in Deutschland und auch für die Deutschen, die ihm geholfen haben – desto besser fühlt er sich. Aljarmakani hat sich engagiert: Er hat jenen Offenen Brief maßgeblich mitformuliert, mit dem sich die syrischen Flüchtlinge in Potsdam entschieden von den sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht distanzieren. Noch immer sucht er Mitunterzeichner unter seinen Schicksalsgenossen. Aktuell sind es 400 Unterschriften.

Respekt vor den deutschen Gesetzen

Mit einem Offenen Brief wandte sich der syrische Flüchtling Amin Aljarmakani Mitte Januar an die Brandenburger. Darin distanziert er sich gemeinsam mit anderen Flüchtlingen von den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln.

„Wir sind tief erschüttert von den Taten in Köln und anderen deutschen Städten“, heißt es darin. „Wir achten und bewundern Ihre Rechtsordnung und Ihre Werte. Wir haben allerhöchsten Respekt vor den deutschen Gesetzen.“

Weiter danken die Flüchtlinge den Deutschen dafür, dass sie „uns ein Bett und ein Dach über den Kopf“ geben. „Sie bilden uns aus und ermöglichen uns zu studieren. Sie öffnen Ihre Herzen und Häuser, damit wir eine menschliche Zukunft haben.“

„Ohne Zweifel sind unter den Tätern auch viele Menschen aus unseren Heimatländern, die, wie wir, in Deutschland Schutz gefunden haben. Das erfüllt uns mit Scham“, heißt es. „Deutschland hilft selbstlos und wird Opfer gewissenloser Gewalttäter. Das ist für uns unerträglich und wir bitten Sie im Namen aller Geflüchteten um Entschuldigung.“

Menschen haben immer die Wahl

Als ihn die Nachrichten aus Köln über Facebook ereilt hätten, habe er sofort gewusst, dass er etwas tun müsse. Ein Freund habe den Text ins Deutsche übersetzt. Warum sich die Migranten in Köln so verhalten hätten, kann er nicht sagen. Er ist sich aber sicher, dass sie sich ihres Unrechts bewusst waren. „Was da geschehen ist, ist schlimm für jeden“, sagt Aljarmakani. Und es sei gleichgültig ob es in Deutschland oder in Syrien geschehen sei. Die Menschen hätten immer die Wahl zwischen Gut und Böse.

Der Brief ist für ihn auch ein Appell an allgemeinmenschliche Werte. „Wichtig ist, was hier in unserem Kopf ist“, sagt Aljarmakani und deutet auf seine Stirn. Der menschliche Geist ist für ihn das Wesentliche. Vor diesem verblassten die Unterschiede, zwischen Syrern und Deutschen, zwischen Geflüchteten und Ansässigen.

Der Syrer ist unendlich dankbar

Derzeit schreibt er mit einer befreundeten Journalistin über den Krieg in Syrien. Vollenden könne er die Geschichte bisher nicht, obwohl er daran denkt, sie zu publizieren. Er wolle über den ganzen Krieg, also auch über dessen Ende schreiben. Doch das steht wohl noch in weiter Ferne.

Für die Hilfe, die Deutsche den Flüchtlingen und insbesondere ihm entgegengebracht haben, sei er unendlich dankbar, sagt der 30-Jährige. Er kennt aber auch die aktuellen Diskussionen über Obergrenzen. „Ich kann dazu nichts sagen“, meint er. Wichtig sei die persönliche Begegnung der Menschen. „Wenn ich im Internet einem Fremden eine Wohnung anbieten soll, dann mache ich das wahrscheinlich nicht. Wenn ich ihn aber persönlich kenne, mache ich es vielleicht.“ Solche Erfahrzungen hat Amin Aljarmakani selbst gemacht. Es sind gute Erfahrungen. Die Deutschen hätten ihm geholfen, jetzt wolle er sich hier nützlich machen.

Grenzschließungen lösen nicht das Problem

Dass Grenzschließungen das Flüchtlingsproblem lösen könnten, glaubt er sowieso nicht. „Das wirklich Wichtige ist, den Krieg in Syrien zu beenden.“ Wenn die Leute dort wieder leben könnten, hätten sie auch keinen Grund mehr, nach Europa zu drängen. Für sich selbst sieht Amin Aljarmakani aber keine Hoffnung auf Rückkehr. Er richtet sich auf ein Leben in Deutschland ein. Und versucht nicht an Syrien, seine Eltern und seine zwei Brüder dort zu denken.

Ein Bruder hat es mit ihm nach Deutschland geschafft. Er lebt in Hameln. Zusammen haben sie in Berlin Silvester gefeiert. Friedlich und fröhlich, sagt er.

Von Rüdiger Braun

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