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Brandenburg Umweltminister bedauert Wisent-Abschuss
Brandenburg Umweltminister bedauert Wisent-Abschuss
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15:00 27.09.2017
Rund 90 Wisente leben in der Wildniskernzone der Sielmanns Naturlandschaft bei Elstal im Havelland. In Märkisch-Oderland wurde vor Kurzem ein freilaufendes Wisent abgeschossen. Der Fall schlug hohe Wellen. Quelle: Tanja M. Marotzke
Potsdam

Brandenburgs Umweltminister Jörg Vogelsänger (SPD) hat die Tötung eines freilaufenden Wisents bei Lebus im Landkreis Märkisch-Oderland bedauert. Er hätte sich eine andere Entscheidung der Behörden gewünscht, sagte Vogelsänger am Mittwoch in der Fragestunde des Landtags in Potsdam. „Wisente sind in ganz Europa streng geschützt“, sagte Vogelsänger.

Minister: Landesbehörden einschalten wäre besser gewesen

Es wäre besser gewesen, wenn die örtlichen Behörden vor dem Befehl zur Tötung des Tieres die Landesbehörden eingeschaltet hätten. Wenn künftig mehr zum Telefon statt zur Jagdwaffe gegriffen werde, sei viel erreicht. Der vermutlich aus Polen eingewanderte Wisent-Bulle war Mitte September getötet worden, weil die Behörden vor Ort eine Gefahr durch das Tier befürchteten. Laut Vogelsänger handelten die Behörden nach dem kommunalen Ordnungsrecht. Der Fall hatte auch in Polen für viel Kritik gesorgt. Gegen den Lebuser Ordnungsamtsleiter hatte der WWF Deutschland Mitte September Strafanzeige gestellt.

Erklärungsversuche und Entschuldigungsschreiben

Aus Deutschland und Polen kam vielfach ähnliches Echo, als der Fall bekannt wurde: Bestürzung, Kopfschütteln, Wut. Ein freilaufender Wisent, der eine streng geschützte Tierart ist, streift durch Ostbrandenburg und wird dabei abgeschossen – und das auch noch per amtlichem Beschluss.

In Brandenburg leben zum Beispiel im Wildpark Johannismühle Wisente. Quelle: Wildpark Johannismühle

Man habe sichergehen wollen, dass der Bulle keine Menschen gefährdet, hieß es zur Begründung nach dem Vorfall. Es folgte eine Welle der Empörung. Seither wurde versucht, die Wogen zu glätten – es gab Erklärungsversuche, ein Aufarbeitungsprotokoll und ein Entschuldigungsschreiben an die polnische Seite. Erledigt ist der Fall damit aber nicht.

Tier hat hohen Stellenwert in Polen – Abschuss wurde skandalisiert

Der Wisent ist zwar kein offizielles Symbol in Polen, doch hat er dort einen hohen Stellenwert. Er ist in östlichen Gebieten nahe der weißrussischen Grenze heimisch, gilt als König der Wälder und wird von vielen Polen verehrt. Entsprechend emotional fielen im Nachbarland die Reaktionen auf den Abschuss aus. Tierfreunde richteten sogar eine Facebook-Seite „zum Gedenken an den in Deutschland bestialisch ermordeten Wisent“ ein.

Die Boulevard-Zeitung „Fakt“ titelte auf ihrem Online-Portal: „Er ging durch die Lebuser Wälder, wurde getötet. Schuld sind die Deutschen“. Fast alle polnischen Medien berichteten und zeigten wenig Verständnis für den Abschuss.

Polnische Politiker twitterten zu dem Fall – und dichteten

Auch Politiker kommentierten den Fall. So fragte etwa ein Abgeordneter der nationalkonservativen Regierungspartei PiS auf Twitter: „Mit welcher Begründung wurde der Wisent aus Polen getötet?“. Und der Europaabgeordnete Janusz Wojciechowski, ebenfalls PiS, widmete dem Tier sogar ein Gedicht mit dem Titel: „Ach Wisent, wärst du doch im polnischen Dickicht geblieben“.

Wisent in der Döberitzer Heide Quelle: Volker Oelschläger

Der abgeschossene Wisent hielt sich nach Angaben des Potsdamer Umweltministeriums im Nationalpark Warthemündung im deutsch-polnischen Grenzgebiet auf und streifte dabei auch durch Brandenburg. Als ein Spaziergänger das Tier auf einem Deich bei Lebus (Märkisch-Oderland) entdeckte, nahm das Unheil seinen Lauf.

Wie aus einer Art Entschuldigungsschreiben des Landkreises Märkisch-Oderland, der selbst nicht an dem Abschuss beteiligt war, an die polnische Seite hervorgeht, wurde über mehrere Stunden versucht, das Tier von einer Siedlung fernzuhalten. Als es dann dunkel wurde, traf das Amt die für den ungebetenen Gast tödliche Entscheidung.

Amtsdirektor: „Leib und Leben geht vor.“

„Wir bedauern den Ausgang dieses Ereignisses sehr und hoffen, dass sich hierdurch kein Schatten über unsere gemeinsamen Beziehungen legt“, heißt es in dem Schreiben des Landkreises, über das die „Märkische Oderzeitung“ berichtete. In dem Bericht mit dem Titel „Wisent-Tod wird zur Staatsaffäre“ heißt es: „Der Wisent war über Monate im polnischen Nationalpark Warthemündung und in dessen umliegenden Dörfern gesichtet, fotografiert und gefilmt worden. Umso entsetzter hatte man auf polnischer Seite auf die Nachricht vom Abschuss des geschützten Tieres reagiert. “

Kurz nach dem Abschuss sagte der zuständige Amtsdirektor Heiko Friedemann dem RBB: „Ich hab’ da kein Abwägungsermessen, sondern Leib und Leben geht vor.“ Der Landkreis forderte beim Amt unterdessen ein Protokoll an, das einem Sprecher zufolge inzwischen vorliegt.

Wisente in Sielmanns Naturlandschaft Döberitzer Heide im Sommer 2017 Quelle: Tanja M. Marotzke

Der Wisent, der sich durch seine imposante Statur, wuchtige Hörner und ein dichtes Fell auszeichnet, lebt in Deutschland nicht in freier Natur. Vielmehr wird die die hierzulande nicht heimische Rinderart in Zoos oder Gehegen gehalten. Eine Ausnahme stellt ein Artenschutzprojekt im Rothaargebirge in Nordrhein-Westfalen dar: 2013 wurden acht Tiere ausgewildert. Seither wuchs die Herde bis zum vergangenen Herbst auf 22 an.

War der Abschuss wirklich notwendig?

Nach wie vor fragen sich viele: War der Abschuss wirklich notwendig? Die Heinz Sielmann Stiftung, die selbst in der Döberitzer Heide in Brandenburg ein Wildtier-Großprojekt mit rund 90 Wisenten in einem eingezäunten Gehege verfolgt, spricht von einem Verlust. Zumindest hätte man prüfen müssen, ob man das Tier hätte betäuben können, sagt Projektbearbeiter Jörg Fürstenow.

Die Grünen-Fraktion drängte darauf, dass das Thema in den brandenburgischen Landtag kommt und sie forderte von Regierungsvertretern im Plenum Stellung zu beziehen.

Von Rochus Görgen/dpa/grm

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