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Uni-Pendler bringen Städte um Millionen

Brandenburgs Kommunen verlieren Kopfpauschalen Uni-Pendler bringen Städte um Millionen

Studieren in der Mark, aber wohnen in Berlin: Brandenburgs Universitätsstädten fehlen die Studenten - und damit Geld aus dem Länderfinanzausgleich. Vier Studierende erzählen, warum sie sich für oder gegen die Mark als Wohnort entschieden haben. 

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Quelle: Stephan Laude

Potsdam. Die einen lockt die Metropole, die anderen fürchten die hohen Mieten in der Landeshauptstadt: Brandenburgs Universitätsstädten fehlen die Studenten – und damit Geld aus dem Länderfinanzausgleich. Der Großteil der Studierenden, die in Potsdam, Frankfurt (Oder) und Cottbus eingeschrieben sind, wohnt nicht dort, sondert pendelt von Berlin. Allein der Stadt Potsdam, die pro Einwohner rund 750 Euro an Schlüsselzuweisungen bekommt, gehen so jährlich mehr als 13 Millionen Euro durch die Lappen.

„Nur 5200 der 23.000 Studierenden, die an den drei Hochschulen in Potsdam eingeschrieben sind, leben auch in der Stadt“, sagt Stadtsprecher Jan Brunzlow. 28 Prozent wohnen im Umland, 49 Prozent in Berlin. Nach einer Umfrage der Stadt meiden die meisten Studenten Potsdam, weil sie woanders günstiger wohnen oder ein anderer Wohnort mehr Lebensqualität biete.

Auch den klammen Städten Frankfurt (Oder) und Cottbus fehlen Studenten für die Einwohnerstatistik. Nach Angaben des Frankfurter Studentenwerks leben von den rund 7000 Studierenden in der Oderstadt nur 1300 in Wohnanlagen des Studentenwerks, in Cottbus leben knapp 20 Prozent der Studenten in den Wohnheimen der Stadt. Einige veranlasse auch ein Mangel an Studentenjobs, ihr Domizil in Berlin aufzuschlagen. Dass so viele Studierende pendeln, ist ein Brandenburger Phänomen. „Uns ist kein anderer Fall in Deutschland bekannt, wo es so ist“, sagt Georg Schlanzke, Referatsleiter beim Deutschen Studentenwerk in Berlin. Andere Uni-Städte seien auch von studentischem Leben geprägt.

In vergleichbarer Lage wie Potsdam oder Frankfurt (Oder) befindet sich die 300.000-Einwohner-Stadt Bonn: In Pendeldistanz lockt die Rhein-Metropole Köln. Dennoch lebt die Mehrzahl der in Bonn immatrikulierten Studenten auch dort, sagt Uni-Sprecher Andreas Archut. In Heidelberg, 80 Kilometer von Stuttgart, haben laut Stadtverwaltung fast 43 Prozent der Uni-Besucher ihren Wohnsitz in der Stadt. Die Kommune mit der größten Studentendichte Deutschlands ist nach Angaben des statistischen Bundesamtes das hessische Gießen. Jeder dritte der 78.000 Einwohner studiert.

Im Kampf um die Einwohnerzahlen wird für die märkischen Städte die Konkurrenz durch Berlin nun noch größer: Der Senat will das Begrüßungsgeld für Studenten, die sich in der Hauptstadt anmelden, von 50 auf bis zu 300 Euro erhöhen. Potsdam zahlte dieses Jahr letztmalig eine Zuzugsprämie von 50 Euro. Mit der Streichung spart die Stadt jährlich 240.000 Euro.

Von Marion Kaufmann
 

Kurzer Weg zum Seminar

Potsdam. In der Wohngemeinschaft von Sophie Rabe wird es immer mal wieder sehr voll. Dann nämlich, wenn einer der fünf Bewohner auszieht und ein Nachfolger gesucht wird. Wohnraum für Studenten ist knapp in Potsdam und so ist der Andrang groß, wenn ein bezahlbares WG-Zimmer angeboten wird, noch dazu in der noblen Berliner Vorstadt. „Ich hatte damals Glück, als ich 2009 hierher gezogen bin“, sagt die Sport-Studentin. Zu diesem Zeitpunkt sei die Lage auf dem Potsdamer Wohnungsmarkt noch nicht so schwierig gewesen.Die 24-Jährige stammt aus dem Berliner Bezirk Pankow. Sie hätte auch in Berlin bleiben und zur Uni nach Potsdam pendeln können. „Aber das kam für mich nicht infrage“, sagt sie. Sie wollte sich ganz auf Potsdam einlassen und ihre Zeit nicht in vollen Zügen verbringen.Die Brandenburger Landeshauptstadt war für Rabe der Wunsch-Studienort. Leipzig oder Jena wären ansonsten noch infrage gekommen. Für Potsdam sprach vor allem der gute Ruf als Zentrum des Leistungssports. „Außerdem gibt es hier viel Natur drumherum und es ist eine ruhige Kleinstadt“, sagt sie. Und außerdem liege Berlin ja praktischerweise gleich nebenan, wenn es doch einmal zu langweilig werden sollte.Zu ihren Seminaren am Standort Neues Palais im Westen von Potsdam fährt Sophie Rabe in der Regel mit dem Fahrrad, auf einem Weg, wie er idyllischer kaum sein könnte – vorbei an der Altstadt und quer durch den Schlosspark Sanssouci. Gut fünf Minuten braucht die trainierte Sportlerin dafür. In ihrer Freizeit läuft sie gerne und spielt Fußball in einem Frauenteam an der Hochschule. „Nur so, zum Spaß“, sagt sie. Eine sportliche Karriere hat sie nicht im Kopf, vielmehr würde sie gerne in die Sportwissenschaft gehen. Deshalb hat sie nach dem Bachelor nun einen Master-Studiengang begonnen.

Schnell mal nach Polen

FRANKFURT (ODER). Diana Koppelt wohnt mittendrin, direkt auf dem Campus der Viadrina in Frankfurt (Oder). „Ich habe ohne Probleme einen Platz in einem Wohnheim gefunden“, sagt sie. Bei der Platzvergabe wurde die 23-jährige Bautzenerin als Auswärtige bevorzugt. Nachdem sie in Jena ihren Bachelor in Slawistik gemacht hat, will Koppelt an der Oder einen Master als Kulturwissenschaftlerin anschließen.„Die Viadrina hat einen guten Ruf“, sagt sie. Die Nähe zu Polen sei ein ganz großer Pluspunkt. Sie hat bereits Freundschaft mit einer polnischen Kommilitonin geschlossen, die auf der anderen Oderseite in Slubice wohnt. Auch zu Konzerten geht sie gerne über die Grenze.Ein weiterer Pluspunkt der Frankfurter Uni ist aus ihrer Sicht, dass hier studentischen Initiativen viel Raum gegeben wird. So macht sie derzeit eine Ausbildung als Peer-Tutorin. Damit kann sie später Studienanfängern zum Beispiel erklären, wie man eine wissenschaftliche Arbeit anlegt.Aus ihrer Bautzener Zeit hat Koppelt auch Freunde in Berlin. „Einige haben gesagt, dass ich bestimmt auch nach Berlin ziehen werde, wenn ich in Frankfurt studiere“, erzählt sie. Aber das kam für sie nicht infrage, zumindest noch nicht. „Ich muss erst einmal hier an kommen“, meint die 23-Jährige. Die Oderstadt habe ein vielfältiges Kulturleben. Auch Sport kann man in Frankfurt gut treiben, findet sie. Sie geht oft ins Schwimmbad und joggt durch den Stadtwald. Und zu Uni-Veranstaltungen, die nicht in unmittelbarer Nähe des Wohnheims stattfinden, fährt sie am liebsten mit dem Rad.In Berlin war Diana Koppelt bisher nur einige Male um ihre Freunde zu besuchen. Die Hauptstadtkultur hat sie bisher nicht gelockt. Dafür gibt es in Frankfurt noch zu viel zu entdecken. 

Der Hund als Handicap bei der Zimmersuche

POTSDAM. Volle Züge, häufige Verspätungen – für Paul Möller ist der Weg zur Vorlesung im Moment alles andere als einfach. Der 21-Jährige studiert Politik und Geschichte an der Universität Potsdam. Er wohnt zurzeit aber bei Freunden in dem Dorf Pätz bei Bestensee (Dahme-Spreewald), wo er aufgewachsen ist.Das bedeutet, dass er morgens zuerst mit dem Fahrrad zwanzig Minuten durch den Wald zum Bahnhof fahren muss. Dann gilt es, mehrfach umzusteigen und zu hoffen, dass der Anschluss klappt. Im besten Fall ist er in anderthalb Stunden in Potsdam. Dauerhaft soll diese Situation für ihn nicht sein. „Die Unterkunft ist nur ein Notbehelf“, erklärt Möller. Er hatte vorher im Berliner Ortsteil Weißensee gewohnt, in einer Wohnung, die seiner Schwester gehörte, die diese aber verkaufen musste. „Jetzt suche ich ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft“, sagt er. Es werde wohl am Ende wieder auf Berlin hinauslaufen. „Potsdam ist teuer und überlaufen“, meint er. Und eine Stunde Fahrzeit, wie vorher von Weißensee aus, stört ihn im Grunde nicht.Natürlich wäre es schön, sich die Pendelei ganz schenken zu können. Auch das kulturelle Leben in der Landeshauptstadt weiß Möller zu schätzen. „Potsdam ist schön und lebenswert, aber es leidet daran, dass Berlin einfach noch toller ist“, sagt er. Außerdem hat er einen Cockerspaniel. In Potsdam rechnet er sich mit diesem Handicap kaum eine Chance bei der Zimmersuche aus. 

Zeit im Zug zum Zeitunglesen

FRANKFURT (ODER). Früher hatte Kai Goll einen kurzen Weg zur Vorlesung: einfach auf das Fahrrad setzen und drei Minuten den Hügel hinunterrollen. Damals wohnte der angehende Kulturwissenschaftler noch in einer WG am Frankfurter Kleistpark, beinahe in Sichtweite der Universität Viadrina. Inzwischen lebt der 26-Jährige im Berliner Bezirk Schöneberg und verbringt für Hin- und Rückfahrt täglich drei Stunden in U-Bahn und Regionalbahn.Schuld ist die Liebe. Goll hat ein Auslandssemester im belgischen Liège verbracht. In dieser Zeit lernte er seine jetzige Freundin kennen, eine Berlinerin. Sie suchten sich eine gemeinsame Wohnung in der Metropole. Goll bereut den Wechsel nicht, schließlich ist er in Berlin aufgewachsen und mag die Stadt. Und die Fahrzeit ist für ihn nicht verloren. „Morgens kann man wunderbar Zeitung lesen“, erklärt er. Und auf der Rückfahrt geht er oft noch Unterlagen für die Uni durch oder quatscht mit Kommilitonen. Über die Fahrtkosten muss er sich keine Gedanken machen. Von den 238 Euro, die er pro Semester an das Studentenwerk zahlt, gehen 110 Euro an den Verkehrsverbund. Dafür fährt er in Brandenburg und Berlin kostenlos Bahn. 

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