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Brandenburg Universität bringt geflüchtete Lehrer an Schulen
Brandenburg Universität bringt geflüchtete Lehrer an Schulen
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13:03 27.09.2017
Unterrichtet bald: Alaa Kassab Quelle: Rüdiger Braun
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Potsdam

Vor genau zwei Jahren war die damals 22 Jahre alte Alaa Kassab verzweifelt. Aleppo war zerstört, der Kindergarten, an dem sie drei Jahre Englisch unterrichtet hatte, geschlossen. Was schließlich zu ihrem Entschluss geführt habe, ihre Heimat zu verlassen? „Alles. Die Depression, der Krieg. Ich wollte einfach nicht mehr da bleiben.“ Als sie in Deutschland ankam, sprach die früherer Englischlehrerin kein Wort Deutsch. Inzwischen bestreitet sie mühelos eine Talkrunde auf Deutsch, plaudert mit Reportern, gibt Statements vor der Kamera und ab Oktober wird sie versuchsweise in der Grundschule Meusebach in Geltow, unterstützt von einem Betreuer, wieder Englisch unterrichten. Die 24-jährige Alaa Kassab gehört zu den 28 zumeist syrischen Flüchtlingen, die den ersten Durchlauf der Qualifikation für geflüchtete Lehrerinnen und Lehrer an der Universität Potsdam geschafft haben.

Verabschiedet wurden die erfolgreichen Absolventen dieses Programms am Dienstag von Wissenschaftsministerin Martina Münch (SPD) und Universitätspräsident Oliver Günther. Letzterer wusste den „wunderbaren Anlass“ zu schätzen. Denn wider Erwarten mauserte sich die Anfang 2016 von der Professorin für Empirische Unterrichts- und Interventionsforschung, Miriam Vock, spontan umgesetzte Schulungsidee eines „Refugees Teachers Program“ zum bundesweit beachteten Pilotprojekt der Integration geflüchteter Akademiker. Es war durchaus nicht sicher, dass die Geflüchteten zusätzlich zu ihrer schwierigen Lebenslage sechs Monate lang 24 Stunden in der Woche Deutschunterricht, danach sofort Kurse in Erziehungswissenschaft und dann auch noch eine Hospitanz an einer Schule packen würden. Auch wenn von anfangs 55 Kandidatinnen und Kandidaten am Dienstagvormittag nur 28 ihr Diplom in den Händen hielten, die Schulung, die den geflüchteten Lehrern vor allem Deutsch beibrachte und sie ins deutsche Bildungssystem einführte, ist wohl ein voller Erfolg.

Den Grad für „kompetentes Deutsch“ in einem Jahr geschafft

Zwölf der Teilnehmer haben schon einen Jahresvertrag für den Unterricht an einer brandenburgische Schule, die anderen 16 könnten es vielleicht etwas später probeweise in den Schuldienst schaffen. Dazu müssen sie wie aber ihre erfolgreicheren Kurskolleginnen und Kollegen beim zweiten Durchlauf die Sprachprüfung des Grades „C 1“ bestehen. Dieser Grad setzt voraus, dass der Sprecher ein „breites Spektrum anspruchsvoller, längerer Texte verstehen und auch implizite Bedeutungen erfassen“ und „sich spontan und fließend ausdrücken“ kann. Alaa Kassab kann das. Daher fängt sie im Oktober in Geltow an.

Alaa Kassab ist selbst überrascht, wie rasch sie sich in die fremde Sprache und Kultur einfand. „Ich lernte es sehr viel besser und schneller als angenommen“, sagt sie. Aber ohne den Kurs und das Engagement der Potsdamer Dozenten und den täglichen Unterricht in Potsdam, wäre das nicht gelungen. Kassab ist zuversichtlich, dass sie sich in Deutschland eine Existenz aufbauen kann. „Vielleicht muss ich noch einmal studieren“, sagt sie. Aber sie ist entschlossen sich weiter zu bilden. Der Unterricht an den hiesigen Schulen, den sie schon von ihrem Praktikum kennt, gefällt ihr. „Hier ist es nicht so streng wie in Syrien. Die Lehrer sind freundlicher und flexibler.“ Sie hofft, dass sie in Deutschland bleiben kann.

Das hofft auch ihre Kommilitonin Alesar Saed, die vor zwei Jahren aus dem westsyrischen Salamyya geflohen ist. „Meine Schule war geschlossen“, sagt die frühere Mathematiklehrerin, „die Stadt war vom IS umzingelt.“ Zusammen mit ihrem Mann Waed Issa ist auch die heute 30-Jährige vor zwei Jahren nach Deutschland geflohen. „Am Anfang war es sehr schlimm. Damals hatte ich das Gefühl, dass ich alles verloren hatte.“ Im Internet schaute sie nach, wie man auf Deutsch „Guten Tag“, „Danke“ und „Ja“ sagt. Mehr ging nicht. Im Potsdamer Flüchtlingsheim wies der sie schon lange in Deutschland praktizierende syrische Arzt Akram Nassif auf das neue Programm an der Universität Potsdam hin. „Er sagte: Die Sprache ist der Schlüssel zur Gesellschaft“, erzählt Saed. Das hat sich bewahrheitet. Mit aller Kraft warf sich Saed in dem Hochschulkurs ins Zeug. „Ich wollte wieder arbeiten“, erklärt sie ihr Engagement. Ab Oktober darf sie in der Babelsberger Goethe-Grundschule wieder Mathematik unterrichten. Auch sie will noch ein weiteres Fach studieren, sie denkt an Physik. Dass sie hier in Deutschland bleiben wird, ist für sie fast sicher. Ihr Sohn ist hier geboren worden, das war vor acht Monaten – mitten in ihrer Qualifikation.

Alle mussten für das Projekt an einem Strang ziehen

„Das Wichtigstes war, dass alle mit an einem Strang gezogen haben“, erklärt sich die Initiatorin Miriam Vock den Erfolg des Programms. Wichtig sei auch gewesen, dass das Bildungsministerium sich von dem Versuch überzeugen ließ, obwohl rechtlich vieles ungeklärt war, was die beruflichen Möglichkeiten der geflüchteten Lehrer anging. Das Projekt hat Vock gezeigt, wie aufwendig funktionierende Integration sein kann. „Es liegt noch viel vor uns“, sagt die Professorin. „Die Absolventen müssen sich jetzt auch an den Schulen behaupten.“ Aber die hätten sich bisher offen gezeigt, selbst wenn zum Beispiel eine Lehrerin auf ihr Kopftuch bestand. „Die Schulleiter haben sich zuerst die Personen angeschaut und wie sie mit den Kindern umgehen können.“ Jetzt aber komme die Feuerprobe der Praxis.

An der Universität Potsdam laufen derzeit noch drei weitere Qualifizierungskurse mit rund 80 Teilnehmern. Kleinere Auflagen eines ähnlichen Schulungsprogramms haben nach Potsdamer Vorbild inzwischen auch schon die Universitäten Göttingen und Bielefeld gestartet. Das Interesse bei den Geflüchteten ist riesig. Vock hatte vielleicht 15 Teilnehmer erwartet, aber auf die erste Potsdamer Ausschreibung hin hatten sich 700 Interessenten gemeldet. Nicht alle haben bislang einen Platz gefunden. Für die, die das höchst anspruchsvolle Programm in Potsdam erfolgreich durchlaufen haben, ist der Referent im Bildungsministerium Ingo Müller sehr optimistisch. Er verspricht den Neulingen, wenn sie sich bewähren, eine feste Anstellung. „Ich glaube, Sie können im nächsten oder übernächsten Jahr voll eigenständig Unterricht machen“, sagt er auf der Absolventenfeier.

Von Rüdiger Braun

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