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Brandenburg Tausende Schüler mit fehlenden Zeugnisnoten
Brandenburg Tausende Schüler mit fehlenden Zeugnisnoten
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14:19 09.04.2014
Stühle hoch: Lehrermangel führt zu Unterrichtsausfall. Quelle: dpa
Potsdam

Das geht aus einer bislang unveröffentlichten Antwort des Bildungsministeriums auf eine parlamentarische Anfrage hervor.

Die Zahlen widerlegen die Aussage von Bildungsministerin Martina Münch (SPD) im Februar im Landtag. Angesprochen auf massiven Unterrichtsausfall in Luckenwalde (Teltow-Fläming), hatte sie von einem „bedauerlichen Einzelfall“ gesprochen. 100 Oberschüler blieben dort ohne Englischnote, weil kein Ersatz für eine kranke Lehrerin gefunden wurde.

„Die Ministerin hat offenbar den Blick für die Realität im Land verloren“, sagt der bildungspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Gordon Hoffman, angesichts der neuen Zahlen.

124.334 Schulstunden ersatzlos ausgefallen

  • Im ersten Schulhalbjahr 2013/14 sind in Brandenburg 124.334 Unterrichtsstunden (1,8 Prozent) ersatzlos ausgefallen. Das geht aus einer Antwort von Bildungsministerin Martina Münch (SPD) auf eine kleine Anfrage der CDU-Fraktion hervor. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist das sogar ein leichter Rückgang um 0,2 Prozent.
  • Zur Vertretung angefallen sind 585.854 Stunden. Der komplette Stundenausfall wurde vor allem durch das Streichen von Förder- und Wahl unterricht, das Zusammenlegen von Klassen sowie Stillarbeit vermieden.
  • Am meisten betroffen ist der Schulamtsbereich Frankfurt (Oder). Dort fielen 2,2 Prozent der Stunden ersatzlos aus.
  • Hauptgrund für Ausfall (6,6 Prozent) ist Krankheit von Lehrern. mak

Aus der Ministeriumsantwort auf Hoffmanns Anfrage geht hervor, dass es in allen fünf Schulamtsbereichen und damit landesweit betroffene Schulen gibt. Am häufigsten konnten im Fach Musik keine Zensuren erteilt werden. Allein am Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium in Rathenow (Havelland) blieben 333 Schüler ohne Noten. Aber auch Kernfächer wie Physik, Englisch und Deutsch konnten wegen Lehrermangels nicht überall bewertet werden. So blieb an der Potsdamer Fontane-Oberschule eine achte Klasse ohne Deutschnote. Zudem gab es für sechs Klassen keine Geschichts- und für drei Klassen keine Erdkundezensur. Am Neuruppiner Schinkel-Gymnasium klafft bei einer neunten Klasse mit 29 Schülern in Geschichte eine Lücke auf dem Zeugnis.

„Für die Betroffenen ist das natürlich frustrierend“, sagt Ministeriumssprecher Stephan Breiding. „Wir haben aber keinen Sonderfall Brandenburg.“ Auch in anderen Bundesländern falle Unterricht aus und könnten Noten nicht erteilt werden. Insgesamt hätten nur 1,6 Prozent von mehr als 226800 märkischen Schülern keine Zeugnisnoten bekommen. 495 der 4127 betroffenen Schülern würden ohnehin erst im zweiten Halbjahr benotet, weil die Schulen die Stunden flexibel umgeschichtet hätten.

Kommentar

Unterrichtsausfall ist ein Riesenproblem
Von Marion Kaufmann

Man mag es kaum glauben: An sage und schreibe 31 Schulen im Land konnten im ersten Halbjahr in bestimmten Fächern keine Noten erteilt werden, weil kein Unterricht stattfand. Bei mehr als 4100 Schülern prangte ein „nicht beurteilbar“ im Zeugnis.
Zuvor hatte schon eine Schule gereicht, um landesweit Empörung hervorzurufen. In Luckenwalde standen 100 Schüler wegen Lehrermangels ohne Zensuren da. Von einem „Einzelfall“ sprach Ministerin Martina Münch (SPD) da im Februar noch. Nun, angesichts einer Abfrage bei den Schulämtern, zeigt sich: Es ist kein Einzelfall. Schnell verweist ihr Haus nun darauf, dass es in anderen Bundesländern auch nicht besser sei und man schon einiges unternehme, um dem Problem zu begegnen. Offenbar nicht genug, denn dass das Problem so groß ist, scheint der Ministerin angesichts ihrer Aussage vor einigen Wochen selbst gar nicht klar gewesen zu sein.
Nicht erteilte Noten sind keine Bagatelle. Gerade für Schüler, die kurz vor dem Abschluss stehen, sind sie essentiell für die Karriere. Manch einer bewirbt sich mit dem Halbjahreszeugnis. Nach dem Fall Luckenwalde hatte die Opposition ein Alarmsystem gefordert: Schulen sollten Ausfall unverzüglich an Schulamt und Ministerium melden. Münch hatte das als unnötig abgelehnt. Offenbar eine glatte Fehleinschätzung.

„Wir arbeiten aber daran, solche Situationen künftig zu vermeiden“, so Breiding. Im laufenden Schuljahr Ersatz für kranke Lehrer zu finden, sei aber schwierig. Das Land will 100 zusätzliche Lehrer einstellen, um dauerkranke Pädagogen zu ersetzen. Pro Jahr stehen künftig zehn Millionen Euro als Vertretungsbudget bereit.

Von Marion Kaufmann

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