Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Viadrina-Präsidentin: „Wir tragen zum europäischen Zusammenhalt bei“
Brandenburg Viadrina-Präsidentin: „Wir tragen zum europäischen Zusammenhalt bei“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:03 31.10.2018
Prof. Dr. Julia von Blumenthal hat seit 1. Oktober 2018 das Amt der Präsidentin der Europa-Universität Viadrina inne. Quelle: dpa/Heide Fest
Frankfurt (Oder)

Seit dem 1. Oktober 2018 ist Julia von Blumenthal (48) Präsidentin der „Viadrina“, der Europa-Universität in Frankfurt (Oder). von Blumenthal war bis zu ihrem Wechsel nach Frankfurt seit 2009 Professorin für Innenpolitik der Bundesrepublik Deutschland an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ab 2014 leitete sie als Dekanin die dortige Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät.

Vor Ihnen führten lange Jahre die bekannten Präsidenten Gesine Schwan und Gunter Pleuger die Viadrina. Sehen Sie sich eher als Fortführerin dieser Tradition oder als Erneuerin?

Julia von Blumenthal: Beides. Tradition ist wichtig, weil der Charakter der Viadrina als Europa-Universität für mich zentral ist. Gleiches gilt für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Sie gehört zur DNA der Viadrina. Zugleich hat sich seit der Zeit von Gesine Schwan und Gunter Pleuger vieles verändert: das politische Umfeld, das wissenschaftliche Umfeld und auch die Stadt Frankfurt (Oder). Insofern kann man den Traditionen nur treu bleiben, indem man auch ein bisschen was anders macht.

Bleiben wir beim Einfachsten, der Stadt Frankfurt. Inwiefern hat sie sich verändert und wie kann die Viadrina diese Veränderung begleiten?

Ich erlebe als Neu-Frankfurterin Frankfurt (Oder) durchaus als eine Stadt im Aufbruch. Ich erlebe mit dem Oberbürgermeister René Wilke jemanden, der ganz bewusst daran arbeitet, den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Frankfurt zu stützen und die Probleme und Chancen ganz unmittelbar anzugehen.

Der gesellschaftliche Zusammenhalt aber scheint gefährdet. Es gab jüngst den spektakulären Vorfall mit aggressiven Syrern, die einen Club attackierten, und früher machten immer wieder Jugendliche mit rechter Gewalt von sich reden.

Es gibt trotz alledem ein gewisses Maß an gesellschaftlichem Zusammenhalt. Das sehen wir auch an den vielen Menschen, die sich für und in der Stadt engagieren. Auf der anderen Seite ist dieser Zusammenhalt immer gefährdet, denn gesellschaftlicher Zusammenhalt ist kein Zustand, sondern eine permanente Aufgabe. Die Viadrina selbst kann zum Beispiel zum Zusammenhalt beitragen, indem sie mit Veranstaltungen in der Stadt präsent ist.

Wie zum Beispiel?

Jüngst fand bei uns der Bürgerdialog zum Thema Europäisches Arbeitsrecht mit Bundesarbeitsminister Hubertus Heil statt. Das war eine Gelegenheit für alle Frankfurter Bürgerinnen und Bürger ganz unmittelbar mit jemandem zu diskutieren, der die Bundespolitik und die Europäische Politik mitgestaltet.

Das Klima der Stadt würde sich sicher auch verändern, wenn mehr Studierende nicht in Berlin, sondern hier in Frankfurt wohnen würden. Tut sich da etwas?

Seit vergangenem Jahr machen unsere Studierenden, allen voran der AStA, eine Zuzugskampagne. Unter dem Titel „Zieht nach Frankfurt“ führen sie unterschiedliche Aktionen durch, um ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen dazu zu bewegen, nach Frankfurt zu ziehen. Auf einer Litfaßsäule zeigen sie ihre Lieblingsorte, auf verschiedenen Wegen weisen sie auf das Kulturangebot, die kurzen Wege und die günstigen Mieten vor Ort hin. Ich denke, dass die Kampagne einen positiven Effekt hat, weil sie die guten Seiten von Frankfurt zeigt. Und in dem Maße wie es in Berlin immer teurer wird, werden sich auch immer mehr Studierende überlegen hierher zu ziehen.

Was sind von günstigen Mieten abgesehen die guten Seiten Frankfurts?

Die kurzen Wege und darüber hinaus die Möglichkeit, als Student selbst etwas zu gestalten. Ich erlebe viele Studierende, die selbst etwas auf die Beine stellen. Ich habe gerade mit einer Studentin gesprochen, die beim jährlichen Theaterfestival Unithea sehr aktiv ist und gesagt hat, das sei genau das, was sie machen will. Es gibt ganz viele Dinge, bei denen Studierende in Frankfurt so viel mehr bewirken können als im riesigen Berlin, wo viele Initiativen einfach untergehen.

Aber bis die Mehrheit in Frankfurt selbst wohnt, werden wohl noch ein paar Jahre ins Land gehen.

Das ist wahrscheinlich realistisch.

Zur DNA der Viadrina gehört, wie Sie andeuteten, auch das Internationale. Aber seit dem Jahr 2001 ging der Anteil ausländischer Studierender von über 42 Prozent auf 25 Prozent zurück. Wie kann die DNA Internationalität reaktiviert werden?

Wir sind ja jetzt schon seit ein paar Jahren bei einem Anteil von 25 Prozent. Im bundesweiten Vergleich ist das überdurchschnittlich viel. Diesen Anteil mit dem aus den Gründungsjahren zu vergleichen, passt nicht so ganz, da vor der Erweiterung der EU für die mittel- und osteuropäischen Länder noch keine Freizügigkeit herrschte. Damals war die Viadrina für viele Schülerinnen und Schüler aus Mittel- und Osteuropa, insbesondere aus Polen, eine außerordentliche Chance, im Ausland zu studieren. Heute sind wir ein ganz normaler Teil des europäischen Binnenraums. Insofern finde ich einen Anteil von 25 Prozent gut – und ich finde gut, dass dieser Anteil seit vielen Jahren stabil ist. Ich glaube aber nicht, dass es realistisch wäre, den Anteil kurzfristig massiv steigern zu wollen.

Gilt das auch für die polnischen Studierenden, die derzeit einen Anteil von sieben Prozent haben?

Hier sollten wir tatsächlich an einer Steigerung arbeiten. Wir müssen uns genau anschauen, ob unsere Studienprogramme noch den aktuellen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler und dem Arbeitsmarkt entsprechen. Beim deutsch-polnischen Jurastudiengang sind wir da schon ganz konkret dabei. Was ich sehr ermutigend fand: Zu unserem jüngsten deutsch-polnischen Informationstag kamen 400 Schülerinnen und Schüler aus ganz Polen.

Polen und seine aktuelle Regierung sind ein Sorgenkind der EU. Machen auch Ihnen die Entwicklungen Sorgen?

Auf der Ebene der Universitäten klappt die Zusammenarbeit hervorragend. Wir waren jüngst wieder bei der Sitzung der ständigen Kommission für das gemeinsam von Viadrina und der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań getragene Collegium Polonicum, wo wir im gemeinsamen Geist an unseren Projekten arbeiten. Natürlich machen mir die politische Entwicklung in Polen Sorgen. Das EU-Verfahren wegen Verletzung der Rechtsstaatlichkeit zeigt ja, dass es Grund zur Sorge gibt. Andererseits muss man auch immer sehen, wie wichtig auch für die aktuelle polnische Regierung die Integration in Europa ist.

Aber ist die Viadrina aufgrund ihrer juristischen Kompetenz nicht gerade dazu prädestiniert, mit der aktuellen polnischen Regierung in Konflikt zu geraten?

Wir sind auf jeden Fall der Ort, um immer wieder deutlich zu machen, was die Grundlagen von Rechtsstaatlichkeit sind und wie eine rechtsstaatliche Verfassung aussehen muss. Und wir sind auch der Ort, an dem wir uns damit auseinanderzusetzen, ab welchem Punkt Rechtsstaatlichkeit beeinträchtigt ist und wodurch sie beeinträchtigt ist.

Ist da in Polen schon eine Grenze überschritten?

Ich denke, man muss die Situation auch aus der historischen Entwicklung heraus verstehen. Man muss aber auch die weitere Entwicklung beobachten. Im Moment ist für mich eine entscheidende Frage, wie sich Polen gegenüber den einstweiligen Maßnahmen gegen die vorzeitige Pensionierung von Richtern verhält, die der Europäische Gerichtshof beschlossen hat. Das sind Knackpunkte, an denen sich zeigen wird, welche Bedeutung die polnische Regierung dem europäischen Recht zumisst.

Nun ist ja nicht nur Polen schwierig, insgesamt scheint der Zusammenhalt in Europa zu schwinden. Machen Sie sich als Präsidentin der Europa-Universität Sorgen?

Ich habe mir für meine Antrittsrede noch einmal Daten des Europa-Barometers der letzten Jahre angeschaut. Positiv ist, dass es immer noch eine breite Mehrheit in der Bevölkerung Europas gibt, die die Mitgliedschaft in der Europäischen Union gut findet. Zweitens gibt es gerade in der jüngeren Generation eine größere Offenheit gegenüber Europa. Das stimmt mich grundsätzlich optimistisch. Andererseits nehmen die Konflikte tatsächlich zu. Manchmal fragt man sich, ob die Einigungsfähigkeit der nationalen Regierungen im Ministerrat auf europäischer Ebene noch groß genug ist.

Kann die Viadrina etwas zu dieser Einigkeit beitragen?

Auf jeden Fall. Es gibt zum Beispiel den Frankfurter Kommentar zum europäischen Recht, mit dem die Kolleginnen und Kollegen aus der Rechtswissenschaft sich an der internationalen Diskussion beteiligen. Wir haben auch Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler, die sich mit der Frage befassen, ob Europa in der Krise ist und was die Wege aus dieser Krise wären. Nicht zuletzt haben wir haben mit dem Master of European Studies einen Studiengang, in dem sich junge Menschen mit der Entwicklung Europas beschäftigen. Insofern würde ich sagen: Ja, wir tragen zum europäischen Zusammenhalt bei – und das auch durch unsere Diskussionsveranstaltungen, an denen sich auch interessierte Bürgerinnen und Bürger beteiligen.

Bei anderen brennenden Themen wie Digitalisierung, Migration und Klimawandel scheint die Viadrina dagegen etwas außen vor.

Wir sind da gar nicht außen vor. Natürlich können wir uns nicht mit allen Zukunftsfragen beschäftigen. Aber mit der Frage der Migration beschäftigt sich die Viadrina schon lange. Werner Schiffauer ist ja ein ganz bekannter Name in der Migrationsforschung. Auch im Zentrum „B/Orders in Motion“ findet Forschung zur Migration statt. Auch die Digitalisierung wird für uns Zukunftsthema. Mit unseren Partnern in Poznan werden wir einen entsprechenden Studiengang aufbauen und auch Forschung darum herum gruppieren. Dabei kommt die technische Perspektive eher aus Poznan, die gesellschaftlich-kulturelle eher aus Frankfurt. Bei der Digitalisierung geht es ja nicht nur und vielleicht nicht einmal vordergründig um technische Dinge. Entscheidend ist doch, wie mein Smartphone Kommunikation im Freundeskreis oder wie es Arbeitsprozesse und sogar politische Prozesse verändert. Wir als Viadrina arbeiten schon sehr lange aus einer interdisziplinären Perspektive, mit der wir jetzt auch auf Digitalisierung schauen wollen.

Digitalisierung soll das neue Profil der Viadrina bestimmen.

Das ist tatsächlich unser zentrales Profilthema. Natürlich führen wir auch unsere anderen Profilthemen weiter. Fragen von Grenzen und Grenzziehung werden bei „B/Orders in Motion“ weiterhin eine Rolle spielen. Was hier erforscht wird, stellen wir wie zuletzt im Rahmen des Projekts „Die vergessene Grenze“ auch in Ausstellungen für die Stadt dar.

Spielt auch die aktuelle Flüchtlingssituation schon eine Rolle?

Die Viadrina bietet unter dem Namen welcome@viadrina maßgeschneiderte Programme an, die Geflüchtete an ein Studium in Deutschland heranführen.

Interview: Rüdiger Braun

Von Rüdiger Braun

Brandenburg „Langer Atem 2018“ für MAZ-Reporter - „Lokaljournalismus im besten Sinne“

Mehr als zwei Jahre hat die MAZ die Flüchtlingsfamilie Yassin aus Ludwigsfelde begleitet – dafür wurden die drei MAZ-Reporter Oliver Fischer, Anja Meyer und Martin Küper jetzt mit dem Journalistenpreis „Langer Atem“ ausgezeichnet. Dagmar Rosenfeld, stv. Chefredakteurin der WELT, hielt die Laudatio – und lobte diesen besonderen Lokaljournalismus.

31.10.2018
Brandenburg MAZ-Serie mit Journalistenpreis ausgezeichnet - Wie geht’s denn der Familie Yassin in Ludwigsfelde?

Im Leben der Familie Yassin gibt es ein Davor und ein Danach – eine alte Heimat und eine neue. Vor drei Jahren flohen sie aus Syrien, seit zwei Jahren sind sie in Ludwigsfelde zu Hause. Doch das Ankommen ist gar nicht so einfach – und es gibt viele Missverständnisse in der „Wir schaffen das“-Geschichte. Die MAZ begleitet sie seit Jahren – und hat dafür nun einen Journalistenpreis gewonnen.

03.11.2018

Nach Fertigstellung der nördlichen Fahrbahn zwischen der Rastanlage Michendorf und dem Autobahndreieck Nuthetal kommt es ab Donnerstag zu Veränderungen der Verkehrsführung. Mit Einschränkungen ist zu rechnen.

31.10.2018