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Vom Naturschützer zum Lobbyisten

Gregor Beyer Vom Naturschützer zum Lobbyisten

Viele Jahre hat Gregor Beyer für den Naturschutzbund in Brandenburg gearbeitet. Dann saß er mit der FDP fünf Jahre im Landtag. Nun ist er seit zwei Jahren Chef-Lobbyist für Bauern, Jäger und Fischer im neu gegründeten Forum Natur Brandenburg. Einen Widerspruch will der 48-Jährige darin nicht erkennen.

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„Aber natürlich bin ich noch Nabu-Mitglied“: Gregor Beyer hat im „Forum Natur“ Bauern, Jäger, Fischer und Waldbesitzer vereint.

Quelle: MOZ/Thomas Burckhardt

Potsdam. Geht das überhaupt? Fast 20 Jahre arbeitete Gregor Beyer für den Naturschutzbund (Nabu) in Brandenburg. Erst ehrenamtlich, dann als Leiter des Besucherzentrums Blumberger Mühle in Angermünde (Uckermark). Vor zwei Jahren wurde er Geschäftsführer des „Forums Natur Brandenburg“, das von sechs Verbänden des ländlichen Raums neu gegründet wurde. Es agiert als Interessenverband für Bauern, Waldbesitzer, Jäger, Fischer, Angler und familienbetriebene Forstbetriebe und liegt – je nach Interessenlage – meist im Clinch mit dem Naturschutzbund und anderen Umweltverbänden. Gerade erst hatte Forums-Präsident, der märkisch-oderländische Landrat Gernot Schmidt (SPD), das Wort der „Öko-Pegida“ geprägt und wie einen Speer in Richtung Umweltverbände geschleudert. In Pressemitteilungen des Forums wird auch sonst heftig auf Umweltschützer eingedroschen. Kann Beyer da noch Nabu-Mitglied sein?

„Aber natürlich“, sagt der 48-Jährige und zeigt wie zum Beweis auf seine alten Nabu-Visitenkarten, die eingerahmt hinter ihm an der Wand hängen. Einen Widerspruch will er nicht erkennen. Vielleicht fühlt er sich sogar ganz wohl damit, scheinbar unvereinbare Positionen in sich zu vereinen. Beyer – groß, kräftig, mit markanter Brille – arbeitet in zwei kleinen Räumen im Palais am Stadtkanal in Potsdam. Drei der Verbände, die er vertritt, sitzen im gleichen Haus. Auf einem Regal liegen ein paar Trophäen, dazwischen ein Jagdmesser, der Unterkiefer eines Damhirsches, den er, wie er erzählt, in Rumänien vor einer Wolfshöhle gefunden hat. An der Wand gerahmte Zeitungsartikel und eine Collage von seiner Wehrdienstzeit bei den Fallschirmspringern. Jedes Stück eine Erinnerung.

Seine Meinung: nicht immer mehrheitsfähig

Beyer, geboren in Bad Kreuznach (Rheinland-Pfalz), kam Anfang der 90er Jahre zu den Naturschützern. In Eberswalde studierte er Landnutzung und Naturschutz, dann Forstwirtschaft. Einige seiner Kommilitonen arbeiten später in der Forstwirtschaft, andere – wie er – im Naturschutz. Man kann so leicht die Lager wechseln, dass der Begriff Lager gar keinen rechten Sinn ergibt. Am Ende beackern alle irgendwie das gleiche Themenfeld. Als passionierter Jäger hatte er von Anfang an eine Sonderstellung. „Der Nabu wusste schon immer, dass ich gerne meine Meinung sage“, sagt Beyer. Nicht immer ist die mehrheitsfähig. Viele Jahre lang geht das trotzdem gut, für beide Seiten.

Die Zäsur kommt 2009: Beyer zieht für die FDP in den Landtag, wird 2011 sogar Landesvorsitzender und ignoriert auch mal die Grundlinien seiner Partei. „Als Abgeordneter ist man ja nur seinem Gewissen verpflichtet. Das habe ich als sehr befreiend empfunden“, sagt Beyer. Er stimmt mit der rot-roten Regierung, wenn es ihm passt, setzt sich für die Windkraft ein und schießt scharf gegen den Biber, weil der sich seiner Meinung nach zu stark im Land vermehrt. Nachdem die FDP 2014 aus dem Landtag fliegt, kommt für ihn eine Rückkehr in die Blumberger Mühle nicht in Frage, obwohl sie ihm rechtlich zustehen würde. Aber gleich ins andere Lager wechseln?

Fragt man Beyer, der nach wie vor in der FDP ist, wie es dazu kam, spricht er über ein Thema, das die Landnutzer umtreibt wie kein anderes: den Wolf. Seit 2007 vermehren sich die Wölfe auch in Brandenburg. In nur zehn Jahren ist der Bestand auf 22 Rudel angewachsen. Ähnlich wie beim Biber haben die Bauern plötzlich ein Problem am Hals, das sie vorher nicht hatten. Der Biber setzt Felder unter Wasser. Der Wolf reißt Nutztiere.

Beyer zieht für Landnutzer in die Schlacht

Beim Thema Wolf ist Beyer von Anfang an auf Seiten der Landnutzer. „Erst hieß es, der Wolf meidet den Menschen. Dann, er frisst keine Nutztiere, dann, er frisst vielleicht Schafe und Ziegen aber in keinem Fall Rinder oder Pferde. Und das war alles gelogen.“ Die Tierhalter bleiben mit dem Problem allein. Das ist die Linie, die er als Lobbyist der Landnutzer vertreten muss. Man kann ihm aber ruhig glauben, dass er dieses Misstrauen schon früh in Gesprächen mit anderen Jägern, Förstern und Landwirten gehört und aufgenommen hat. Wer nur einmal ein Wolfsplenum besucht hat, die bebenden Stimmen hört, die geschwollenen Adern sieht, der weiß, dass es dieses tiefe Misstrauen tatsächlich gibt.

Jetzt zieht Beyer also für die Landnutzer in die Schlacht, mit Lust am Schlagabtausch und viel Handwerkszeug aus dem Handbuch für Lobbyisten: Die Basis einen und mobilisieren, Kampagnen fahren, Druck erzeugen, ein Thema auch mal emotional zuspitzen. Die Methoden, die er anwendet, sind die gleichen wie früher beim Nabu, sagt er. „Die Umweltverbände machen nichts anderes, als ihre Klientel zu vertreten, die machen ihre gute handwerkliche politische Arbeit.“ Für sich und die Verbände, die er vertritt, soll bitte schön das Gleiche gelten. Dass der Ton oft eher schrill als gemäßigt ist und manches Wort ganz bewusst in die Eskalation führt, bestreitet er nicht. Für Beyer liegt es eher in der Natur der Sache. „Das ist so wie bei Tarifverhandlungen. Auf beiden Seiten gibt es Maximalforderungen, allein schon als Gegengewicht zur anderen Position, und am Ende findet man dann doch irgendwie zusammen.“ Den Vorwurf, die Stimmung bei den Landnutzern überhaupt erst anzuheizen, will er nicht auf sich sitzen lassen: „Im Gegenteil, Sie glauben ja gar nicht, wie emotional die Diskussion über den Wolf wäre, wenn wir das nicht lenken würden.“

Auf ein Bier mit dem Landwirt

Und trotzdem, für Beyers Lobbyarbeit ist der Wolf ein gefundenes Fressen: Die Ziele des Forums lassen sich auf wunderbare Weise mit dem Schutz unschuldiger Lämmer verweben. Wer hätte da kein Verständnis für die Landnutzer? Beim Thema Wolf können die sich sogar noch halbwegs glaubhaft als Außenseiter inszenieren, die sich gegen die Deutungshoheit hochprofessioneller Umweltverbände stemmen. Auf größerer Bühne funktioniert das nicht: Die Landwirtschaft in der EU wird mit Milliarden subventioniert – auch dank einer starken Agrar-Lobby. Die gibt es auch in Brandenburg. Udo Folgart, langjähriger Präsident des Landesbauernverbandes, ist seit 2004 Mitglied der SPD-Fraktion im Landtag.

Beyer will das Forum Natur Brandenburg dauerhaft als Interessenvertretung im Land etablieren. Als überzeugtem Liberalen ist ihm alles Ideologisches eher ein Graus. Ein verbitterter Naturschutzgegner ist er auch nicht. Mit manchem alten Naturschutz-Kollegen trifft er sich bis heute. Nach seiner Lesart hat er ja auch nicht das Lager gewechselt, sondern nur im großen Spektrum der Naturschutzthemen einen anderen Standpunkt eingenommen.

Die Zeichen stehen also gar nicht so schlecht. „Ein guter Naturschützer ist einer, der auch ein Bier mit dem Landwirt trinken kann“, sagt er. Diesen Ratschlag hat er einmal Studenten in Eberswalde mitgegeben. Umgekehrt muss natürlich auch der Bauer bereit sein, mit dem Naturfreund in die Kneipe zu gehen. Auf dem jüngsten Wolfsplenum in Potsdam hat es mit Vertretern der Umweltverbände erste zaghafte Überlegungen gegeben, genau das zu tun.

Von Ralf Stork

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