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Vom Spreepark in den Knast von Lima

Hilft die Bundesregierung? Vom Spreepark in den Knast von Lima

Der Spreepark Plänterwald in Berlin war weg - quasi über Nacht. Dann die Verhaftung in Peru: Drogenschmuggel! Der Sohn der schillernden Schausteller-Dynastie vom Plänterwald, Marcel Witte (35), wurde für den missglückten Drogendeal seines Vaters zu 20 Jahren in Perus Hauptstadt verurteilt. Seine letzte Hoffnung ist nun die Bundesregierung.

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Kulturpark Plänterwald, Aufnahme aus dem Jahr 1991.

Quelle: dpa-Zentralbild

Lima/Berlin. Das Ende kam schnell und unerwartet: Vor zwölf Jahren saß Marcel Witte in einer Hähnchenbraterei in Lima und schaute in etliche Pistolenläufe der Polizei. Das war am 5. November 2003. Anklage: Schmuggel von 167 Kilogramm Kokain. Urteil: 20 Jahre.

Marcel Witte sagt er sei unschuldig

Marcel Witte sagt er sei unschuldig. Er habe den Deal sogar verhindern wollen.

Quelle: dpa

Glaubt man Witte, ist er unschuldig. Angeblich ging die Sache mit den 167 Kilo Kokain im Fahrgeschäft „Fliegender Teppich“ auf das Konto seines Vaters. Doch der hatte einen Herzinfarkt zur rechten Zeit, der eine Behandlung in Deutschland nötig machte.

Er sagt, er wollte den Deal verhindern

Der Drogenschmuggel sollte den Wittes 700 000 Dollar bringen. Geld, das die Familie dringend brauchte. Die Idee eines Freizeitparks in Lima war gescheitert. Man wollte zurück nach Deutschland. Marcel, so sagt er heute, bekam Wind von den Koks-Plänen und wollte den Deal verhindern. Ihm wurde aber zum Verhängnis, dass er Geschäftsführer des Freizeitparks in Lima war, also haftbar für einen Drogenschmuggel in einem seiner Fahrgeschäfte.

Vater Norbert Witte arbeitet in Berlin inzwischen auf dem Bau

Vater Norbert Witte arbeitet in Berlin inzwischen auf dem Bau.

Quelle: dpa

Die Familie Witte ist eine der schillerndsten deutschen Schausteller-Dynastien. Ihre Geschichte wurde in der preisgekrönten Dokumentation „Achterbahn“ verfilmt. Marcels Schicksal verkommt dort fast zur Randnotiz, im Fokus steht sein charismatischer Vater Norbert, der in Berlin lebt und auf dem Bau arbeitet, während Marcel in Lima einsitzt.

Spreepark-Pleite: Plötzlich war er weg

Vater Norbert Witte hatte nach der Wende einen Traum: Er wollte aus dem an der Spree gelegenen Park den attraktivsten Rummelplatz des wiedervereinigten Deutschlands machen. Unter dem Namen „Plänterwald“ war der Park schon zu DDR-Zeiten eine Institution. Doch es gibt Probleme, am Ende steht die Insolvenz. Nach der Spreepark-Pleite zieht es die Wittes 2002 mit einigen Karussells nach Lima. „Spreepark-Witte abgehauen. Uns lässt er nur das rostige Riesenrad“, titeln die Zeitungen. Die Karussells hängen monatelang im Zoll fest, Frau und Töchter kehren bald enttäuscht zurück.

Viele Brandenburger haben damals den Spreepark besucht

Viele Brandenburger haben damals den Spreepark besucht. Doch quasi über Nacht war alles weg. In den vergangenen Jahren lag das Gelände brach.

Quelle: Zentralbild

Der 21 Jahre alte Sohn Marcel managt den Freizeitpark im Stadtteil Los Olivos. Und Vater Norbert ist mal weg, mal betrunken, mal gewalttätig. Und taucht oft mit zwielichtigen Zeitgenossen auf.

Wie geht es Marcel heute? Es dauert etwas, bis in Lima ein Taxifahrer gefunden ist, der zum Gefängnis Sarita Colonia im bitterarmen Vorort Callao fahren will. Einer, der abwinkt, deutet mit dem Finger eine durchgeschnittene Kehle an. Will heißen: zu gefährlich. Im Inneren des Gefängnisses ist keine Polizei mehr, nur ein paar verurteilte Mörder und Drogenhändler, die den Besucher mustern. „Marcelo! Marcelo! Visita.“ Hinten in einem kleinen Hof sitzt er. Er holt zwei weiße Plastikstühle, gleich daneben stemmt ein Häftling auf einer Bank Gewichte. Der Flughafen mit den Maschinen, die Marcel Witte zurück nach Berlin bringen könnten, ist nur fünf Kilometer entfernt. Man kann sie hören.

Kein Kontakt mehr zum Vater

Alle sind sie in dieser Geschichte wie bei einer Achterbahn aus der Kurve geflogen, aber keiner so schlimm wie Marcel. „Der Junge hatte keine Ahnung, das ist allein meine Schuld“, sagte Norbert Witte bereits 2009 bei einem Treffen. Sie haben heute keinen Kontakt mehr. „Ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben“, sagt Marcel .

Der Kulturpark Plänterwald

Der Spreepark Berlin war ein Vergnügungspark im Norden des Plänterwaldes im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick. Er wurde 1969 als Kulturpark Plänterwald eröffnet und war mit jährlich 1,7 Millionen Besuchern der einzige Freizeitpark der DDR.

Nach der Wende wurde der Spreepark ab 1991 zu einem Freizeitpark nach westlichem Vorbild umgestaltet, hatte aber besonders ab 1999 mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen: Die Besucherzahlen brachen auf zuletzt 400 000 jährlich ein.

Seit der Insolvenz der Betreiberfamilie Witte und der Schließung 2002 verwahrlost das Gelände. Es wird rund um die Uhr von einem Sicherheitsdienst bewacht. Viele Gebäude sind einsturzgefährdet. Das Riesenrad lief außer zu einem Probedreh im November 2009 nicht mehr kommerziell.

Zwar bekam der Vater wegen des geplanten Drogenschmuggels auch ein paar Jahre Haft in Deutschland, aber 2008 war er wieder draußen. Klar und strukturiert berichtet Marcel Witte von der Zeit 2002/2003. Irgendwann hat er genug, packt seine Sachen. „Ich komm heim“, sagt er der Mutter. Der Vater bittet ihn zu bleiben. „Das war neu, statt Schlägen sagte er auf einmal, er braucht mich.“ Auf so ein Signal hat Marcel lange gewartet, er bleibt. Doch das Schicksal ist unberechenbar. Der „Fliegende Teppich“ ist immer öfter kaputt und wird ausrangiert. Dann der Herzinfarkt, der Vater habe ihm noch bei der Abreise gesagt: „Je weniger du weißt, desto besser“. Marcel bekommt mit, dass im ausrangierten Karussell Kokain eingeschweißt worden ist. Er will das Kokain rausholen. Kumpels des Vaters hätten ihn daran gehindert.

Das Leben im Lima-Knast

„Ich habe gelernt, mich hier wie ein Fisch im Wasser zu bewegen“, erzählt er über die Zeit im Gefängnis. Schlägereien geht er aus dem Weg. Er bekommt 120 Euro Sozialhilfe von der Botschaft, von Seife und Toilettenpapier angefangen, muss man hier alles selbst kaufen.

„Ich bin sehr stolz auf meinen Sohn, dass er so stark ist“, sagt Mutter Pia Witte, die auch in Berlin lebt. Sie hat den Kontakt zu ihrem Mann längst abgebrochen.

Hilfe von Merkel und Gauck?

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) und mehrere Abgeordnete sind zurzeit in Peru und wollen sich für die Ausreise des Häftlings einsetzen. Marcels größtes Problem ist, dass Deutschland eine Umsetzung des Urteils schon theoretisch nicht anbieten kann, weil eine solche Straftat hierzulande höchstens mit 15 Jahren bestraft wird. Also müsste mit Peru vereinbart werden, welche Strafe Marcel in Deutschland noch zu verbüßen hätte. Vermutlich nur ein paar Monate. Selbst Bundespräsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat Marcels Mutter um Hilfe gebeten. „Frau Merkel antwortet nicht mal“, kritisiert sie. Gauck habe geschrieben, dass er beim Peru-Besuch im März den Fall angesprochen habe.

Das Gefängnis in Lima

Das Gefängnis in Lima. Hier sitzt Marcel Witte ein.

Quelle: dpa

Marcel hat eine peruanische Freundin. Sie ist erst 35 und hat Brustkrebs. „Das kam auch noch dazu.“ Sie haben einen sechsjährigen Sohn. Witte wäre gern mehr für ihn da, als sein Vater es für ihn war. „Aber jetzt habe ich einen Sohn, der auch keinen Vater hat.“

Von Georg Ismar

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