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Brandenburg Von einem Kranich, der nicht ziehen möchte
Brandenburg Von einem Kranich, der nicht ziehen möchte
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06:15 26.03.2018
„Der Jungvogel sieht sich selbst nicht als Kranich“: Experten raten davon ab, Tiere aufzunehmen – doch eine professionelle Obhut kann helfen. Quelle: dpa
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Greiffenberg

Für Charly wird es höchste Zeit. Zu Tausenden kehren seine Artgenossen derzeit aus den Winterquartieren in Spanien und Frankreich nach Brandenburg zurück. Doch im Gegensatz zu ihnen hat der zehn Monate alte Kranich die kalte Jahreszeit in der Uckermark verbracht, im gemütlich-warmen Zuhause von Beate Blahy und Eberhard Henne in der Nähe von Greiffenberg. Inzwischen ist das idyllisch gelegene Gehöft von laut rufenden Kranichen umringt – doch Charly denkt nicht daran, sich ihnen anzuschließen.

„Er fliegt hoch über das Haus, kreist dort. Wenn er aber merkt, dass wir ihm nicht folgen, kommt er schnell zurück“, schildert Henne mit bedauerndem Unterton in der Stimme. Der 74-Jährige ist ehemaliger Umweltminister Brandenburgs, hatte das Amt im Kabinett Stolpe von 1998 bis 1999 inne. Das Auswildern des jungen Kranichs, dessen Aufzucht die beiden Experten im vergangenen Jahr übernahmen, war und ist ihr erklärtes Ziel. Am 10.  Mai war das damals etwa 200 Gramm schwere Kranichküken in ihre Obhut gekommen. Zuvor hatten es Naturschützer an einem Müllplatz in Charlottenhof (Potsdam-Mittelmark) gefunden. Die Suche nach den Elterntieren war damals erfolglos geblieben.

Schreitvogel „Charly“ ist auf Menschen fixiert

Normalerweise umsorgen Altvögel ihre Küken rund um die Uhr, wie Blahy und Henne, beide Mitglieder in der Brandenburger Landesarbeitsgruppe Kranichschutz, erklären. „Charlys untypisches Verhalten zeigt, dass er viel zu früh von seinen Eltern getrennt worden sein muss. Denn die prägen die Jungvögel in den ersten Lebenstagen“, sagt Henne, ein gelernter Tierarzt.

Der inzwischen etwa viereinhalb Kilogramm schwere und mehr als einen Meter große Schreitvogel sei eindeutig auf Menschen fixiert. Er folgt seinen Zieheltern auf Schritt und Tritt. Setzt sich der 74 Jahre alte Hausherr in sein graues Auto und fährt los, fliegt Charly schnurstracks hinterher. Mit einer Flügelspannweite von 2,20 Metern bietet er dabei einen imposanten Anblick. Angst vor Autos kennt er nicht, Radfahrer wirken auf ihn „wie ein Magnet“, beschreibt Henne.

Beate Blahy und Eberhard Henne – Pioniere des Kranichschutzes

„Der Jungvogel sieht sich selbst nicht als Kranich“, vermutet Christiane Schröder, Geschäftsführerin des Brandenburger Naturschutzbundes (NABU). Wildtiere aus der Natur zu entnehmen, um ihr Leben zu retten, sei immer ein Risiko, sagt die Biologin, die eigene Erfahrungen mit Fledermäusen gemacht hat. „Geraten Tiere in die Obhut von Experten, so haben sie aber tatsächlich eine Chance“, sagt Schröder.

Blahy und Henne bezeichnet sie als „Pioniere des Kranichschutzes“ in Brandenburg, die schon häufig bewiesen hätten, dass Aufzucht und Auswilderung gelingen können. „Grundsätzlich aber gilt für jeden noch so tierlieben Laien: Lasst junge Wildtiere in der Natur. In der Regel sind sie nicht verwaist. Wir sehen die Elterntiere nicht, sie aber uns“, appelliert die NABU-Chefin.

Die Zeit, den Jungvogel doch noch auszuwildern, drängt. Denn Charly kommt bereits in den Stimmbruch. Zwar piepst er häufig noch wie ein Küken, doch er probiert sich auch schon an den Rufen, die für Kraniche typisch sind. Auch sein Federkleid verändert sich. Das unscheinbare Jungvogel-Grau weicht allmählich den charakteristischen Schmuckfedern, die am Schwanz bereits zu erkennen sind. Das markante rote Kopfgefieder schimmert auch bereits durch. Mit etwa zwei Jahren sind Kraniche geschlechtsreif. „Und dann werden sie meist aggressiv, verteidigen ihr Revier und greifen auch Menschen an“, beschreibt Biologin Blahy.

Kranich-Brutpaare sind schon zurück in Brandenburg

Mit anderen Kükenaufzuchten oder der Pflege verletzter Kraniche hatten beide mehr Glück. „Die zogen los und wurden glücklich. Wir haben sie beringt und können sie per Fernglas identifizieren, wenn sie wieder in unsere Gegend kommen“, erklärt Henne. Die Kranich-Brutpaare sind seinen Angaben nach schon zurück in Brandenburg, besetzen und verteidigen lautstark ihre Reviere. Bis Ende März folgen auch Einzeltiere und Familien. „Das ist die Zeit, in der die Altvögel ihre Jungtiere aus dem vergangenen Jahr auf eigene Wege schicken. Ihnen könnte sich Charly anschließen“, sagt Blahy.

Hoffnung schöpft die 62-Jährige, weil ihr Zögling nicht länger im Stall, sondern schon häufiger im Freien übernachten möchte. Zudem weiß der junge Kranich inzwischen, dass er sich vor Fuchs und Seeadler in Acht nehmen muss. Und er sucht sich sein Futter nun selbst: Kleine Spinnen und kleine Insekten, aber auch das Weichfutter der Hühner findet er lecker. Mais, den Artgenossen aufgrund seines Energiereichtums schätzen, findet Charly hingegen nach wie vor uninteressant.

Von Jeanette Bederke

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