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Vor 30 Jahren wurde die Todesstrafe Geschichte

Der letzte Schuss Vor 30 Jahren wurde die Todesstrafe Geschichte

Im September 1972 wurde in der Justizvollzugsanstalt Leipzig zum letzten Mal eine zivile Todesstrafe in der DDR vollstreckt. Der 20-jährige Erwin Hagedorn aus Eberswalde wurde hingerichtet. Doch es dauerte noch 15 Jahre bis zur offiziellen Abschaffung der Todesstrafe in der DDR.

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Ein Kreuz hängt im Raum der früheren zentralen Hinrichtungsstätte der DDR in Leipzig, der bis 1981 zur Vollstreckung der Todesurteile genutzt wurde.

Quelle: dpa

Potsdam/Leipzig. Justizvollzugsanstalt Alfred-Kästner-Straße Leipzig: In der Mittagsstunde des 15. September 1972 wird ein junger Mann in einen leeren Raum mit hellgetünchten Wänden geführt. Es ist Erwin Hagedorn aus Eberswalde im heutigen Landkreis Barnim. Der 20-jährige Kochlehrling hat drei Kinder umgebracht. Ihm wird das Todesurteil vorgelesen. Seinen Henker bekommt er nicht zu Gesicht. Der uniformierte Offizier tritt von hinten an den Verurteilten heran und tötet ihn mit einem „unerwarteten Nahschuss in den Hinterkopf“, wie es in der Vollstreckungsordnung hieß.

Hagedorns Hinrichtung gilt als letzte Vollstreckung einer zivilen Todesstrafe in der DDR. Der letzte Mensch in der DDR und überhaupt auf deutschem Boden, an dem ein Todesurteil vollstreckt wurde, war der Stasi-Hauptmann Werner Teske am 26. Juni 1981. Der Geheimdienstler soll seine Flucht in den Westen geplant haben. Er starb wie Hagedorn in der 1960 zur zentralen Hinrichtungsstätte der DDR umgebauten früheren Hausmeisterwohnung der Leipziger Haftanstalt.

Hinrichtungsstätte seit 1960

In der Anfangszeit der DDR waren für die Vollstreckung der Urteile noch die Länder zuständig. Ab 1952 wurden sie zentral am Münchner Platz in Dresden vollzogen. Ab 1960 diente ein streng abgetrennter Bereich der Anstalt in der Leipziger Alfred-Kästner-Straße als zentrale Hinrichtungsstätte. Bis 1968 kam die Guillotine zum Einsatz, danach der Schuss in den Hinterkopf.

Neben dem Henker waren in der Regel der Anstaltsleiter, der zuständige Staatsanwalt, ein Arzt, ein Stasi-Offizier und zwei Gehilfen bei Hinrichtungen dabei. Die Leichen der Getöteten wurden auf den Leipziger Südfriedhof gebracht und verbrannt. Todesort und -ursache auf dem Totenschein wurden gefälscht.

Heute steht das Gebäude in Leipzig unter Denkmalschutz, zweimal im Jahr finden Führungen statt. Es soll zur dauerhaften Gedenkstätte werden.

Seit Teske wurde die Todesstrafe in der DDR nicht mehr vollstreckt. Heute vor 30 Jahren, am 17. Juli 1987, wurde sie schließlich aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Und das in großer Hast, bereitete doch Staats- und Parteichef Erich Honecker seinen Besuch Anfang September in der Bundesrepublik vor. Da passte der Mordparagraf nicht ins Bild vom humanen Staat. So entschied der Staatsrat auf Empfehlung des SED-Politbüros allein, die Volkskammer durfte erst ein halbes Jahr später darüber abstimmen.

Nach Recherchen des Historikers Falco Werkentin wurden seit Gründung der DDR 1949 mindestens 164 Personen zum Tode verurteilt. Während die Bundesrepublik die Todesstrafe mit Inkrafttreten des Grundgesetzes 1949 abgeschafft hatte, galt in der DDR zunächst der Mordparagraf aus dem Kaiserreich von 1871 fort. Auf dessen Grundlage richtete die DDR laut Werkentin rund 50 Mörder hin. Hinzu kamen 65 Verbrecher aus der NS-Zeit, die meist nach aufwendigen Schauprozessen exekutiert wurden.

50 Menschen wegen „politischer Delikte“ hingerichtet

Darüber hinaus wurden etwa 50 Menschen wegen „politischer Delikte“ wie Spionage oder Sabotage hingerichtet. Grundlage bildete Artikel 6 der DDR-Verfassung, der „Boykotthetze“ verbot. Werkentin hält den Artikel für ein „reines Propagandagebilde“. Gerade die späten Urteile wie das gegen Teske waren häufig politisch motiviert und wurden deshalb streng geheim gehalten. Die Fälle liefen stets über den Schreibtisch von Politbüro-Mitgliedern.

Aber auf Gnade hoffte auch Erwin Hagedorn vergeblich. Ein entsprechendes Gesuch seiner Eltern lehnte der damalige Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht ab. Das bis dahin in der DDR beispiellose Verbrechen hatte die Einwohner von Eberswalde in Angst und Schrecken versetzt.

Hagedorns Verbrechen wurden in einem Lehrfilm nachgestellt

Der damals 16-jährige Hagedorn hatte am 31. Mai 1969 zwei neunjährige Jungen im Wald missbraucht und ihnen die Kehle durchgeschnitten. Erstmals in der deutschen Kriminalgeschichte ließ die Polizei durch den Berliner Gerichtspsychiater Hans Szewczyk ein Täterprofil erstellen. Szewczyk hielt den Täter für einen pädophilen Sadisten, der geschickt mit Messern umgehen kann. Als die Ermittlungen von Kripo und Stasi, die in der Öffentlichkeit weitgehend geheim gehalten worden waren, nicht zum Ziel führten, wurde der Fall eingestellt.

Hagedorn war das letzte zivile Opfer der Todesstrafe

Hagedorn war das letzte zivile Opfer der Todesstrafe.

Quelle: Archiv

Erst als Hagedorn zwei Jahre später einen 12-jährigen Schüler auf dieselbe Weise tötete und die Polizei Kinder befragte, zog sich die Schlinge um ihn zu. Am 12. November 1971 wurde der Lehrling aus der Küche der Bahnhofs-Mitropa verhaftet. Er gestand die Morde sofort. Hagedorns Verbrechen wurden an Originalschauplätzen in Form eines Lehrfilms nachgestellt, in dem Hagedorn selbst mitspielte.

Noch einmal kehrte der spektakulärste Fall der DDR-Kriminalgeschichte auf die Leinwand zurück – als TV-Thriller „Der Fall Hagedorn“, den die ARD 2013 ausstrahlte. Gedreht wurde in Bautzen, Zittau und Dresden. Den Stoff in Eberswalde zu verfilmen, sollte den Einwohnern auch 40 Jahre nach den Kindermorden nicht zugemutet werden.

Von Volkmar Krause und Johannes Süßmann

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