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Vor 40 Jahren: DDR-Pfarrer verbrennt sich selbst

Oskar Brüsewitz Vor 40 Jahren: DDR-Pfarrer verbrennt sich selbst

An einem Sommermorgen in der Innenstadt von Zeitz (Sachsen-Anhalt) übergießt sich Pfarrer Oskar Brüsewitz im Talar mit Benzin. Dann zündet er sich an. Die Flammen sind meterhoch, Menschen panisch. Seine öffentliche Selbstverbrennung wird in der DDR zunächst verheimlicht. Nun jährt sie sich zum 40. Mal. Brüsewitz’ Tochter Esther sagt heute: „Er hat innerlich gebrannt“.

Rippicha .  Esther Fröbel lächelt, wenn sie von ihrem Vater erzählt. Er habe immer versucht, Christ zu sein und durchzuhalten. Das habe sie stets bejaht, sagt die heute 58-Jährige. Sie erinnert sich lebhaft an ihre Kindheit, an die Schwierigkeiten, ihren Glauben in der DDR zu leben - und an das Ereignis, das nicht nur ihr Leben prägte und veränderte.

Sie war 18 Jahre alt, als ihr Vater, der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz, aus Protest gegen die DDR-Bildungspolitik öffentlich Suizid beging: Vor 40 Jahren, am 18. August 1976, fuhr Brüsewitz mit seinem Wagen aus Rippicha nach Zeitz im heutigen Sachsen-Anhalt. Vor der Michaeliskirche übergoss sich der Mann im Talar mit Benzin und zündete sich an.

Seine letzte Kritik an dem Staat, in dem er lebte und in dem er offenbar immer verzweifelter gegen die atheistische Erziehung der Kinder kämpfte, hatte er auf dem Autodach befestigt. Darauf stand zu lesen: „Funkspruch an alle! Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.“ Wenige Tage später, am 22. August 1976, erlag der 47-jährige Familienvater in einem Krankenhaus in Halle seinen schweren Verletzungen. Seine Familie durfte in der Klinik nicht mehr zu ihm.

Erst verschwieg die DDR-Presse die öffentliche Selbstverbrennung, dann stellte sie sie als Tat eines Psychopathen hin. Von „abnormen und krankhaften Verhaltensweisen“ war die Rede. Die Kirchenleitung sah ihre Politik der Verständigung mit der SED in Gefahr und agierte nicht eindeutig. In einem „Wort an die Gemeinden“ rief sie jedoch zur Fürbitte auf. Von der Tat distanzierte man sich, von dem Menschen Oskar Brüsewitz aber ausdrücklich nicht.

Plakat-Protest: „25 Jahre DDR“ vs. „2000 Jahre Kirche Jesu Christi“

40 Jahre nach der Selbstverbrennung will die evangelische Kirche die Erinnerung an Brüsewitz als mutigen und unkonventionellen Pfarrer in der DDR hochhalten und an die Ereignisse von damals erinnern. In der kleinen Kirche in Rippicha wird am 21. August in einem Gedenkgottesdienst an ihn erinnert. Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Ilse Junkermann hält die Predigt. In Zeitz ist für den 18. August eine musikalische Andacht mit Kranzniederlegung geplant.

Brüsewitz war ein Pfarrer, der immer wieder provozierte. Hubertus Knabe, Direktor der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, sagt, Brüsewitz sei „mit fast partisanenhaften Methoden gegen die DDR-Diktatur aufgetreten“. Immer wieder fiel Brüsewitz mit Plakataktionen auf. So stellte er gegen das Plakat „25 Jahre DDR“ an seinem Pfarrhaus ein Plakat „2.000 Jahre Kirche Jesu Christi“ auf.

Weithin sichtbar hatte der Pfarrer außerdem an seiner Kirche in Rippicha ein leuchtendes, meterhohes Kreuz aus Neonröhren installiert, und sich dagegen gewehrt, es zu entfernen. Es soll selbst für die Autofahrer auf der zwei Kilometer entfernten, damaligen Fernverkehrsstraße sichtbar gewesen sein. Mit einer ähnlichen Installation an der Berliner Zionskirche gedenkt dieser Tage auch die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) des Pfarrers.

Anfangs konnte Brüsewitz das Gemeindeleben in Droßdorf-Rippicha, wo er die lange vakante Pfarrstelle angenommen hatte, wieder beleben. Er engagierte sich besonders für die Kinder und Jugendlichen. Durch seine Aktionen und sein Auftreten geriet er jedoch auch zunehmend mit den staatlichen Stellen in Konflikt.

Irgendwann wurden auch die Gottesdienste wieder leerer, immer weniger Kinder gingen zum Pfarrer Brüsewitz. Seine älteste Tochter Esther durfte trotz sehr gutem Zeugnis nicht auf die Erweiterte Oberschule gehen. Sie hat es so hingenommen und zunächst den Beruf der Schäferin gelernt. Ihre Schwester habe dies belastender empfunden, sagt sie rückblickend.

Esther Fröbel ist heute selbst Pfarrerin in Thüringen. Sie glaubt, dass es das „tiefste Anliegen“ ihres Vaters gewesen sei, dass Menschen ihren Glauben leben und ermutigt werden, sich dazu zu bekennen: „Er hat innerlich dafür gebrannt, das Evangelium weiterzugeben.“

Von Romy Richter

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