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Brandenburg Wackerbarth porträtiert Potsdamer Wissenschaftler
Brandenburg Wackerbarth porträtiert Potsdamer Wissenschaftler
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00:21 08.02.2018
Die Rote Couch auf dem Telegrafenberg: Der Fotokünstler Horst Wackerbarth hat die Nachwuchswissenschaftlerin Fadwa Alshawaf und den Geodäsie-Professor Harald Schuh, beides Mitarbeiter des Potsdamer Geoforschungszentrums (GFZ), auf dem Telegrafenberg porträtiert. Quelle: Horst Wackerbarth
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Potsdam

Harald Schuh, der Leiter der Abteilung „Geodäsie und Fernerkundung“ am Geoforschungszentrum (GFZ) Potsdam, sitzt lässig auf der roten Couch. Etwas abgerückt hat sich GFZ-Mitarbeiterin Fadwa Alshawaf auf die Lehne gesetzt. Alshawaf trägt ein Kopftuch, doch ihr selbstbewusster Ausdruck lässt keinen Zweifel daran, dass sie die Bedeckung nicht als Zeichen von Unterwerfung ansieht. Die gläubige Muslimin aus Palästina ist promovierte Ingenieurin. Am GFZ befasst sie sich unter anderem mit globalen Navigationssatelliten und optischen Sensoren. Die rote Couch, auf dem die Wissenschaftler fotografiert wurden, steht auf dem Dach des Geodätischen Instituts auf dem Telegrafenberg. Die Porträtierten scheinen nur darauf zu warten, dass ihnen jemand eine Frage stellt.

Das System Erde

Das Deutsche Geoforschungszentrum (GFZ) auf dem Potsdamer Telegrafenberg gehört zur Wissenschaftsgemeinschaft der Helmholtz-Zentren. Es ist eines der renommiertesten nationalen Forschungszentren für Geowissenschaften in Deutschland. Die rund 1200 Mitarbeiter betrachten die Erde als dynamischen Systemzusammenhang. Daraus entstehen auch praktische Anwendungen wie das Tsunami-Frühwarnsystem im Indischen Ozean.

Horst Wackerbarth wurde 1950 geboren und ist in Nordhessen aufgewachsen. Er studierte an der Kunsthochschule in Kassel. Die „Rote Couch“ startete ihre Karriere 1979, als Wackerbarth gemeinsam mit dem US-Kollegen Kevin Clarke die Arbeit an einem subjektiven Porträt der Vereinigten Staaten von Amerika startete und alle möglichen US-Bürger auf der Couch porträtierte. Der Künstler hatte Ausstellungen weltweit und produzierte auch Rote-Couch-Geschichten fürs Fernsehen. bra

Die Aufnahme ist typisch für den hessischen Fotokünstler Horst Wackerbarth. Die „Rote Couch“ ist sein Markenzeichen. Seit den Achtzigern fotografiert Wackerbarth Menschen aus aller Welt auf dem auffälligen Möbelstück. Durch 54 Länder ist Wackerbarth mit der Couch gereist. Kinder und Alte, Prominente und Unbekannte, Nobelpreisträger und Analphabeten hat er mit größter Auflösung abgelichtet. Es kamen rund 1000 Porträtierte zusammen, sagt Wackerbarth. Die Couch selbst platziert er in der freien Natur. Das erzeugt seltsame Effekte.

Menschliche Schicksale auf der Roten Couch

Viel drängender als bei einem konventionellen Porträt stellt sich dem Betrachter die Frage, wer denn diese Leute wohl sind, die sich so abbilden lassen. Warum erscheinen sie ausgerechnet in diesem merkwürdigen Zusammenhang? Unweigerlich beginnt man über sie nachzudenken. Und hat damit hat der Künstler sein Ziel erreicht: Menschliche Schicksale auf der „Roten Couch“ lebendig werden zu lassen.

Im vergangenen Sommer hat Wackerbarth sein Hauptrequisit auf den Potsdamer Telegrafenberg gebracht. „Mensch, Erde“ heißt seine neue Fotoreihe. 118 Bilder mit Wissenschaftlern entstanden, dazu 132 Videointerviews mit Porträtierten. Für einen Mann, der mit seiner Couch schon die halbe Welt bereist hat und auf ihr schon Steve Jobs oder Jimmy Carter sitzen hatte, scheint der Telegrafenberg fast eine Nummer zu klein. Und trotzdem nennt Wackerbarth den Potsdamer Aufenthalt ein „Abenteuer“. Es sei nicht nur seine erste Arbeit mit einer wissenschaftlichen Einrichtung gewesen. „Ich hatte auf diesem Berg die ganze Welt vor meiner Linse“, beschreibt er der MAZ die Internationalität des Wissenschaftsparks. Gerade als Weltreisender fand es spannend, von den Geoforschern die Erde erstmals als System erklärt zu bekommen.

Klimawandel, Naturgefahren und moderne Technologie

Seit dem ersten Juni 2017 erfuhr Wackerbarth zum Beispiel vieles über den Klimawandel, Naturgefahren, moderne Technologien. Themen, die Wackerbarths Meinung nach alle etwas angehen. „Das alles von den einzelnen Menschen vermittelt zu bekommen, war absolut einzigartig“, sagt er. In den Videointerviews habe er einige Fragen gestellt, die eigens auf die GFZ-Wissenschaftler zugeschnitten waren, zum Beispiel, ob sie daran glaubten, dass es auch in 500 Jahren noch Menschen gebe oder was sie motiviere, am GFZ zu arbeiten. Hier überraschte ihn der Enthusiasmus mancher Forscher. Einige verließen eine hoch dotierte Harvard-Stelle, nur weil sie in Potsdam die Erde als System erforschen konnten. Das sei schon etwas Besonderes.

Wackerbarth Faszination spiegelt sich in den Fotos. Wie zufällig stehen Antennen im Bild. Zugleich ragt die waldige Umgebung in die Szene. Auf einem Foto gibt der Geomorphologe Niels Hovius indirekt einen ironischen Kommentar seiner Tätigkeit. Auf der Lehne des Sofas stehend blickt er durch ein Fernglas. Im Bild ist er genau zwischen den geöffneten Flügeln eines schmiedeeisernen Tores mit dem Aufdruck „Observatorium“ platziert. Wie seine GFZ-Kollegen erscheint Hovius auf der Fotografie einerseits als Forscher und doch zugleich als Mensch mit einer eigenen Geschichte. „Ich wollte Wissenschaft vermitteln über die Menschen, die sie machen“, sagt der Fotograf.

Ein neuer Fotoband im Herbst

Kunstfreunde werden die Fotos zuerst auf der Webseite des Geoforschungszentrums zu sehen bekommen. Dazu gibt es die Video- Interviews mit den Porträtierten. GFZ-Sprecher Josef Zens rechnet aber auch fest damit, dass schon bis Herbst ein eigener Fotoband mit den Aufnahmen vom Telegrafenberg erscheinen wird. „Derzeit sammeln wir noch Geld“, sagt er. Angesprochen würden Firmen der Region sowie die Freunde und Förderer des GFZ. Horst Wackerbarth selbst hofft, dass aus den Bildern und Videos auch eine Wanderausstellung werden könnte. Pläne gibt es bisher aber nicht.

GFZ-Sprecher Zens denkt noch an eine andere Möglichkeit. Ende des Jahres wird auf dem Telegrafenberg mit dem Bau eines neuen Gebäudes, dem sogenannten Geobiolab des GFZ begonnen. Der kubusförmige Bau würde durchaus etwas Kunst vertragen, findet Zens. Vielleicht könnten mit Kunst-am-Bau-Mitteln auch großformatige Versionen der Porträtaufnahmen finanziert und auf dem Gebäude platziert werden. Möglich, dass Harald Schuh und Fadwa Alshawaf bald geheimnisvoll von einer Wand des neuen Hauses in die Landschaft des Telegrafenberg blicken, mit neuen geheimnisvollen Effekten für den Betrachter. Bis es überhaupt so weit kommen kann, wird allerdings noch einige Zeit vergehen. Der Einzug in das neue Geobiolab ist erst für das Jahr 2020 vorgesehen.

Von Rüdiger Braun

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