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Warum Windkraft gut ist für die Natur

Erneuerbare Energien in Brandenburg Warum Windkraft gut ist für die Natur

Windräder machen krank, töten Tiere, zerstören Wälder, verschandeln die Landschaft und treiben die Strompreise in die Höhe, argumentieren Windkraft-Gegner. Windenergie-Betreiber Jan Teut (56) aus Lindow hat naturgemäß eine andere Sicht auf die Dinge. Sachlich erklärt er unter anderem, warum Windräder ökologisch sogar wertvoll sind.

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Jan Teut in einer Windkraftanlage bei Lindenberg.

Quelle: Julian Stähle

Lindow. Windräder sorgen im Land Brandenburg immer wieder für Streit. Jan Teut (56) ist einer, der sie baut. Im Interview erklärt er, warum Windräder im Wald die Natur aufwerten sollen und was mit alten Anlagen geschieht.

Windräder machen krank, töten Tiere, zerstören Wälder, verschandeln die Landschaft und treiben die Strompreise in die Höhe. Das sind häufige Argumente von Windkraftgegnern. Ihnen muss als Projektbetreiber viel Feindseligkeit entgegenschlagen.

Ach, im direkten Gespräch wird man gar nicht so angegangen. Es gibt natürlich viele Bürgerinitiativen, die sehr laut und gut vernetzt sind. Sie nehmen für sich in Anspruch: Wir sind das Volk. Aber Windkraftgegner sind nicht das Volk. Das Volksbegehren gegen Windräder im Wald ist im vergangenen Jahr deutlich gescheitert.

45 000 statt 80 000 Unterschriften kamen da zusammen. Aber greifen wir einige Fragen auf: Warum holzt man Bäume ab, um Windräder im Wald zu errichten – ist das nicht ökologisch paradox?

Hier wird kein hochwertiger Wald oder gar ein Urwald wie der Grumsiner Forst abgeholzt. Es sind Monokulturen, typisch brandenburgische Kiefernwälder. Diese Wälder werden im Übrigen immer gepflanzt, um abgeholzt und verkauft zu werden. Das ist Wirtschaftswald. Dieser Wald ist, was die biologische Vielfalt angeht, ein ziemlich toter Wald. Für jeden Baum, den wir im Rahmen von Windenergieprojekten fällen, müssen wir an anderer Stelle praktisch zwei neue Bäume pflanzen, ein Teil davon auch als ökologisch hochwertigere Laubbäume. Dadurch entstehen neue Strukturen und weitaus bessere Bedingungen für die biologische Vielfalt. Ich verstehe ja, dass manche Menschen beim Thema Wald emotional werden, aber tatsächlich wertet Windkraft die Natur ökologisch auf.

Aber ein erwachsener Baum kann mehr CO2 filtern als zwei junge. Wo ist da der ökologische Mehrwert?

Kurzzeitig gibt es eine CO2-Verlustbilanz. Aber sehr begrenzt. Der nachgepflanzte, ökologisch hochwertigere Wald hat insgesamt eine ungleich positivere Bilanz. Aber es geht mir noch um etwas anderes: Es geht um die grundsätzliche Frage, warum wir diese ganze Energiewende überhaupt machen. Doch nicht aus Jux. Der Energiebedarf steigt, gleichzeitig nehmen die vorhandenen Energieressourcen ab. Wir müssen weg von der Abhängigkeit von Öl und Kohle. Wenn jemand zu mir sagt: Windkraft, nein danke, dann doch lieber Atomstrom, dann teile ich diese Meinung zwar nicht, aber ich kann sie respektieren. Wenn jemand nur gegen Windräder in seiner Nachbarschaft ist, und keine Alternative für die Energieversorgung der Zukunft hat, dann überzeugt mich das nicht und ist mir zu wenig. Wir alle sind Energieverbraucher.

Aber da kommen selbst Umweltverbände in eine Zwickmühle. Einerseits wollen sie Erneuerbare, andererseits sind Gefahren für Vögel nicht von der Hand zu weisen. Lässt Sie das kalt?

Mir tut es um jeden toten Vogel leid. Ich verstehe aber nicht, warum in Brandenburg mehr Vögel durch Windräder getötet werden sollen als etwa in Niedersachsen, wo deutlich mehr Anlagen stehen. Außerdem steigt die Zahl der Seeadler in Brandenburg seit geraumer Zeit wieder – trotz Windkraft. Natur ist anpassungsfähig, dynamisch und nicht statisch. Mit Naturschutz lässt sich eben prima Politik machen...

Sie meinen, das Tierschutzargument wird instrumentalisiert?

Das wird jetzt manche pikieren, aber ich denke, das ist so. Es gibt ganz strenge, tierökologische Kriterien und Auflagen, an die man sich halten muss, wenn man eine Anlage bauen will. Und in Landschaftsschutzgebieten oder Biosphärenreservaten ist es völlig unmöglich. Aber ja, es passiert auch, dass ein Vogel zu Schaden kommt.

Die Rotoren verursachen Infraschall, der für Menschen nicht hörbar ist. Können Sie ausschließen, dass er gefährlich ist?

Soweit ich weiß, gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass Infraschall gefährlich ist. Ich will aber gar nicht in Abrede stellen, dass manche darauf sensibel reagieren. Dazu finden auch Untersuchungen statt. Wenn die Politik aufgrund gesundheitlicher Bedenken neue Richtlinien für den Anlagenbetrieb auflegt, dann müssen wir uns daran halten.

Ein großes Ärgernis sind die hohen Strompreise. Warum haben die Brandenburger, die so vorbildlich in Sachen erneuerbarer Energie sind, nichts von der angeblich kostenlosen Wind- und Sonnenenergie?

Die hohen Durchleitungsgebühren für den Strom, der in den Süden geht, müsste auf alle Länder umgelegt werden. Aber da konnten sich die ostdeutschen Regierungschefs offenbar nicht gegen ihre westdeutschen Kollegen durchsetzen. Das ist ungerecht, nicht in Ordnung, denn dort, wo der Windstrom produziert wird, gibt es wenig Industrie. Die Verbraucher, die profitieren, sitzen im Süden.

An der Leipziger Strombörse sinken die Preise teils ins Negative. Trotzdem steigen die Verbraucherpreise, wegen der EEG-Umlage. Das ist doch widersinnig...

Das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt, kann ich gut nachvollziehen. Es gibt ja auch fragwürdige Befreiungen von der EEG-Umlage, wenn sich etwa ein Golfplatzbetreiber als energieintensives Unternehmen ausgeben kann. Letztlich wird alles auf die Verbraucher umgelegt. Denken Sie an den Rückbau der Atomkraftwerke: Die 23 Milliarden Euro, die die Betreiber dafür zurücklegen, reichen niemals aus. Den Rest, auch die Endlagerung, zahlen die Steuerzahler.

Was geschieht mit Windrädern, wenn sie nach 20 Jahren abgerissen werden? So leicht sind die auch nicht zu recyceln. Brauchen wir demnächst ein Windradendlager?

Eines vorweg: Wenn wir ein Windrad errichten, müssen wir vor dem ersten Spatenstich eine Bürgschaft für den Rückbau hinterlegen – im sechsstelligen Bereich. Windräder bestehen hauptsächlich aus Beton im Fundament und weiter aus Stahl und Edelmetallen, das kann man alles wiederverwerten. Problematisch sind die Verkleidungen der Gondeln und die Rotorblätter. Sie bestehen aus Glasfaserkunststoff. Den kann man nicht so einfach auftrennen. Was man tun kann: Schreddern, und aus den Teilen etwas Neues herstellen, sogenanntes down-recycling. Aber hier besteht noch weiterer Forschungsbedarf.

Bürgerbeteiligung gilt oft als Zauberwort zur Akzeptanzsteigerung. Warum passiert hier so wenig in Brandenburg?

Die Landesregierung hat den Ausbau der Windenergie gewollt, die Verantwortung aber auf die Regionen abgeschoben. Das Thema Akzeptanz der Erneuerbaren Energien muss Teil der Energiestrategie des Landes sein und bleiben, um verschiedene, innovative Beteiligungsmodelle zu finden. Auch wir Planer haben viel versäumt. Manche haben gedacht: Wir zahlen Gewerbesteuer, das reicht doch. Man kann aber viel mehr tun. Die Bürger bei den Stromkosten entlasten, Vereine unterstützen, Sponsoring betreiben. Wir haben zum Beispiel in der Uckermark einen alten Dorfkonsum wiederbelebt. Da braucht man auch etwas Fingerspitzengefühl.

Von Torsten Gellner (Interview)

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