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Brandenburg Warum die Rettungswagen überlastet sind
Brandenburg Warum die Rettungswagen überlastet sind
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19:32 13.09.2018
Rettungswagen werden in Brandenburg immer häufiger gerufen. Nicht immer ist das unbedingt notwendig. Quelle: Julian Stähle
Potsdam

 Der Junge auf seinem Arm will gar nicht mehr aufhören zu erzählen. Als Notfallsanitäter Johann Du Chesne seinen kleinen Patienten auf der Kinderstation des Krankenhauses in Ludwigsfelde (Teltow-Fläming) absetzt, beschreibt der längst gestenreich das letzte Basketballspiel auf dem Schulhof. Seine Lungenentzündung, die die Kinderärztin dazu veranlasste den Rettungswagen zu rufen, hat der Achtjährige in diesem Augenblick für einen kurzen Moment vergessen.

Du Chesne übergibt den Jungen der Stationsärztin, erklärt zusammen mit seinem Kollegen Ingo Sommer der Mutter die letzten Details für den weiteren Ablauf und wäscht sich mit beißend riechendem Desinfektionsmittel die Hände. Dann war’s das für diesen Einsatz, der eigentlich nicht hätte sein müssen. „Das ist einer dieser Fälle, in dem wir eigentlich nicht unbedingt nötig waren“, sagt Du Chesne vor dem Krankenhaus. Der Junge bekam schlecht Luft, doch für die erste Behandlung hatte längst die Kinderärztin in ihrer Praxis gesorgt. Du Chesne und Sommer waren nur noch für die Fahrt ins Krankenhaus zuständig.

In der Anhörung vor dem Innenausschuss im Landtag zum neuen Rettungsdienstgesetz gab es gestern von Expertenseite Kritik an der Neuregelung der sogenannten Hilfsfrist. Thomas Golinowski vom Städte- und Gemeindebund sagte, mit der Neureglung sei Brandenburg Schlusslicht in Deutschland. „Wir sollten uns dort nicht hinten anstellen“.

Im Gesetzesentwurf ist die Definition des Beginns der Hilfsfrist gestrichen. Damit gilt eine Verordnung, die die Zeit der Verarbeitung des Notrufes in der Leitstelle nicht mit einberechnet. Auch das Deutsche Rote Kreuz, die Johanniter sowie ärztliche Leiter von Rettungsdiensten sprachen sich gegen diese Regelung aus.

Jutta Schlüter vom Landkreistag vertrat die Auffassung, dass sich mit der neuen Regelung an der bislang gängigen Praxis der Landkreise nichts ändere. „Dazwischen besteht kein Unterschied. Alles andere ist Wortklauberei.“ Auch die Hilfsfrist in Häppchen aufzuteilen, könne sie sich nicht vorstellen. Das sei nicht zielführend.

Einsatzzahlen für Rettungswagen steigen rapide

Ihr Rettungswagen war in dieser Zeit blockiert. Und das passiert häufig. Die Einsatzzahlen für Rettungswagen steigen in ganz Brandenburg rapide an. Im Landkreis Teltow-Fläming waren es alleine sechs Prozent in den Jahren 2015 bis 2017. In der Rettungswache Ludwigsfelde, die Du Chesne leitet, mussten er und seine Kollegen in der gleichen Zeit sogar zu fast zehn Prozent mehr Fahrten ausrücken. Auch am Ende dieses Jahres wird die Zahl noch einmal gestiegen sein. Das ist schon jetzt abzusehen.

Dabei sind die Menschen nicht häufiger schwer verletzt als früher. Doch der Rettungsdienst muss immer mehr Fälle alleine schultern, fährt längst nicht nur zu den absoluten Notfällen. Dazu kommt eine alternde Bevölkerung, die häufiger ärztliche Hilfe braucht. So wird im Zweifel immer die 112 gewählt – und Du Chesne und seine Kollegen rücken aus.

Anspruchsdenken habe sich verändert

Dazu sei aber auch das Anspruchsdenken der Menschen ein anderes, sagt Du Chesne: „Wir fahren sehr viele Einsätze, in denen Menschen mit geringem medizinischen Wissen keinen Rettungswagen hätten rufen müssen“. Immer wieder erzählen Kollegen von Einsätzen, in denen sie mehr als Taxi denn als medizinische Notfalleinheit gerufen werden. Dabei betonen Du Chesne und seine Kollegen immer wieder, niemanden davon abhalten zu wollen, im Zweifel den Rettungswagen zu rufen. Doch wenn eine Frau am vermeintlichen Notfallort über niedriges Fieber klagt oder ein Mann wegen einer minimalen Schnittverletzung einen Rettungswagen anfordert, wundern sie sich.

Wie stark die Rettungsdienste mittlerweile überlastet sind, zeigt auch die immer wieder gerissene Hilfsfrist. Kein Landkreis neben den kreisfreien Städten schafft es, wie vorgeschrieben, in 95 Prozent der Einsätze innerhalb von 15 Minuten am Einsatzort zu sein. In Teltow-Fläming liegt man mit 93 Prozent dabei sogar noch im oberen Drittel – weil der Landkreis in den vergangenen Jahren massiv in neue Wachen und zusätzliche Fahrzeuge investierte. Und weil er wie viele andere Landkreise sich an einer Verordnung orientiert – und so eigentlich mit einer 17-Minuten-Frist rechnet.

Häufig menschliche Gründe ausschlaggebend

Johann Du Chesne weiß davon nichts. An seine Wache zurückgemeldet werden nur die Einsätze, in denen eines der Teams bei einem Einsatz über der Frist lag. Dann müssen er oder seine Kollegen sich schriftlich erklären, wie es zu der Verspätung gekommen ist. Manchmal sind es menschliche Gründe, die ausschlaggebend waren: Ein Kollege war beim Eingang des Notrufes gerade auf der Toilette oder der Ort des Notfalls war schwierig zu finden.

Manchmal aber werden sie auch in Gebiete gerufen, die nicht im direkten Umkreis liegen. Dann müssen sie nach Dahme-Spreewald oder Potsdam-Mittelmark. Müssen dort helfen, wo woanders Fahrzeuge blockiert sind – und haben dann keine Chance ihre Frist einzuhalten.

Von Ansgar Nehls

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