Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 12 ° stark bewölkt

Navigation:
Warum schlug Imbiss-Chef den Koch fast tot?

Prozess gegen Betreiber von Mahlower Chinalokal Warum schlug Imbiss-Chef den Koch fast tot?

Es geht um Geld, Rezepte, Stolz und Respekt: Warum ein Mahlower China-Restaurant-Betreiber im September 2016 seinen Koch fast mit der Axt erschlug, versucht seit Dienstag das Landgericht Potsdam herauszufinden. Das Opfer liegt bis heute halbseitig gelähmt im Krankenhaus.

Voriger Artikel
Mehr Geld für Mitarbeiter von Zoo und Tierpark
Nächster Artikel
Studie: Kohle-Aus ohne Massenarbeitslosigkeit

Tatort: Das „China Haus“ in Mahlow

Quelle: Christian Zielke

Potsdam. Wegen versuchten Mordes an seinem Koch muss sich seit Mittwoch der 53 Jahre alte Inhaber eines Mahlower (Teltow-Fläming) China-Restaurants vor dem Potsdamer Landgericht verantworten. Laut Anklage hat der aus China stammende Haicheng L. am 3. September 2016 seinen Landsmann und Angestellten W. mit einer 600 Gramm schweren Axt dreimal auf den Kopf geschlagen und lebensgefährlich verletzt. Das Opfer ist laut Staatsanwalt Peter Petersen „völlig überrascht worden“, da er gerade auf einem Hocker in der Küche des „China-Haus“ saß und mit dem Mobiltelefon spielte. Weil die Staatsanwaltschaft Heimtücke und Tötungsabsicht unterstellt, droht dem Angeklagten lebenslange Haft.

Haicheng L

Haicheng L. am Dienstag vor Gericht, er verbirgt sein Gesicht.

Quelle: Ulrich Wangemann

Opferanwalt fordert sechsstellige Summe Schmerzensgeld

Die Attacke führte zu Knochenbrüchen am Schädel, Gehirnblutungen und Austritt von Hirnwasser mit der Folge, dass der Koch seit der Tat im Krankenhaus liegt, künstlich ernährt wird, einseitig gelähmt ist und nicht sprechen kann. Die Nebenklage – also der Rechtsvertreter des Opfers – will auf zivilrechtlichem Wege Schmerzensgeld in sechsstelliger Höhe erstreiten.

Der erste Prozesstag offenbarte, wie spannungsreich die Beziehung zwischen dem Patron und seinem Angestellten schon Monate vor der Tat war. So gab nach Angaben des Angeklagten mehrfach Streit, weil der Koch Speisen abänderte oder eigenmächtig die Portionsgrößen änderte. Beispielsweise erhöhte der Küchenchef den Chinakohl-Anteil in einem Gericht von 40 auf 80 Prozent. Um seine Stammgäste habe er gefürchtet, sagte der Inhaber , der das beliebte Restaurant (ehemals Lindengarten) am Bahnhof erst Anfang 2016 übernommen hatte. Insbesondere die Klientel eines nahen Seniorenheims sei irritiert gewesen, habe Speisen zurückgehen lassen. „Es gibt dort viele Omas und Opas (...), die seit fünf Jahren das gleiche Gericht nehmen“, sagte der Angeklagte. Existenzängste habe er gehabt, Schlaflosigkeit und Magenproblemen hätten ihn geplagt, sagte der Restaurantbetreiber, der im blauen Sweatshirt, kurzen grauen Haaren und in Begleitung einer Dolmetscherin im Gerichtssaal erschien – Haicheng L. sitzt derzeit in Untersuchungshaft.

Prekäre Verhältnisse in der Gastro-Szene

Schlafmittel nahm der Restaurant-Manager nach eigenen Worten, außerdem habe er Depressionen gehabt. Die Staatsanwaltschaft geht wohl deshalb von „verminderter Schuldfähigkeit“ aus, was das Strafmaß senken könnte. Alkohol oder Drogen hatte der Lokalbetreiber nicht genommen.

Seine Aussagen werfen ein Licht auf die prekären Arbeitsverhältnisse chinesischer Einwanderer jenseits der Startup- und Technologie-Szene. So wohnten laut dem 1997 als blinder Passagier nach Deutschland eingeschifften Gastronom die Imbissmitarbeiter in Lagerräumen über dem Restaurant. Für 15-Stunden-Tage – und das sieben Tage pro Woche – erhielt der Koch 900 Euro Netto-Monatslohn, dazu 300 Euro in bar. Unklar ist, welche Rolle das Geld bei der Gewalttat spielte: In Haicheng L.’s Tasche fanden Polizisten 300 Euro in Scheinen, als sie ihn im Schankraum festnahmen – er wehrte sich nicht.

Stolz spiele eine Rolle bei den Spannungen im Team

Stolz scheint eine Rolle gespielt zu haben in dem Spannungsverhältnis zwischen beiden Männern. Das spätere Opfer habe keinen Respekt gezeigt und sich wie ein Chef aufgeführt, sagt der Angeklagte. Haicheng L. betonte, er selbst habe Abitur in China gemacht, als Kind einer ehemaligen Großgrundbesitzer-Familie aber weder Partei noch Militär beitreten dürfen und habe schließlich Uhrmacher gelernt. Mehrere Jahre habe er in der Schule Englisch gelernt – hingegen habe sein Koch, der mit seinem Fremdsprachenwissen geprahlt habe, seine Englisch-Kenntnisse aus Basketball-TV-Übertragungen bezogen.

Was am 3. September tatsächlich der Auslöser war, werden die nächsten Prozesstage zutage fördern. Weiter geht es am Donnerstag.

Von Ulrich Wangemann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Brandenburg

Sollte die SPD in der Regierungsverantwortung bleiben?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg