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Brandenburg Das ist der Friedhof für Diesel-Fahrzeuge in Brandenburg
Brandenburg Das ist der Friedhof für Diesel-Fahrzeuge in Brandenburg
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00:26 02.08.2018
Schrottplatz in Märkisch-Oderland, einem Landkreis in Ost-Brandenburg. Sogar ein Jaguar ist unter den Abwrack-Kandidaten. Quelle: Julian Stähle
Potsdam

Das Interieur des rund zehn Jahre alten Volvo S80 ist ein Traum in cremefarbenem Leder: Makellose Sessel, das Lenkrad Ton in Ton, die Türfütterung nur durchbrochen von Wurzelholz –sogar der Schalthebel für das Automatikgetriebe ist mit Leder bezogen. Keine Spur Rost, Alufelgen, erste Hand, wahrscheinlich ein Garagenfahrzeug.

Schrottplatz im Landkreis Märkisch-Oderland. Hier stehen 500 Fahrzeuge, die im Rahmen der Herstellerprogramme zur Abgabe von älteren Dieselautos in Zahlung gegeben wurden. Quelle: Julian Stähle

Der Besitzer, ein Arzt aus Bad Saarow, hat die Stufenhecklimousine sogar noch durch die Waschanlage gefahren, bevor er sie zum Schrottplatz brachte. Bevor die Edelkarosse ausgeweidet und ihre leere Karkasse der Altmetallpresse übergeben wird. Das Todesurteil für den Wagen: sein Dieselmotor, der nicht den neuesten Abgasnormen entspricht.

Ein Golf, der rund zehn Jahre alt ist, wird demontiert. Quelle: Julian Stähle

Der Begriff Schrottplatz scheint allerdings deplatziert, sieht man sich die Preziosen an, die auf dem Recyclinghof von Ernst Lichter (Name geändert) im Kreis Märkisch-Oderland stehen. Manche haben gerade 80.000 Kilometer auf dem Tache. Von den 1000 Karossen sind 500 Dieselfahrzeuge, die Deutschlands Autokonzerne – allen voran Volkswagen – im Rahmen ihrer Prämienprogramme in Zahlung genommen haben, um sie vernichten zu lassen.

Turbodiesel auf dem Schrottplatz. Quelle: Julian Stähle

„50 Prozent dieser Fahrzeuge hätten noch ein langes Leben vor sich. Ich verschrotte zehn Jahre alte Fahrzeuge in Top-Zustand – das ist eigentlich eine Schande, aber auch ein gutes Geschäft für uns Recyclingfirmen“, sagt Kfz-Verwerter Lichter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Deutschlands Schrotthändler, die zuletzt zuletzt mit der Abwrackprämie 2008 ihre Lager füllten, genießen lieber still. Sie machen dank Dieselgate gerade das Geschäft ihres Lebens.

Dieser Mercedes hat erst 92000 Kilometer auf dem Tacho und ist Scheckheft-gepflegt – er wird verschrottet. Quelle: Julian Stähle

Der wegen Abgasmanipulationen schwer angeschlagene VW-Konzern hatte schon bis April 2018 gut 170.000 Alt-Diesel eingesammelt. Andere Hersteller setzten ebenfalls hektisch Prämienprogramme auf, um die Angst vieler Autofahrer vor Fahrverboten gewinnbringend mit Rabattprogrammen zu verbinden. Der Vorzugspreis für einen Euro-6-Diesel der neuesten Generation gilt, wenn wieder ein Stinker Deutschlands Straßen verlässt.

Auch junge Oldtimer wie dieser etwa 30 Jahre alte Daimler wandern in die Schrottpresse – trotz hervorragenden Pflegezustands. Quelle: Julian Stähle

So überlassen die Autohäuser den Teilehändlern Karossen für einen schmalen Taler, von denen viele unter normalen Umständen 5000 bis 10000 Euro wert wären. Nur der ein oder andere Vogelschiss lenkt davon ab, dass etwa der Skoda Oktavia Kombi, der an der Einfahrt parkt, eigentlich „erst gut eingefahren“ ist, wie Lichter sagt: Baujahr 2010. 120000 Kilometer, das sei nichts für einen Diesel, sagt der Händler. Diese Autos schafften locker eine halbe Million Kilometer.

Sieht so ein Schrottfahrzeug aus? Blick ins Innere eines zur Ausschlachtung freigegebenen Audis. Quelle: Julian Stähle

Ein paar Meter weiter ein VW-Bus des Typs T5. Diese Fahrzeuge findet man praktisch nie im Altteilehandel. Wegen des hohen Wiederverkaufswerts genießen sie eigentlich so etwas wie das ewige Autoleben. Nun geht’s in die Presse, das hat Schrotthändler Lichter bei Anlieferung zusagen müssen. Weiterverkauf ins Ausland strengstens verboten. „Abgasprämie“ steht auf dem Lieferzettel unter der Windschutzscheibe des Busses. Bis zu 10000 Euro hat VW bis Ende Juni Kunden bezahlt, die hochwertige Autos abgaben.

Ein Passat mit „Vollausstattung“, wie Lichter respektvoll sagt, parkt in der prallen Sonne, die Nummernschilder sind abmontiert. Baujahr 2007, Automatikgetriebe, Navigationsgerät und ein maßgefertigter, vollautomatischer Rollstuhlgreifarm – selbst diese Spezialanfertigung kommt ins Altmetall. „Dabei hätten sicher andere Menschen mit Behinderung sich die Lippen geleckt nach solch einem Auto“, sagt Lichter.

Dieses Smart-Cabrio wandert in die Schrottpresse – weil es einen älteren Dieselmotor hat. Quelle: Julian Stähle

Eine neue Hängeregistratur hat der Unternehmer anschaffen müssen für die Unterlagen zu den vielen neuen Autos. Alles wird dokumentiert. Die Autokonzerne wollen um jeden Preis verhindern, dass die Prämien-Diesel in einen grauen Gebrauchtwagenmarkt sickern – etwa im keine 50 Kilometer entfernten Polen.

Dieser Skoda (2.v.l.) würde auf dem Gebrauchtwagenmarkt 6000 bis 10000 Euro erbringen. Rechts daneben ein ebenfalls etwa zehn Jahre alter Audi. Quelle: Julian Stähle

Wer ein Schrauberherz hat, der leidet mit. Einen Mittelklasse-Mercedes aus den 80er-Jahren hat jemand abgegeben. „Nur eine Roststelle am Kotflügel – der Wagen ist ein Oldtimer!“, sagt Lichter. Keine Chance. Die Mechaniker in der Werkstatt werden mit Sorgfalt die Wurzelholz-Mittelkonsole herauslösen. Bis zu 300 Euro kostet so etwas im Internet.

Ein Peugeot wartet auf sein Ende. Quelle: Julian Stähle

Die erste Massenaktion, die Lichter mitgemacht hat, war ein Coup von Opel: 3000 Mark bot der Hersteller im Jahr 1993 für alle Altfahrzeuge bei Kauf eines neuen Opels. Das Geschäft erfolge in Wellen, sagt Lichter. Normalerweise bekomme er Schrottkarren oder Unfallwagen, keine intakten Fahrzeuge.

Keinen Kratzer hat dieser Audi A4 –dennoch wird er demontiert. Quelle: Julian Stähle

Profitieren würden von der Diesel-Abwrackwelle neben den Recyclingbetrieben solche Autofahrer, die Ersatzteile benötigten, so der Händler. Denn die gibt es wegen des großzügigen Nachschubs besonders billig.

Von Ulrich Wangemann

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