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"Weil der Film einfach schön ist"

Günter Heidemann entwarf Kostüme für "Aschenbrödel" "Weil der Film einfach schön ist"

Der Märchenfilm "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" ist an Weihnachten Pflicht. Die zauberhaften Kostüme des Kultfilms hat der heute 83-jährige Günther Heidemann entworfen. Noch heute schwärmt der Potsdamer vom Film und den Dreharbeiten.

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Ganz bezaubernd: Libuse Safránková als Aschenbrödel und Pavel Trávnicek als Prinz. Während der 63-jährige tschechische Schauspieler ein Theater in Prag führt und gern über den Aschenbrödel-Film spricht, lehnt Safránková jegliche Interviews dazu seit Jahren ab.

Quelle: Defa-Stiftung

Potsdam. Eigentlich weiß keiner so richtig, wie es kam. Fakt ist, der Märchenfilm "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" ist Kult. Ob Alt ob Jung, ob in Ost oder in West – die poetische Liebesgeschichte zwischen dem aufmüpfigen Mädchen mit den großen Mandelaugen und dem flotten Prinzen, der am liebsten reitet und Wild jagt, hat eine wahrhaft grenzüberschreitende Fan-Gemeinde gefunden. 1973 als Koproduktion von CSSR und DDR entstanden, erwärmt er nun seit über 40 Jahren die Herzen von Millionen Menschen. Denn seit seiner Erstausstrahlung wird er jedes Jahr in der Advents- und Weihnachtszeit von europäischen Fernsehsendern, in Deutschland, Norwegen und der Schweiz ausgestrahlt.

"Dabei war das Märchen nie als Winter- und schon gar nicht als Weihnachtsfilm gedacht, sondern war irgendwie wegen organisatorischer oder finanzieller Gründe vom Sommer verschoben worden", erzählt Günther Heidemann. Auch er wird Aschenbrödel heute wieder im Fernseher in seiner Wohnung im Potsdamer Kirchsteigfeld einschalten, aber nicht mehr bis zum Happy End anschauen, obwohl es sein "Lieblingsfilm" ist.

Stiefmutter (Carola Braunbock) mit dem gigantischen Schmidt-Hut.

Quelle: Defa-Stiftung

Der heute 83-Jährige Günther Heidemann, der vor seiner zweiten Ehe Schmidt hieß, war Kostümbildner bei der Defa und hat für die deutschen "Aschenbrödel"-Schauspieler die Kostüme entworfen. "Ich war gleich Feuer und Flamme nachdem ich das Drehbuch gelesen hatte", sagt Heidemann. Seinem Affen so richtig Zucker gegeben hat der Kostümbildner, der Ende der 1950er Jahre von Willy A. Kleinau von Berlin mit in die Babelsberger Defa geholt worden ist, bei dem legendären Hut der bösen Stiefmutter von Aschenbrödel. Ähnlich einem überdimensionierten Regenschirm thronte das weiße Teil beim Hochzeitsball auf dem Kopf der üppigen Frau – wunderbar gespielt von Carola Braunbock.

"Möglichst tiefe Ausschnitte"

"Die Idee kam einfach beim Zeichnen. Ich hatte den Hut nicht gleich so in meiner Vorstellung", erinnert sich Heidemann, der in seiner Berufszeit immer gern "möglichst tiefe Ausschnitte" kreiert hat. Rolf Hoppe, der den König spielte, ist nicht nur ein Freund Heidemanns, sondern ein Schauspieler, der gern mitdenkt "für die Rolle und das Kostüm". Beim Aschenbrödel spielte er eine seiner seltenen sympathischen Rollen als Vater des Prinzen. An seiner Seite hatte er als Königin die aparte Karin Lesch. "Eine schöne Frau", wie Heidemann noch heute schwärmt. Hoppe sei übrigens immer scharf auf Kopfbedeckungen gewesen; oft bekam er Mützen und Hüte, die ihm besonders gut gefielen nach dem Dreh mit nach Hause. Die Krone aus dem Märchenfilm freilich nicht.

Im Königsgewand: Rolf Hoppe mit Königin Karin Lesch.

Quelle: Defa-Stiftung

Auch für Heidemann bleibt heute, 41 Jahre nach der Erstaufführung des Aschenbrödels, die Frage, was das Geheimnis des Filmerfolgs ist. "Vielleicht, weil er einfach schön ist. Da stimmt halt alles an dem Film – die Handlung, die Schauspieler, die Musik, der Winter, die Landschaft", sagt er. Und: "Die Texte sind natürlich gesprochen, nicht gekünstelt. Selbst heute wirkt der Film nicht altmodisch", findet er. Vielleicht liegt es auch ein wenig daran, dass das Aschenbrödel, verkörpert von der bildhübschen Libuse Safrankova, in die damals sämtliche männliche Schauspieler verliebt gewesen sein sollen, so intelligent und rebellisch der bösen Stiefmutter Paroli bietet. Und auch der Prinz öfter gegenüber dem König aufmuckt, als es gemeinhin für Märchen üblich ist.

Nach dem Drehen "ein Weinchen getrunken"

Für Heidemann bleibt Aschenbrödel aber auch der Lieblingsfilm, weil die Dreharbeiten "so toll waren". Mit den Tschechen, so erzählt der Potsdamer, "sind wir immer noch schön ins Café gegangen und haben Weinchen getrunken. Das war ja mit unseren Leuten nicht zu machen, die wollten immer schnell los nach dem Dreh". Ebenso schwärmt Rolf Hoppe in Interviews immer noch von der "besonders freundlichen Atmosphäre" am Set. Gedreht wurden die meisten Außenaufnahmen am Schloss Moritzburg bei Dresden. Schlossräume waren allerdings tabu. Die berühmten Ball-Szenen und jene in der Stiefmutter-Küche wurden beispielsweise in den Babelsberger Studios produziert.

"Fast alle" DDR-Indianerfilme gemacht

Dort hat Günther Heidemann von seinen insgesamt 80 Filmen 54 für die Defa als Kostümbildner betreut. Dass Aschenbrödel Kult-Status erreicht hat, freut den Mann mit dem Faible für große Kostümfilme sehr, "stolz jedoch bin ich auf Filme wie 'Martin Luther', 'Karl Marx' und 'Katharina die Große'", gesteht Heidemann. Die seien "anspruchsvoll und wertvoll". Oder "Johann Strauss – der ungekrönte König" mit Zsa Zsa Gabor als Baronin, Rolf Hoppe als Herzog Ernst und Audrey Landers als Lili.

Günther Heidemann mit der Kopie der Kette, die Aschenbrödel trug, und der DVD mit dem Film, für den er einen Großteil der Kostüme entworfen hat.

Quelle: Claudia Krause

Mit dem Namen Günther Schmidt-Heidemann sind aber auch DDR-Klassiker wie "Die Abenteuer des Werner Holt", "Nackt unter Wölfen", "Der Spiegel des großen Markus", "Sing, Cowboy, sing" und "Die vertauschte Königin" verbunden, auch die erfolgreiche Serie "Treffpunkt Flughafen" im DDR-Fernsehen. Etliche Koproduktionen mit der Sowjetunion und Österreich gab es und nicht zu vergessen die Indianerfilme. Der erste war 1966 „Die Söhne der großen Bärin“ nach einem Roman von Liselotte Welskopf-Henrich. Gojko Mitic übernahm die Hauptrolle. Eine Wahl, die der Autorin damals gar nicht gefiel, wie sich Heidemann erinnert. Doch der DDR-Indianer ritt und kämpfte sich schnell in die Herzen der Zuschauer.

"Gojko ist schon ein toller Kerl", weiß Heidemann, der "fast alle" DDR-Indianerfilme gemacht hat. Die Mokassins – zuvor aus alten Büchern abgezeichnet – waren alle aus echtem Leder – hergestellt bei einem Kleinmachnower Schuhmacher vor den Toren Potsdams. Und seinem Freund Rolf Hoppe als Bösewicht in der Prärie hat er immer die richtigen Stiefel für den "bestimmten Schritt der Reiter-Beine" verpasst.

Zu Erkundungszwecken in den Westen gereist

Heidemann galt bei der Defa als pingelig, aber die hohe Wertschätzung gegenüber „seinen“ Filmen gab ihm Recht. "Der Westen hatte immer geschrieben, dass die Ausstattung stimmt und besonders das Authentische gelobt", erinnert sich der 83-Jährige. Alle Schauspieler aus dem Westen seien erstaunt gewesen über das Studio mit eigener Kostümabteilung und Werkstätten, in denen die Kulissen hergestellt werden. Heidemann las und recherchierte viel, durfte zu Erkundungszwecken in den Westen reisen.

Von dort kehrte er mit Fakten, Zeichnungen und Fotos zurück, um seine Kostüme zu entwerfen und sie dann mit den Schneidern in den Babelsberger Werkstätten umzusetzen. Selbst die verschiedenen Stickereien der Indianerstämme mussten stimmen, "denn die Amerikaner guckten genau". Geld spielte quasi keine Rolle. Allein für „Martin Luther“, ein fünfteiliger Fernsehfilm im Jahr 1983, machte die DDR eine Million Mark allein für die Kostüme locker.

"Aus Scheiße Gold gemacht"

Trotzdem war manches Material schwer zu haben und wie überall in der DDR wurde auch bei der Defa gesammelt, aufgehoben, improvisiert und "aus Scheiße Gold gemacht", wie der Volksmund es drastisch formulierte. "Wir haben alte Sachen von Leuten aufgekauft und daraus die Kostüme gemacht, die wir brauchten", sagt Heidemann. Spitzen, Knöpfe, Borten ausgetrennt, Strasssteine einzeln aufgestickt. "Wir bewiesen immer Einfallsreichtum", erzählt er mit verschmitztem Lächeln.

Heute, in Zeiten der Seifenopern, hätte er keine Lust mehr, etwas zu machen. "Die jungen Dinger würden sich doch gar nicht sagen lassen, was sie anziehen sollen", meint der Senior. Doch grollt er weniger als dass er sich mit Freude erinnert. "Ich hatte ein schönes, befriedigendes Berufsleben", sagt er gelassen in seinem Ledersessel daheim. Und schiebt mit etwas Glanz in den Augen nach, dass ihn erst kürzlich ein Krankenpfleger im Klinikum anhand seines Namens als den Kostümbildner von "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" erkannt und um mehrere Autogramme gebeten habe – für die Eltern und die Schwester. Der Mann sei um die 25 Jahre alt gewesen. Na, also.

TV-Sendetermine

  • Heiligabend: 12.15 Uhr, ARD; 14.35 Uhr, WDR; 20.15, Einsfestival; 21.15, RBB
  • 25. Dezember: 0.45, HR; 1 Uhr und 4.45 Uhr, Einsfestival; 8.35Uhr, BR; 10.35 Uhr, SWR; 12.10 Uhr, Einsfestival; 12.30 Uhr, NDR
  • 26. Dezember: 9 Uhr, RBB; 16.25 Uhr, MDR; 17.50 Uhr, MDR.
  • Außerdem läuft der Film am 24. Dezember um 14 Uhr im Kinosaal der Neuen Kammerspiele Kleinmachnow, Karl-Marx-Straße 18; Kontakt unter Tel.  033203/84804. ck

Von Claudia Krause

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