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Wenn das Internet zur Sucht wird

Therapieangebot in Brandenburg Wenn das Internet zur Sucht wird

Zocken und Surfen bis zum Exzess: In der Salus-Klinik in Lindow (Ostprignitz-Ruppin) werden Internetnutzer therapiert, die jedes Maß im Umgang mit elektronischen Medien verloren haben. So wie der 19-jährige Sven Willmann. Dabei ist „pathologischer PC- und Internetgebrauch“ ein noch recht junges Phänomen.

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Wenn nur noch der Computer die Nabelschnur zur Welt ist.

Quelle: CC BY-SA 2.0, Sam Wolff

Lindow. Sven Willmann* macht einen aufgeräumten Eindruck. Freundliches Gesicht, entspannte Sitzhaltung. In den Händen knetet der junge Mann ein Baseball-Cap, sein Kapuzenpulli und seine Jogginghose sind vielleicht ein bisschen weit. „Ich habe jetzt verstanden, dass ich etwas ändern muss“, sagt Willmann. Es ist ein Satz, aus dem Klarheit spricht. Und ein Satz, der erahnen lässt, dass im Leben des 19-Jährigen einiges schief gelaufen ist.

Vier Jahre lang dominierten Computerspiele Willmanns Leben. Seinen ersten PC bekam er zu Schulzeiten. Als ein enger Verwandter starb, wandte sich Willmann mehr und mehr dem Rechner zu. „Das PC-Spielen war für mich etwas, bei ich mich ablenken konnte von der realen Welt“, erzählt Willmann und beschreibt sein Gefühl so: „Durch den PC-Gebrauch ist man zufrieden, fühlt sich sicher.“ Im Internet stieß er auf Gleichgesinnte. Schließlich war Willmann so gut, dass er bei Turnieren in ganz Deutschland mitspielte und Preisgelder gewann. Seinen Stolz kann der 19-Jährige nicht ganz verbergen.

Unter dem exzessiven Zocken – bis zu 70 Stunden pro Woche – litt jedoch alles andere. Seinen Realschulabschluss schaffte Willmann nur mit Ach und Krach, die Ausbildung nicht mehr. Tage und Nächte verschwammen, Freundschaften gingen in die Brüche. „Das kann mit Geld nicht aufgewogen werden“, sagt Willmann. Er zog um, aber das verbesserte die Situation nur vorübergehend. Die Alarmglocken schrillten, vor allem bei Willmanns Mutter. Sie schickte ihren Sohn zur Suchtberatungsstelle.

Von dort kam Willmann nach Lindow. In der Salus-Klinik werden verschiedene Süchte und psychische Leiden behandelt. Willmann ist für mehrere Wochen hier untergebracht und macht eine offene Therapie. Das heißt, er trifft mit anderen Patienten zusammen, die ähnliche Probleme haben. „Pathologischer PC- und Internetgebrauch“, wie es hier heißt, ist noch ein recht junges Phänomen, erklärt Klinikleiter Johannes Lindenmeyer (61). In Deutschland wird die exzessive Nutzung digitaler Medien erst in vier Kliniken therapiert, die Salus-Klinik ist eine von ihnen und die einzige in Brandenburg. 40 Patienten haben sich dort im vergangenen Jahr behandeln lassen, davon rund 90 Prozent Männer.

Wer wie Sven Willmann nach Lindow kommt, stößt nicht nur auf eine großzügig gestaltete Anlage am Gudelacksee, umrahmt von märkischen Kiefern. Er stößt früher oder später auf zwei Erkenntnisse. Zum einen die Dynamik der Abhängigkeit. „Sucht ist etwas hoch Automatisiertes. Irgendwann gibt es gar keine Alternative mehr“, erklärt Therapeut Robert Schöneck (29). Zum anderen die Langzeitwirkung, denn Sucht hat ein Gedächtnis. Ähnlich wie ein Glas Bier bei einem trockenen Alkoholiker einen inneren Kampf erzeugt, geht es einem übermäßigen PC-Spieler, der anderen beim Zocken zuschaut. Die Betroffenen müssen lernen, mit kritischen Situationen umzugehen.

Präventivangebote in Brandenburg

Der amerikanische Psychiaterverband , die „American Psychiatric Association“ hat neun diagnostische Kriterien aufgestellt. Gelten fünf davon als erfüllt, muss von einer Sucht bzw. einem pathologischen Gebrauch ausgegangen werden. Die neun Kriterien sind: Gedankliche Vereinnahmung, Entzugserscheinungen, Toleranzentwicklung, Kontrollverlust, Fortsetzung trotz negativer Konsequenzen, verhaltensbezogene Vereinnahmung (Vernachlässigung von Hobbys), dysfunktionale Stressbewältigung, Dissimulation (Belügen der Eltern), Gefährdungen und Verluste.

Besonders anfällig sind Kinder und Jugendliche. Rainer Thomasius vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) rät: Vor dem achten Lebensjahr sollten Kinder überhaupt keinen Internetzugang haben, vor dem 12. Lebensjahr keinen Computer im Kinderzimmer.

In Brandenburg steht ein präventives Beratungsangebot bereit. Die „Eltern-Medien-Beratung“ aus Potsdam veranstaltet Elternabende – im Jahr 2015 waren es mehr als 100. „Wir beobachten, dass sich die Nutzung in Richtung Smartphones verschiebt“, sagt Berater Klaus Hinze. „Die Internetnutzung entzieht sich dadurch mehr und mehr der Kontrolle der Eltern. Bei ihnen herrscht eine große Verunsicherung: Wie regle ich das mit meinem Kind?“ Das Ziel der Veranstaltungen sei es, Eltern miteinander ins Gespräch zu bringen und gemeinsame Leitlinien zu finden. Letztlich sei „Medienerziehung gar nicht so weit weg von anderen Erziehungsfragen“, so Hinze.

Weitere Infos: www.eltern-medien-beratung.de

Zuvor aber müssen sie so etwas wie einen Alltag wiederfinden. Oftmals sind Tag- und Nachtrhythmus völlig verschoben, das Zeitgefühl verloren gegangen und Antrieb und soziale Kompetenzen stark eingeschränkt. Für die Behandlung erhalten die Patienten einen individuellen Plan. Durch geregelte Essenszeiten, Sport- und Kreativangebote sowie Einzel- und Gruppentherapie sollen die Patienten wieder Fuß fassen in der „Offline-Welt“ und an Selbstsicherheit jenseits des Rechners oder Smartphones gewinnen. In den ersten Wochen sind technische Geräte für die Patienten daher tabu. Sie führen Protokoll über ihr körperliches und seelisches Befinden und über ihren Drang, Spielen oder Surfen zu müssen. Erst nach und nach werden die Patienten an den verantwortungsvollen Umgang mit den Medien herangeführt. Der ist notwendig, sagt Johannes Lindenmeyer, denn „ein Leben ohne neue Medien ist nicht unser Ziel“, schließlich seien sie aus der modernen Arbeitswelt nicht wegzudenken.

Oftmals sei der übermäßige Mediengebrauch ohnehin eine Folge anderer persönlicher Probleme. Bei Menschen mit psychischen Störungen oder Reifungsstörungen bekomme der exzessive Konsum eine Funktion, werde zur Flucht oder Bestätigung. „Die meisten der Betroffenen haben solche Phasen und finden da von selbst wieder raus“, sagt Lindenmeyer. Wirklich gefährdet von diesem Phänomen sei laut wissenschaftlicher Erkenntnisse etwa ein Prozent der Bevölkerung. Die Erfolgsaussichten der Therapie? „Die Erfolgsquote ist ungefähr die gleiche wie bei Glücksspielen. Etwas mehr als der Hälfte der Patienten kann man gut helfen“, sagt Lindenmeyer. Das kritische Rückfallfenster sind die ersten drei bis sechs Monate nach der Behandlung. Deshalb spielt auch die Nachsorge in einer Tagesklinik und vor allem in der Suchtberatung eine wichtige Rolle.

Sven Willmann blickt bereits nach vorn. Seine Mutter soll seinen Computer verkaufen, auch über die Trennung von seinen Konsolen denkt er nach. „Ich bin ein bisschen selbstständiger geworden“, sagt Willmann. „Ich esse jetzt wieder regelmäßiger. Das Schlafen hat sich verbessert. Als ich herkam war ich niedergeschlagen. Jetzt bin ich ein wenig fröhlicher.“ Einen langen Weg dürfte er trotzdem noch vor sich haben. „Mein Ziel“, sagt Willmann, „ist im Moment herauszufinden, wo ich wirklich hin will im Leben.“

*Name von der Redaktion geändert

Von Mischa Karth

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