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Wenn die Ehe zur Hölle wird

Frauenhäuser in Brandenburg bieten Hilfe Wenn die Ehe zur Hölle wird

Körperlich und psychisch misshandelten Frauen bleibt oft nur ein Frauenhaus als letzter Zufluchtort. Vor den gewalttätigen Männern geschützt, versuchen sie dort, ein unabhängiges Leben zu beginnen. Ein Besuch im Frauenhaus in Ludwigsfelde (Teltow-Fläming) – ein Ort, dessen Adresse geheim bleiben muss.

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Laut einer Studie wird in Deutschland jede vierte Frau Opfer von häuslicher Gewalt.

Quelle: dpa

Ludwigsfelde. Immer wieder hat Anita die Schläge und Demütigungen ertragen, sich für ihre blauen Flecken geschämt, sie heruntergespielt – und immer wieder gehofft, dass sich alles ändern wird. Die Misshandlungen erlebte sie in einer Umgebung, die eigentlich ein sicherer Rückzugsort sein sollte: ihrem Zuhause. Von einem Mann, den sie einst geheiratet hatte, weil sie ihn liebte. Mehr als 25 Jahre war Anita verheiratet, hat mit ihrem Mann zwei Kinder großgezogen. Auch wegen ihnen hat sie den Schritt aus der ehelichen Hölle lange nicht gewagt.

Einmal, mit Anfang 50, hatte Anita es schon fast geschafft. Sie floh in ein Frauenhaus. Doch ihr Mann ließ sie nicht los. Er rief sie an, zeigte Reue, war nett zu Anita und sie hoffte, er würde sich ändern. Sie kehrte zu ihm zurück und das Martyrium begann nach kürzester Zeit von vorn.

Auch nach drei Jahren lähmt die Angst

Der Wendepunkt kam mit einem neuen Job: Anita vertraute sich einem Kollegen an, der sie zur Trennung ermutigte. So suchte sie mit 58 Jahren erneut Zuflucht im Ludwigsfelder Frauenhaus. Von dort aus fand sie eine Wohnung in einer anderen Gemeinde, immer die Angst im Nacken, der Ehemann könne sie irgendwann wiederfinden. Auch heute, drei Jahre später, befürchtet Anita noch, ihr Ex-Mann könne ihr beim Einkaufen auflauern. Bislang ist sie ihm nicht wieder begegnet.

Petra Slesazeck kann viele Geschichten wie die von Anita erzählen. Die Sozialpädagogin sitzt in ihrem kleinen Büro im Erdgeschoss des Ludwigsfelder Frauenhauses, das vom Frauenstammtisch in der Stadt betrieben wird. Dort berät sie die Bewohnerinnen dabei, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. „Mein Job ist es, die Frauen aufzufangen, zu stärken und zu stabilisieren“, erzählt Petra Slesazeck. Neben ihrem Schreibtisch hängen von Kindern gemalte Bilder, auf einem steht in dicken, bunten Buchstaben „Vielen Dank!“

Petra Slesazeck, Leiterin des Ludwigsfelder Frauenhauses, in einem der Zimmer, in dem Frauen Zuflucht und Heim finden

Petra Slesazeck, Leiterin des Ludwigsfelder Frauenhauses, in einem der Zimmer, in dem Frauen Zuflucht und Heim finden.

Quelle: Anja Meyer

Das Frauenhaus wirkt von Außen unscheinbar und von Innen klein und familiär. Wo es sich befindet, muss zum Schutz der Bewohnerinnen geheim bleiben. Nur Nachbarn wissen Bescheid und passen mit auf. Wenn sie einen Mann länger um das Haus herumschleichen sehen, rufen sie die Polizei. Und Männer haben dort grundsätzlich keinen Zutritt. „Hier kommt höchstens mal ein Handwerker oder ein Arzt herein“, berichtet Petra Slesazeck. Andere Frauenhäuser seien da noch strenger und würden ausschließlich weibliche Handwerkerinnen beauftragen.

Viele Frauen geben sich selbst die Schuld

In dem kleinen Gemeinschaftswohnzimmer neben dem Büro von Petra Slesazeck sitzen zwei junge Frauen an ihrem Laptop am Tisch. Auf dem Boden liegt Kinderspielzeug, in der Ecke steht ein Fernseher. Warum die beiden Frauen im Haus sind, wollen sie selbst unter geändertem Namen nicht erzählen. Zu groß ist die Angst, vom Partner oder Nachbarn wiedererkannt zu werden. „Viele Frauen schämen sich für das Erlebte und geben sich gar selbst die Schuld“, weiß Slesazeck.

In den oberen Etagen liegen die zehn Zimmer, in denen Frauen und deren Kinder unterkommen, die psychische und körperliche Gewalt erfahren haben. Fast immer ist das Frauenhaus komplett belegt, zur Not können Frauen auch in den Häusern in Luckenwalde, Bestensee oder Berlin untergebracht werden.

Hilfe für Frauen

Zu DDR-Zeiten gab es noch keine Frauenhäuser, sie wurden in den neuen Bundesländern erst nach der Wende aufgebaut.

In Teltow Fläming gibt es neben dem Haus in Ludwigsfelde mit der Notrufnummer 03378/51 29 39 noch eines in Luckenwalde. Es ist unter 0 33 71/63 32 91 zu erreichen.

Misshandelte Frauen aus Dahme-Spreewald finden im Bestenseer Frauenhaus,  03 37 63/21 44 10, Hilfe.


Kontakt zum Netzwerk der Brandenburger Frauenhäuser: Tel. 03385/503615 und online unter www.frauenhaeuser-brandenburg.de/

Petra Slesazeck zeigt das größte Zimmer des Hauses. Ein Bett steht unter einer mit Holz vertäfelten Dachschräge, ein anderes an der Wand gegenüber. Daneben befinden sich ein Gitterbett für Kinder und eine Wickelkommode. Darauf sitzt ein riesiger Teddybär. „Hier haben auch schon Frauen mit fünf Kindern gelebt“, erzählt Petra Slesazeck. Die Betten sind noch nicht bezogen, weil die letzte Bewohnerin mit ihren Kindern erst vor wenigen Stunden ausgezogen ist.

Das ist untypisch. „Unsere Hauswirtschaftskraft macht das Zimmer gleich bezugsbereit“, sagt Slesazeck. Schließlich könne in jedem Moment eine neue Frau vor der Tür des Frauenhauses stehen und Hilfe suchen.

Das Frauenhaus ist für Gewaltopfer rund um die Uhr erreichbar. Wenn Petra Slesazeck und ihre Kollegin, mit der sie sich die volle Sozialpädagoginnenstelle teilt, Feierabend haben, übernimmt im Wechsel eine der fünf Ehrenamtlerinnen das Notruftelefon. „Die gehen mit dem Handy ins Bett“, erzählt Slesazeck. Nicht selten müssen sie nachts raus, um eine neu ankommende Frau aufzunehmen. Zudem beraten sie am Telefon.

Jede vierte Frau Opfer häuslicher Gewalt

Neben der emotionalen Beratung steht die organisatorische ganz oben auf der Agenda der Mitarbeiterinnen. „Das erste, was meine Kolleginen und ich machen, ist ein Fax an das Jobcenter zu schicken“, erzählt Petra Slesazeck. Der Antrag auf Arbeitslosenhilfe sei vor allem deshalb nicht immer einfach, weil die Männer benötigte Unterlagen oft nicht herausgeben. Zudem würden Männer häufig Mietschulden im Namen der Frauen anhäufen.

Laut einer Studie wird in Deutschland jede vierte Frau Opfer von häuslicher Gewalt. „Das kann alle Schichten betreffen“, weiß Slesazeck. In der Region beobachtet sie in jüngster Zeit ein spezielles Phänomen: Männer fahren in asiatische Länder, heiraten dort eine Frau und holen sie nach Deutschland. Nach einer Weile merken sie, dass die Frau ihnen nicht mehr gefällt und setzen sie – auch schwanger – vor die Tür.

„Diese Frauen haben keine Anlaufstelle, nicht einmal Geld für einen Rückflug“, sagt Slesazeck. In den vergangenen zwei Jahren hat das Ludwigsfelder Frauenhaus vier Frauen mit so einer Geschichte aufgenommen und unterstützt.

Von Anja Meyer

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