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Wer steckt hinter der Maske?

Polizisten haben viele mögliche Spuren nicht verfolgt Wer steckt hinter der Maske?

Im Maskenmann-Fall sind von den Ermittlern offenbar viele schlüssige Spuren nicht verfolgt worden. Vorschnell hat man sich auf Mario K. als Täter festgelegt. Die MAZ erklärt, welche Spuren es noch gibt und wer noch hinter Masken stecken könnte.

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Mario K. mit seinem Anwalt Axel Weimann.

Quelle: Fotos: dpa

Potsdam. Schon im April 2014 sagte Axel Weimann: „Er ist schlicht der Falsche.“ Der Berliner Strafverteidiger erklärte damals gegenüber der MAZ, sein Mandant Mario K. sei nicht der Maskenmann, der zwei Überfälle auf eine Unternehmerfamilie begangen und einen Banker entführt haben soll. Weimann glaubte damals noch fest daran, dass das Gericht die Anklage gar nicht zulassen werde. Die 220 Seiten seien nur ein äußerst dünnes „Sammelsurium angeblicher Indizien“. Denn einen Beweis für K.s Schuld, etwa eine DNA-Spur, gibt es nicht.

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Kritische Ermittler werden gemobbt, schlüssige Spuren nicht verfolgt, der Polizeipräsident hat sich in die Ermittlungen eingemischt und gegen den Angeklagten liegen nur Indizien vor, keine Beweise. Wir haben die Chronologie in einer Bildstrecke.

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Zumindest in einem Punkt hat sich Weimann getäuscht: Die Anklage wurde zugelassen. Am Freitag wird der Verteidiger vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) nun sein Plädoyer beginnen und den Satz wiederholen: Mario K. ist nicht der Maskenmann.

Zwei Namen tauchen immer wieder in den Akten auf

Aber wer ist es dann, wenn nicht der gelernte Dachdecker, der seit knapp 20 Monaten in Untersuchungshaft sitzt? Insgesamt rund 40 Personen gerieten seit dem ersten Überfall auf die Unternehmerfamilie P. im Sommer 2011 bis zur Festnahme Mario K.s im September 2013 ins Visier der Ermittler. Fast alle wurden sehr schnell wieder aussortiert. Nur zwei Namen tauchten im Laufe des Prozesses wieder auf: Raik R. und Andreas K.

Der Fall

Der gelernte Dachdecker Mario K. (47) aus Berlin muss sich seit Mai 2014 vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) verantworten. Ihm werden unter anderem versuchter Mord, versuchter Totschlag und erpresserischer Menschraub zur Last gelegt.

Er soll 2011 zwei Überfälle auf die Unternehmerfamilie P. in Bad Saarow begangen haben, der das Berliner Europa-Center gehört. Bei der ersten Attacke wurde die Unternehmergattin niedergeknüppelt und schwer verletzt. Der zweite Überfall galt der Tochter der Familie. Ein Wachmann stellte sich dazwischen und wurde niedergeschossen. Seitdem sitzt er im Rollstuhl.

Im Oktober 2012 soll der Maskenmann – benannt nach seiner auffälligen, imkerähnlichen Maskierung, den Ivestmentbanker Stefan T. aus seinem Haus in Storkow entführt haben. Der Manager soll mit Hilfe eines Kajaks auf einen Schilfgürtel verschleppt worden sein. Von dort gelang T. nach knapp zwei Tagen im Freien die Flucht, wie er der Polizei schilderte. An dieser abenteuerlichen Version gab es früh Zweifel, auch durch Polizisten.

Im September 2013 war Mario K. nach monatelanger Oberservation vor einem Einkaufszentrum in Berlin-Köpenick festgenommen worden. Er hatte zuletzt in Berliner Wälder in einer Art Camp gelebt. 2004 war er wegen Diebstahls und Brandstiftung zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden: Er hatte Yachten von Reichen abgefackelt und war später in einem Waldcamp entdeckt worden.

Die Staatsanwaltschaft hat lebenslange Haft für den zuletzt Wohnungslosen gefordert, die Nebenklage sogar lebenslang mit anschließender Sicherungsverwahrung. Alle vier Opfer des Maskenmanns treten im Prozess als Nebenkläger auf.

Am Freitag wird das Plädoyer von Mario K.s Verteidigern erwartet, die Freispruch für ihren Mandanten hoffen.

Ein Urteil könnte frühestens am 8. Juni fallen – wenn der Prozess nach den neuen Erkenntnisse nicht platzt und die Beweisaufnahme nicht wieder aufgenommen werden muss. Die Beweisaufnahme war mit Beginn der Plädoyers Ende April abgeschlossen worden. Weitere Beweisanträge der Verteidigung waren abgelehnt worden. Insgesamt waren in dem Verfahren rund 200 Zeugen gehört worden.

Die Verteidigung kann nun durch einen Antrag erreichen, dass die Beweisaufnahme aufgrund der neuen Erkenntnisse wieder aufgenommen wird. Das Gericht muss dem zustimmen.

Gegen ein Urteil besteht die Möglichkeit der Revision: Der Bundesgerichtshof muss sich dann mit dem Fall beweisen.

Der erste war Mitglied im inzwischen verbotenen Rockerclub „Oder City Kurmark“. Er soll den Wachmann gekannt haben, der bei dem zweiten Überfall niedergeschossen wurde und seitdem querschnittsgelähmt ist. Mögliches Motiv: Streit in der Türsteherszene. Er soll in der Nähe des dritten Tatorts gesehen worden sein. Und er besitzt ein Motorrad. Anwohner hörten am Abend der ersten Tat ein Motorrad wegfahren. Hinzu kommt: Raik R. hat für keine der Taten ein Alibi.

Ein Verdächtiger ist erstaunlich schnell von der Liste gestrichen worden

Andreas K. besitzt ebenfalls ein Motorrad – und ein Motiv: Der frühere Polizei-Hubschrauberpilot soll Schulden in sechsstelliger Höhe gehabt haben. Zudem soll er die beiden Opferfamilien zumindest vom Sehen gekannt haben. Der Hinweis auf K. kam, wie die MAZ im März berichtet hatte, nach der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ von einem früheren Kollegen der Berliner Polizei. Der Mann soll sogar kurzzeitig observiert worden sein, wurde aber erstaunlich schnell aus dem Kreis der Verdächtigen gestrichen – obwohl sein Handy laut „Tagesspiegel“-Recherchen zu allen drei Tatzeiten in den zugehörigen Funkzellen geortet worden war.

MAZ-Kommentar: Im Zweifel für den Angeklagten

Anwalt Weimann hat beide Verdächtige im Prozess ins Spiel gebracht und vor Beginn der Plädoyers den Antrag gestellt, zumindest die Akten des Polizisten beizuziehen und die Beweisaufnahme fortzusetzen. Der Vorsitzende Richter Matthias Fuchs lehnte das ab. Wenige Prozesstage später wählte Staatsanwalt Jochen Westphal folgende Worte, die Weimanns Satz diametral gegenüberstehen: „Mario K. ist der Täter aller drei Taten.“

Ankläger zeichnete eine Indizien-Pyramide

Weimann gegen Westphal lautet nun das Duell in einem der aufsehenerregendsten Prozesse der Brandenburger Justizgeschichte. Westphal hat sein Plädoyer bereits Ende April gehalten. Es war gut. Für alle, die an den beiden Tagen seines Vortrags zum ersten Mal im Gerichtssaal saßen und nicht verfolgt hatten, was in dem knappen Jahr Prozess bislang alles zur Sprache kam. Rhetorisch geschickt zeichnete der Ankläger das Bild einer Indizien-Pyramide, die alle jene hinaufklettern sollten, für die jedes weitere Indiz zutrifft. Bei Westphal stand am Ende nur noch Mario K. auf der Spitze der Pyramide. Unter anderem, weil er, wie von einem Opfer beschrieben, ein abstehendes Ohr hat, Rechtshänder ist, sich gut im Freien zurechtfindet, mit einer Waffe vom Typ Ceska im Schützenverein geübt hat, wie sie auch bei den Taten verwandt wurde. Hinterher konnte man durchaus überzeugt sein: Mario K. ist der Maskenmann. „Der passt“, wie Westphal sagte.

Was Westphal aber – ob wissentlich oder nicht – ausließ: Auch andere frühere Verdächtige hätten die Pyramide hochklettern können. Auch auf sie trafen Indizien wie Körpergröße, Statur, Outdoorfaible und Waffenkenntnis zu. Für den Rocker Raik R. mit Abstrichen, für den Polizisten Andreas K. aber sehr gut. Was zum Beispiel die von einem Opfer beschriebene Bartfarbe angeht, passt der Polizist sogar besser: Andreas K. hat wie in der Täterbeschreibung rötliche Haare, Mario K. dunkle.

Alibi des Polizisten ist erschüttert

Aber der Dachdecker wurde im Laufe des Prozesses passend gemacht: Er sei sehr wandelbar, hieß es dazu seitens der Staatsanwaltschaft. Während der monatelangen Observierung habe er mehrmals sein Aussehen verändert. Zudem sei der Täter ja maskiert gewesen, die Opfer aufgeregt. Dass da nicht jede Beobachtung 100 Prozent zutreffe, sei ganz normal.

Polizist Andreas K. hingegen scheide aus, weil er für die dritte Tat, die Entführung eines Bankers, ein Alibi habe, und somit auch für die anderen Taten nicht in Frage komme, erklärte Westphal im Prozess. Nun zeigt sich: Der Polizist hat womöglich gar kein Alibi. Zumindest behauptet das seine Ex-Frau gegenüber dem „Tagesspiegel“. Das muss nicht stimmen. Aber, und das ist der Vorwurf, der sich durch den ganzen Prozess zieht und diesen nun doch noch ins Wanken bringen könnte: Die Polizei hat auch das, wie so vieles, seinerzeit offenbar nicht geprüft.

Leiter der Mordkommission wurde wegen Trunkenheit angezeigt

Dass auf Anweisung von oben einseitig ermittelt wurde, hatte bereits zum Prozessauftakt ein Oberkommissar der Soko „Imker“ mit seiner Selbstanzeige publik gemacht. Westphals Replik damals: „Die einzelne Meinung eines Polizeibeamten ist nicht von Relevanz“ und über Ermittlungsansätze werde „nicht demokratisch abgestimmt“. Westphal – so heißt es in Frankfurt (Oder) – könne gut mit dem Leiter der Mordkommission Falk Küchler. Der war in der Anzeige unter anderem angezählt worden, weil er betrunken am Tatort erschienen sei und Widersprüche in den Aussagen des Entführten Stefan T. bewusst übergangen habe. Die Staatsanwaltschaft stellte ein Verfahren wegen Strafvereitelung im Amt jedoch ein.

Viele Fragen stehen nun immer noch im Raum: Wurde tendenziös ermittelt und warum? Welche Verbindung gibt es zwischen den Opferfamilien sowie den Opfern und den Ermittlern? Und, die alles entscheidende Frage: Wer ist wirklich der Maskenmann?

Von Marion Kaufmann

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