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Westgeld im Osten

Vor 25 Jahren rollte die D-Mark in die DDR Westgeld im Osten

Am 18. Mai 1990 unterzeichneten Bundesfinanzminister Theo Waigel und sein DDR-Amtskollege Walter Romberg in Bonn den Vertrag über die Währungsunion von Bundesrepublik und DDR. Sie schufen damit unverrückbare Fakten für die deutsche Einheit, die im Oktober folgen sollte.

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Endlich Westgeld: Nach langem Schlangestehen freut sich dieser junge Mann in Leipzig am 1. Juli 1990 über seine D-Mark-Banknoten

Quelle: dpa

Berlin. Als Tag der Einheit feiern die Deutschen den 3. Oktober 1990 - aber faktisch war die Wiedervereinigung schon Monate vorher perfekt: Am 18. Mai vereinbarten Bundesrepublik und DDR eine Wirtschafts- und Währungsunion. Damit wurde zum 1. Juli in Ostdeutschland die DDR-Mark durch die „harte“ D-Mark abgelöst, das planwirtschaftliche Wirtschaftssystem durch die westliche Wirtschaftsordnung ersetzt.

Für die DDR mit ihren 17 Millionen Bürgern bedeutete das eine „beispiellose Schocktherapie“, wie der Ökonom Manfred Streit schrieb. Deren Folgen sind auch 25 Jahre danach noch nicht ganz verdaut. Mitte 1990 überwog indes unbändige Freude, dass man endlich angekommen war in der Freiheit - zu der für viele eben auch der freie Zugang zu den bislang unerreichbaren Konsumfreuden des Westens gehörte. Deshalb war die D-Mark 1989/90 schnell ein zentrales Thema der friedlichen Revolution in der DDR geworden. „Wir sind das Volk“ hieß es zwar anfangs auf den anschwellenden Massendemonstrationen gegen das SED-Regime, von dem auch Reisefreiheit („Wir wollen raus!“) gefordert wurde.

Doch binnen weniger Wochen wandelte sich das Bild: „Gommt die D-Mark, blei’m mir hier, gommt se nich, geh’n mir zu ihr“, hallte es schon kurz nach dem Mauerfall auf den Demonstrationen in Sachsen. Auch die - selbst heute noch - umstrittenen Konditionen der Währungsunion gerieten unter den Druck der Straße: „Eins zu Eins, oder wir werden niemals Eins“, forderten Demonstranten zur Zeit der ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 in Ostberlin.

„Gommt die D-Mark, blei’m mir hier, gommt se nich, geh’n mir zu ihr“

Das Tempo, das vom Fall der Mauer bis zum Einheitsprozess samt Währungsunion angeschlagen wurde, war atemberaubend - für ein Projekt von dieser historischen Bedeutung allemal. Während die Vorbereitung der Europäischen Währungsunion viele Jahr dauerte, wurde die Einführung der D-Mark in der DDR binnen weniger Wochen geplant. Schon im Februar kündigte Bundeskanzler Helmut Kohl das Ziel Währungsunion an, drei Monate später war sie per Staatsvertrag beschlossene Sache - ein dramatischer Schwenk, nachdem bis dahin von einem behutsamen und schrittweisen Übergang von der sozialistischen Planwirtschaft in die Marktwirtschaft und einer allmählichen Annäherung von West und Ost auf dem Weg zu einem gemeinsamen Bundesstaat die Rede war.

Forderung auf der Leipziger Montagsdemo am 12. Februar 1990.

Forderung auf der Leipziger Montagsdemo am 12. Februar 1990.

Quelle: dpa

Dafür blieb indes keine Zeit: „Allein in den vier Monaten von Oktober 1989 bis Januar 1990 hatten über 300 000 Menschen die DDR verlassen und waren in die Bundesrepublik übergesiedelt“, bilanzierte die Bundesbank im Sommer 1990. „Hätte sich die Wanderungsbewegung fortgesetzt, wären die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen für beide deutschen Staaten unabsehbar gewesen.“ Die Politik zog also die Reißleine - und ignorierte praktisch alle Warnungen, die von Seiten ökonomischer Fachleute vorgebracht wurden.

„Wir halten die rasche Verwirklichung der Währungsunion für das falsche Mittel, um dem Strom von Übersiedlern Einhalt zu gebieten“, warnten die „Fünf Weisen“ des Sachverständigenrates in einem Brief an Kohl. „Es kann nicht Sinn einer Währungsunion sein, die durch jahrzehntelange Misswirtschaft in der DDR aufgeblähten Geldbestände nunmehr im Zuge der Umwandlung in D-Mark in ihrer Kaufkraft aufzuwerten.“ Und weiter schrieben sie: „Es ist wohl unvermeidlich, dass die Einführung der D-Mark bei den Bürgern der DDR die Illusion erwecken muss, mit der Währungsunion sei auch der Anschluss an den Lebensstandard der Bundesrepublik hergestellt.“

Die „Fünf Weisen“ warnen vor der Währungsunion

Obwohl die DDR-Währung nach landläufiger Auffassung viel weniger wert war, wurden zum 1. Juli 1990 Löhne, Renten und Mieten im Verhältnis 1:1 umgestellt. Für Forderungen und Verbindlichkeiten galt ein grundsätzlicher Tauschkurs von 2:1. In - nach Lebensalter gestaffelten - Grenzen von 2000 bis 6000 Mark konnten Guthaben 1:1 getauscht werden.

„Eins zu Eins“ folgte keiner ökonomischen Vernunft: „Mangels überzeugender ökonomischer Anhaltspunkte“ habe sich „kein sachlich zwingender Umstellungskurs ermitteln“ lassen, bilanzierte der Ökonom Manfred Streit. „Die Wahl der Umstellungssätze für die Mark der DDR basierte auf einer politischen Entscheidung.“ Deren psychologische Bedeutung war enorm - als „Ausdruck der Solidarität unter den Deutschen“, wie Kohl in seiner TV-Ansprache zum Start der Währungsunion sagte. „Der Wechselkurs, zu dem die Ost-Mark gegen die West-Mark getauscht wurde, entsprach mit Sicherheit nicht den damaligen ökonomischen Realitäten“, sagte der frühere Bundesbankpräsident Karl-Otto Pöhl kurz vor seinem Tod 2014. Ein realistischer Wechselkurs wäre aber nicht von der DDR-Bevölkerung akzeptiert worden. Rückblickend zeigte er Verständnis für den Ablauf: „Es war wie eine Lawine, die niemand stoppen konnte und wollte.“


In wenigen Tagen karrten hunderte Lkw die D-Mark in den Osten, die bis auf DDR-Münzen bis zum Wert von 50 Pfennigen ab Juli 1990 alleiniges Zahlungsmittel wurde. DDR-Pfennig-Münzen waren noch ein Jahr lang gültig. Mit der am selben Tag eingeführten Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion trat aber auch die freie Preisbildung in Kraft, die ab sofort ostdeutsche Produkte und damit die Hersteller ins Abseits drängte.

Mit dem Westgeld auf dem Konto und im Portemonnaie erfüllten sich für Millionen DDR-Bürger jahrelang unerfüllte Konsumwünsche. „Das Ausmaß dieser Kaufwelle wird beispielhaft daran deutlich, dass in den ersten sechs Monaten nach Einführung der D-Mark in den neuen Bundesländern so viele Kraftfahrzeuge zugelassen wurden wie unter dem alten Regime im Zeitraum von fünf bis sechs Jahren“, hielt die Bundesbank fest.

Der Vertrag über die Wirtschafts- und Währungsunion

Am 18. Mai 1990 unterzeichneten Bundesfinanzminister Theo Waigel und sein DDR-Amtskollege Walter Romberg in Bonn den Vertrag über die Währungsunion von Bundesrepublik und DDR. Sie schufen damit unverrückbare Fakten für die deutsche Einheit, die im Oktober folgen sollte.

Der Vertrag regelte in 38 Artikeln und 9 Anlagen viel mehr als die Übernahme der D-Mark als Zahlungsmittel in der DDR. Faktisch ging es um eine Komplettübernahme der westdeutschen Wirtschaftsordnung in der DDR - von der Niederlassungsfreiheit für Gewerbetreibende und dem Arbeitsrecht über das Aktienrecht bis zu den Sozialversicherungen. Der in kürzester Zeit - gegen heftige Kritik und begleitet von Demonstrationen in der DDR - ausgearbeitete „Vertrag über die Schaffung einer Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion“ legte damit die Grundlage für die Einführung der Marktwirtschaft.

Damit sorgte er am 1. Juli 1990 über Nacht für dort bis dahin völlig unbekannte Verhältnisse. Eines der Kernstücke, die Währungsunion, sah - gegen schwere Bedenken der Deutschen Bundesbank - vor, dass „Löhne, Gehälter, Stipendien, Renten, Mieten und Pachten sowie weitere wiederkehrende Zahlungen“ im Verhältnis 1:1 umgestellt werden. „Alle anderen auf Mark der Deutschen Demokratischen Republik lautenden Forderungen und Verbindlichkeiten werden grundsätzlich im Verhältnis 2:1 auf Deutsche Mark umgestellt.“

Auch für Guthaben galt damit der grundsätzliche Tauschkurs von 2:1 - mit einer wichtigen Einschränkung: „Guthaben bei Geldinstituten von natürlichen Personen mit Wohnsitz in der Deutschen Demokratischen Republik werden auf Antrag bis zu bestimmten Betragsgrenzen im Verhältnis 1:1 umgestellt, wobei eine Differenzierung nach dem Lebensalter des Berechtigten stattfindet.“ Kinder konnten bis zu 2000 DDR-Mark zu diesem Kurs bar umtauschen, 15- bis 59-Jährige bis zu 4000 und ältere Menschen bis zu 6000 Mark.

Die ökonomische Einheit unter Gleichen blieb indes eine Illusion. Die „Fünf Weisen“ sollten mit der Warnung Recht behalten: „Die Unternehmen in der DDR werden schlagartig einer internationalen Konkurrenz ausgeliefert, der sie gegenwärtig nicht gewachsen sind.“ Tausende Unternehmen brachen zusammen, die Arbeitslosigkeit schoss in die Höhe. Falsche Preise, unrentable Fertigung, geringe Produktivität, Verschwendung und marode Anlagen - die Fülle der Probleme wurde mit der Währungsunion schlagartig sichtbar.

Ein gutes Jahr später zogen die „Fünf Weisen“ denn auch eine ernüchternde Bilanz über die „Anpassungskrise der ostdeutschen Wirtschaft“: Die mit der Währungsunion entstandene Euphorie sei verflogen. „Ihre Stelle haben Unsicherheit und Furcht und Bitternis besetzt“, schrieben sie in einem Sondergutachten. „Viele haben schon aus ihren Köpfen verdrängt, dass viereinhalb Jahrzehnte sozialistischer Misswirtschaft den Grund für die wirtschaftliche Misere gelegt haben.“

Auch 25 Jahre später wird die Währungsunion von Ökonomen immer noch kontrovers beurteilt. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, spricht von einem „überwältigenden Erfolg, weil letztlich diese Währungsunion einen ganz entscheidenden Beitrag zur wirtschaftlichen Integration Deutschlands geleistet hat.“ Jeder andere Weg hätte demnach zu einer quälenden Hängepartie geführt.

Von Thomas Kaufner

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