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Brandenburg Wie Amazon das Chaos im Regal bändigt
Brandenburg Wie Amazon das Chaos im Regal bändigt
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00:24 01.05.2018
„Chaotische Sortierung“ nennt sich das Packsystem per Strichcode. Quelle: Julian Stähle
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Brieselang

In der Amazon-Kantine in Brieselang ist wieder Wurstgulasch-Tag. Ein paar Arbeiter sitzen in Grüppchen und löffeln ihr Mittagessen. „Das absolute Lieblingsessen hier“, sagt Personalchef Andreas Ruck. „Würde man es absetzen, gäbe es einen Aufstand.“ Mit Gratis-Obst hält die Betriebsleitung dagegen.

Irgendwo muss die Kraft ja herkommen, die dem Online-Händler derzeit aus allen Poren quillt. Im ersten Viertel dieses Jahres konnte der weltgrößte Online-Händler den Gewinn im Gesamtgeschäft mit 1,6 Milliarden Dollar mehr als verdoppeln. Im 1. Quartal 2018 setzte das Unternehmen laut einem gestern veröffentlichten Geschäftsbericht aus dem Hauptsitz des Unternehmens in Seattle 51 Milliarden Dollar um – deutlich mehr als Daimler. Amazon-Chef Jeff Bezos gilt als der reichste Mensch der Welt.

Lange Regalreihen in den Hallen von Amazon in Brieselang. Quelle: Julian Stähle

Wer den sagenhaften Aufstieg verstehen möchte, sollte nach Brieselang im Havelland reisen. Was da auf 65 000 überdachten Quadratmetern passiert, ist höchst bemerkenswert: die Zähmung des Chaos.

Anders als etwa bei Ebay, das die gehandelten Waren nur mittels kluger Software vermittelt, aber nie tatsächlich mit dem Lastwagen angeliefert bekommt, ist Amazon so etwa wie das Handelskontor der Gegenwart, das Update einer Speicherstadt. Jeder hanseatische Kaufmann, der etwa Kaffee-Säcke streng nach Sorten trennt, würde aber die Hände überm Kopf zusammenschlagen angesichts des Durcheinanders in den Regalen.

Streit mit der Gewerkschaft seit 2013

Im Dauerclinch liegt Amazon mit der Gewerkschaft Verdi. Seit 2013 streitet Verdi dafür, dass Beschäftigte einen Tarifvertrag des Einzelhandels erhalten. Amazon lehnt dies ab, weil es sich nicht als Einzelhandels-, sondern als Logistikunternehmen begreift. Mehrere Streiks hat es bisher gegeben, allerdings nicht in Brieselang. Der Standort gilt laut Verdi nicht als besonders kampfeslustig.

Proteste gab es am vergangenen Dienstag in Berlin, als Amazon-Chef Jeff Bezos den Axel-Springer-Preis für innovatives Unternehmertum erhielt.

Bei Stettin ist die fünfte Amazon-Niederlassung in Polen eröffnet worden, die nach Auffassung von Verdi Streiks in Deutschland die Spitze nehmen soll.

Amazon zahlt in Brieselang Arbeitern 10,55 bis 12,21 Euro Basislohn. In Polen liegen die Löhne kaum halb so hoch.

Die Logik, nach der die riesenhafte, 2013 in Betrieb gegangene Halle organisiert wird, kennen viele Menschen aus dem eigenen Haushalt: „Chaotische Lagerhaltung“ nennt Personalleiter Andreas Ruck das Prinzip. Ob Hundeshampoo, Babyspielzeug, Massagematte oder Weltkriegschronik: Alle Gebinde werden scheinbar wahllos von den Konfektionierern – Mitarbeitern mit Sortierwägelchen – irgendwo in Fächer gesteckt, dahin, wo noch Platz ist. Ein System ist nicht zu erkennen.

Bis zu 7 km Fußweg pro Tag

Dass Amazon dennoch weiß, wo die 3 Millionen eingelagerten Artikel gerade verstaut sind, liegt an den Strichcodes: Vom Wareneingang über den Transport bis ins Regal: Der Artikel ist nie herrenlos. Sammelkiste, Transportwagen, Fach – jedes hat eine eigene Kennung, die der Mitarbeiter per Laserpistole scannt. Der Vorteil dieses Schein-Chaos: „Die Regale sind besser ausgelastet, als wenn thematisch sortiert würde – dann blieben viele Regale halb leer“, sagt Wareneingangs-Chef Hanno Siemer. Der Nachteil: Wer achtlos etwas aus dem Regal holt, hat keinen sinnvollen Anhaltspunkt mehr, wo es zuvor einsortiert war.

Was vom Wagen fällt, landet im Amnestie-Behälter

Für solche Waren oder alles, was vom Wagen fällt, gibt es alle paar Regalreihen einen „Amnesty-Bin“ – einen „Amnestie-Behälter“. „Der Artikel hat kein Zuhause mehr“, erklärt Personalchef Andreas Ruck. Zweimal am Tag geht jemand durch die Reihen und bringt die obdachlosen Dinge wieder an ihren Lagerort. Virtuell ist bei Amazon nur die Plattform, der Rest hat viel mit Hand- beziehungsweise Fußarbeit zu tun: Fünf bis sieben Kilometer pro Tag läuft ein Lagerarbeiter in den sechs Hallen, die sich über eine Fläche von neun Fußballfeldern erstrecken.

Amazon-Niederlassungsleiterin Sylvia Reichardt in Brieselang. Quelle: Ulrich Wangemann

Sieben Mal pro Jahr wird im Schnitt der komplette Lagerbestand gegen neue Lieferungen ausgetauscht. Damit Amazon jederzeit alle Produkte bis hinunter zur Haarbürste im Blick hat, sind gewaltige Rechnerkapazitäten vonnöten. Auf Rechenzentren weltweit greift das Unternehmen zurück und hält sich zudem einen lokalen autonomen Server für Fälle von Blackout.

Amazon vermietet seine Rechnerkapazitäten – ein lukratives Geschäft

Seine Riesen-Kapazitäten der weltweiten Rechenzentren stellt Amazon zahlenden Kunden zur Verfügung, denn nur im Weihnachtsgeschäft braucht die Firma selbst einen Großteil der Computerleistung. Es ist vor allem dieses Cloud-Geschäft, das für den jüngsten Rekordgewinn verantwortlich ist: Unternehmen buchten bei Amazon Speicherplatz für 5,4 Milliarden Dollar.

In Brieselang werden vor allem Bücher, DVDs und leichte und kleine Gegenstände verschifft, die in die gängigen Post-Boxen passen – eine Waschmaschine käme aus einer der anderen zwölf Niederlassungen in Deutschland oder den fünf Zentren jenseits der polnischen Grenze.

Betriebsratswahlen stehen an

Dort – etwa in der neusten Filiale bei Stettin, zwei Autobahnstunden von Berlin entfernt, – verdienen die Mitarbeiter laut Gewerkschaftsangaben nicht halb so viel wie in Brieselang. Verdi sieht das wachsende Netzwerk an Standorten im nahen Ausland mit Skepsis. Im Fall von Streiks kann der Konzern das Geschäft nach jenseits der Grenze verlagern, sodass Arbeitsniederlegungen verpuffen. Brieselangs Standort-Leiterin Sylvia Reichardt bestätigt, dass andere Amazon-Zentren binnen weniger Stunden Lieferungen übernehmen könnten, wenn an einer Niederlassung die Fördertechnik ausfalle.

Scanner erfassen, wo sich die 3 Millionen Waren im Lager derzeit aufhalten. Quelle: Julian Stähle

Seit 2013 liegen Verdi und Amazon permanent im Clinch über einen Einzelhandels-Tarifvertrag (siehe Infotext). Bekannt ist, dass Amazon-Chef Bezos Gewerkschaften ziemlich unnötig findet. In Brieselang verweist die Geschäftsführung darauf, dass der Konzern von selbst Wohltaten an die 670 Mitarbeiter verteile: Ein Bonusprogramm für gesundheitsbewusste Angestellte, bezahlte Sprachkurse, Zulagen zur Elternzeit. Es gibt ein Schwarzes Brett im Flur vor der Kantine. Jemand fordert die Aufnahme von Mate-Tee ins Verpflegungsprogramm. Das wird nicht der heißeste Konflikt sein, wenn demnächst die Betriebsratswahlen anstehen.

„Erwachsenenspielzeug“ wird grau eingeschweißt

Die Arbeit im Lager selbst hat durchaus heitere Momente. Es menschelt extrem. Online-Bestellungen haben den Vorteil, dass der Einkaufsvorgang peinliche Begegnungen an der Ladentheke ausschließt. So springen dem Flaneur die bunten Kunststofftönnchen ins Auge, die überall in den Fächern lagern. „Muckipulver“, sagt Hanno Siemer, Bereichsleiter für den Wareneingang. Es scheint, als schlucke die halbe Republik Eiweißpräparate zum Muskelaufbau. Eine weitere relativ umfangreiche Fraktion der Brieselanger Lagerbestände steckt in grauen Plastikhüllen. „Erwachsenenspielzeug“, sagt ein Amazon-Mitarbeiter. „Bestimmte Sachen sind foliert, auch zum Schutz unserer Mitarbeiter“, sagt Amazon-Sprecher Stephan Eisenseher.

Nichts Menschliches ist den Amazon-Mitarbeitern fremd. Als in Berlin der Amazon-Dienst „Prime Now“ eingeführt wurde, der eine Warenlieferung binnen ein bis zwei Stunden innerhalb Berlins, Potsdams und Brieselangs verspricht, wertete das Unternehmen die Vorlieben der Kunden aus: „Sehr häufig werden 6er-Packs Wasser, Bierkästen und Klopapier bestellt, sagt Betriebsleiterin Sylvia Reichardt.

Von Ulrich Wangemann

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