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Wie Arno Drefke als Häftling die Mauer baute

DDR-Mauerbau vor 55 Jahren Wie Arno Drefke als Häftling die Mauer baute

Im August 1961 saß Arno Drefke aus Freyenstein als politischer Häftling im Haftarbeitslager in Berlin Hohenschönhausen. Weil er da nicht rauskam, war er ein guter Geheimnisträger. Unwissentlich hat er Entwürfe für die neuen Grenzanlagen gezeichnet. Als er später hörte „Berlin ist dicht“, zerplatzen seine Pläne.

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Arno Drefke heute.

Quelle: Christamaria Ruch

Freyenstein. „Berlin ist dicht.“ Als Arno Drefke diesen Satz am 13. August 1961 hörte, zerplatzten seine Pläne für die Zukunft. Zu diesem Zeitpunkt war er 27 Jahre alt und hatte schon mehr als acht Jahre Haft in Berlin und Cottbus hinter sich. „Damit stand fest, dass ich nach der Haft nicht mehr in den Westen abhauen kann“, erinnert er sich. Wer mit dem heute 82 Jahre alten Arno Drefke aus Freyenstein spricht, taucht unweigerlich in eine für ihn zermürbende Zeit ein. Von 1953 bis 1962 saß er ein: Wegen Militär- und Wirtschaftsspionage und als Kurier für den Bund Deutscher Jugend wurde er verurteilt.

Alle Anklagepunkte erwiesen sich später als haltlos. Arno Drefke wurde 1992 vollständig rehabilitiert und bekam eine Haftentschädigung. Erst vor fünf Jahren hielt er erstmals seinen Haftbeschluss in der Hand. „Ich verstehe bis heute nicht, warum dort der Vermerk GVS (Geheime Verschlusssache) steht“, sagt Drefke. Unterzeichnet ist das Schreiben von Erich Mielke, damals Vize-Stasi-Minister.

Historischer Wendepunkt war ein Tag von vielen hinter Gittern

Der 13. August 1961 markierte einen historischen Wendepunkt in der Geschichte. Für Arno Drefke war es nur einer von mehr als 3400 Tagen hinter Gittern.

Dennoch verlief dieser Tag anders als sonst im Haftarbeitslager in Berlin-Hohenschönhausen. „Es war eine einmalige Sache, dass wir an diesem Tag im Raum gezählt wurden und nicht wie sonst üblich draußen“, sagt Arno Drefke.

Arno Drefke 1953 vor seiner Verhaftung

Arno Drefke 1953 vor seiner Verhaftung.

Quelle: privat

Dann sahen die Häftlinge, dass die Postentürme auf dem Gefängnisgelände doppelt besetzt waren. „Erst am Nachmittag klärte sich das auf, denn ein Offizier sagte: Berlin ist dicht.“ Auch der sonst für Sonntag übliche Aufenthalt auf der Lagerstraße war am Tag des Mauerbaus nicht erlaubt.

„Ich habe mitgeholfen, die Mauer dicht zu machen“

Einen Tag später, am 14. August, erhielt Kurt, ein Lagerkumpel von Arno Drefke, einen besonderen Auftrag. „Er musste Spanische Reiter zeichnen und berechnen“, so Drefke. Spanische Reiter sind x-förmig verbundene Metallstangen und dienen als Barrieren. Beim Mauerbau in Berlin versperrten diese Sicherungen die Grenze. „Ich musste diese Entwürfe dann auf Transparentpapier übertragen“, so Arno Drefke. „Damit habe ich mitgeholfen, die Mauer mit mehreren tausend Spanischen Reitern dicht zu machen“, sagt er. Gleichzeitig klärt er auf: „Wir Häftlinge waren sehr gute Geheimnisträger, weil wir keine Kontakte nach außen hatten und somit konnte niemand erfahren, wie die Grenze gesichert wurde“, sagt er.

Wenn sie seelischen Qualen unerträglich sind

Bis heute prägt die Haftzeit das Leben Arno Drefkes und das seiner Familie. Seit 1992 besucht er regelmäßig die Stasi-Gedenkstätte in Berlin Hohenschönhausen und führt Besucher durch den ehemaligen Knast. Nach seinen ersten Besuchen dort litt er jahrelang an Alpträumen. „Alles kam wieder hoch und die seelischen Qualen waren unerträglich“, sagt er. Heute sagt er: „Je häufiger ich dort hinfahre, umso besser geht es mir.“

Arno Drefke wurde 1934 geboren und wuchs in Freyenstein auf. Dort betrieb sein Vater eine Drogerie und Arno Drefke plante ebenfalls diese Laufbahn. 1951 besuchte er in Berlin Weißensee eine Fachschule und legte die Gesamtprüfung zum Drogisten ab.

Abgeschottet in Einzelhaft mit Non-Stop-Licht

In dieser Zeit wohnte er in Berlin Spandau und war als Pendler zwischen Ost und West unterwegs. „Ich wurde bei diesen Fahrten mit allen Ereignissen konfrontiert“, erinnert er sich. Irgendwann lernte er Mitglieder vom Bund Deutscher Jugend (BDJ) aus dem Westen kennen und schloss sich dort an. Der BDJ war eine politische Gegenbewegung zur Freien Deutschen Jugend (FDJ) im Osten. Drefke verteilte bald Flugblätter für den BDJ.

Wenig später schnappte die Falle zu: Arno Drefke fuhr am 12. April 1953 im Auftrag vom BDJ nach Thüringen und sollte dort einen Mann besuchen. „Als ich in Bad Langensalza ankam, wurde ich von drei Leuten festgenommen“, sagt Arno Drefke.

Er landete im berüchtigten Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Vier Monate verbrachte er im sogenannten U-Boot. Völlig abgeschottet saß er in Einzelhaft in Zelle 62. „Tag und Nacht war dort Licht, es herrschte absolute Ruhe und nur die Riegel an der Zellentür klackten laut“, so Drefke. Die Zellen waren strahlend weiß, kein Farbtupfer lenkte das Auge ab. „Ich durfte nur mit meinem Vernehmer sprechen und der war mein größter Feind“, bekennt Drefke. Drei Tage wurde er mit Nachtverhören gefoltert. Dann sagte und unterschrieb er alles, egal, was davon der Wahrheit entsprach. „Sie haben mich fertig gemacht.“

Ein Leben lang im Gefängnis

Mit seinem Geständnis riss er drei weitere Männer aus Freyenstein in ein- bis vierjährige Haft. Später bat er alle um Entschuldigung und sie nahmen diese an. Besonders schlimm für Drefkes Seele war die Zeit um den 17. Juni 1953, dem Volksaufstand in der DDR. „In dieser Zeit fanden keine Verhöre statt, drei Wochen lebte ich als 19-jähriger Bengel in völliger Isolation.“

Im August 1953 folgte sein Prozess am Obersten Landesgericht in Cottbus. „Ich erhielt ,lebenslänglich’ und das hieß: ein Leben lang hinter Gittern.“ Dreieinhalb Jahre saß er in Cottbus ein, teilte mit vier anderen lebenslänglich Verurteilten eine fünf Quadratmeter große Zelle. Besonders grausam war, dass sie nicht arbeiten durften. „Ich hatte viele Tiefpunkte im ersten Jahr, aber ich dachte, dass ich irgendwann freikomme“, so Drefke. Allein das half ihm, dass er daran nicht zerbrach.

Im Herbst 1953, ein halbes Jahr nach Arno Drefkes Festnahme, durfte sein Vater ihn zum ersten Mal besuchen.

Vier Besuche im Jahr für 30 Minuten

Vier Besuche im Jahr für jeweils 30 Minuten und einmal im Monat 20 Zeilen Post schreiben – das waren die einzigen Kontakte zur Außenwelt. Dann besuchte ihn Gunda, eine vier Jahre ältere Frau aus Pritzwalk. Auch sie war Drogistin und die Eltern beider Familien kannten sich. Später teilte sie ihm mit, sie habe sich verlobt und werde ihn nicht mehr besuchen. Doch Gundas Schwester Brunhilde übernahm dann diese Aufgabe. „Es hat mich einfach bewegt, wie er sein Schicksal hingenommen hat“, sagt die heute 80-jährige Brunhilde Drefke. Nur zweimal im Jahr sahen sie sich, schrieben dazwischen Briefe und suchten bei den Gesprächen nach gemeinsamen Interessen. Trotz dieser Umstände bahnte sich Zuneigung zwischen ihnen an.

Brunhilde Drefke war im Gefängnis für Arno da – das, obwohl sie sich nur zweimal im Jahr sahen

Brunhilde Drefke war im Gefängnis für Arno da – das, obwohl sie sich nur zweimal im Jahr sahen.

Quelle: Ruch

Von 1957 bis 1962 saß Arno Drefke wieder in Berlin-Hohenschönhausen, war im Haftarbeitslager untergebracht und durfte endlich arbeiten. „Ich habe am neuen U-Haft-Gebäude der Stasi mitgebaut“, sagt er. 1958 erfuhr er, dass bereits ein Jahr zuvor sein Strafmaß auf insgesamt zwölf Jahre Haft reduziert wurde.

„Ich bin der letzte Zeitzeuge, der im U-Boot einsaß“

Fast ein Jahr nach dem Mauerbau, am Freitag, 3. August 1962, kam Arno Drefke wieder in Freiheit – nach neun anstatt zwölf Jahren. „Ich musste eine Schweigeverpflichtung unterzeichnen und durfte nicht über die Haft reden“, sagt Arno Drefke. Einen Tag später fuhr er mit der Bahn zu Brunhilde. „Bis heute habe ich die Stimmen der jungen Frauen im Zug in den Ohren, ich konnte das fast nicht ertragen, weil ich mehr als neun Jahre diesen hohen Klang nicht vernommen habe“, gesteht er. Und dann erreichte er Perleberg und sah Brunhilde. „Sie hat gezittert, als ich ankam“, sagt er. Beide kamen sich schnell näher und prüften, ob ihre Beziehung Bestand haben kann. Schon drei Wochen später verlobten sie sich, heirateten im Februar 1963 und gründeten eine Familie. Drei Töchter mit ihren Familien gehören heute dazu.

Brunhilde und Arno Drefke

Brunhilde und Arno Drefke: Frisch verheiratet. Ihre Liebe hatte nach der Entlassung eine Chance.

Quelle: privat

Nach der Freilassung arbeitete er im Baubereich in Wittstock und Freyenstein. Am 1. Juli 1990, dem Tag der Währungsunion, erhielt Arno Drefke die Drogerie in Freyenstein zurück und arbeitete in seinem erlernten Beruf. Nach wie vor führt der 82-Jährige Besucher durch die Gedenkstätte in Hohenschönhausen. „Ich bin der letzte Zeitzeuge, der im U-Boot einsaß und Führungen macht“, sagt er. Gerade erst stand er in der Gedenkstätte für die Sendung „Wigald und Fritz – Die Geschichtsjäger“ vor der Kamera. Ausgestrahlt wird der Beitrag voraussichtlich im Herbst beim Pay-TV-Sender History.

Von Christamaria Ruch

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