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Wie Computer Verbrechen vorhersagen

Kriminalität Wie Computer Verbrechen vorhersagen

Wohnungseinbrüche sind in Brandenburg an der Tagesordnung. Die Zahl der Fälle nimmt zu, ebenso die Professionalität der Täter. Die automatisierte Auswertung digitaler Daten könnte dem Abhilfe verschaffen. Eine Software verspricht die Verbrechensvorhersage – doch Brandenburgs führende Kriminalisten sind skeptisch.

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Die Zahl der Wohnungseinbrüche hat in Brandenburg zuletzt stark zugenommen.

Quelle: dpa

Potsdam. Polizisten stechen eine Stecknadel nach der anderen in die Wandkarte. Schon wieder ein Einbruch im selben Straßenzug, also wird die Streife dem Problemviertel einen Besuch abstatten. So geht analoge Polizeiarbeit – für Thomas Schweer ist es ein Anachronismus. „Nach einem Ersteinbruch kommt in räumlicher und zeitlicher nähe relativ schnell ein weiterer Einbruch“, zitiert der Sozialwissenschaftler aus der Statistik. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, können Algorithmen längst viel besser berechnen als Menschen.

Programm errechnet die Wahrscheinlichkeit von Verbrechen

Schweer ist Entwickler der Software „Precobs“, das steht für „Pre Crime Observation System“. Anhand von Daten über Ort, Zeitpunkt und Modus Operandi von Verbrechen berechnet das Programm die Wahrscheinlichkeiten weiterer Verbrechen. In Städten wie München, Nürnberg und Zürich wird „Precobs“ bereits getestet. Brandenburg beobachtet die zum Teil erfolgreichen Feldversuche, die den Boulevard zu Schlagzeilen über den bevorstehenden Sieg der Algorithmen über das Böse hinreißen lassen.

In Brandenburg gibt man sich lieber zurückhaltend bis skeptisch, wie eine Podiumsdiskussion der Friedrich-Ebert-Stiftung am Mittwochabend in Potsdam zeigte. Neben Schweer diskutierten Landeskriminaldirektor Roger Höppner und die Rechtsphilosophin Lorena Jaume-Palasi und SPD-Innenexperte Sören Kosanke, moderiert vom Potsdamer Big-Data-Forscher Eric Mülling, über das Für und Wider der digitalen Verbrechensvorhersage.

„Wir müssen nur die Muster erkennen“

Kriminalist Höppner fordert eine „Entmystifizierung“ und „Versachlichung“ der Debatte. „Man muss die Grenzen dieser Technik sehen. Ich glaube nicht, dass es so einfach ist, Kriminalität und ihre Ursachen zu berechnen.“ Letztere seien komplex, es gehe um soziologische, ethnische und auch biologische Aspekte. Wer mit Blick auf „Precobs“ vor dem Staat als allgegenwärtiger Datenkrake warne, spiele bloß mit den Ängsten der Bürger.

Auch Entwickler Schweer bemühte sich, solche Bedenken zu zerstreuen. „Das System kann nicht in Ihren Kopf gucken. Ihre Gedanken sind frei und das sollen sie auch bleiben“, sagte er in Richtung Publikum. Die Software leiste letztlich nichts anderes als ein gut ausgebildeter Kriminalist, allerdings mit ungleich höherer Rechenleistung: die Reduktion von Komplexität. „Der Mensch ist ein rational handelndes Wesen. Wir müssen nur die Muster erkennen.“ Grundlage seien Methoden der Psychologie, Soziologie und Kriminologie.

Kriminalist warnt vor Aktionismus

Was spricht gegen die Software? Schließlich gab es in München im Testzeitraum 29 Prozent weniger Einbrüche, in besonders bestreiften Gebieten sogar um 42 Prozent, woraufhin der Freistaat „Precobs“ dauerhaft in den Polizeidienst gestellt hat. Kriminalist Höppner warnt dagegen vor Aktionismus. Er hält es für möglich, dass für die Einführung der Software das Polizeigesetz geändert werden müsste.

Denn es gehe auch um die Frage nach dem Schutz sensibler Daten, sagte die Rechtsphilosophin Jaume-Palasi, die den uneingeschränkten Zugriff auf Big Data, also schier unendliches Computerwissen, für problematisch hält. „Man muss Algorithmen sehen wie kleine Kinder. Sie müssen lernen und brauchen Interaktion.“ Je mehr Daten und je größer der Zeitraum, desto genauer die berechneten Wahrscheinlichkeiten. Einbruchsschwerpunkte könnten so schnell zur „No-go-area“ verkommen, warnte Jaume-Palasi, die eine unabhängige Aufsichts der Datenverarbeitung einfordert.

SPD-Innenpolitiker Kosanke signalisierte seine Offenheit für den Einsatz von „Precobs“ – sofern die Polizei zu dem Schluss kommen sollte, damit der grassierenden Einbruchskriminalität Herr zu werden.

Verbrechen in Serie

Verbrechen wie Einbrüche, Straßenraub, bewaffneter Überfall und Autodiebstahl fallen für Wissenschaftler unter das Phänomen „Near Repeats“: Es ist in kurzer Zeit und im direkten Umfeld mit Folgedelikten zu rechnen. Das belegen verschiedene Studien.

Auf dieser Grundlage entwickelte das Institut für musterbasierte Prognostechnik (IfmPt) um Chef Thomas Schweer die „Near Repeat Predicition Method“. Diese ist Kern der „Precobs“-Software, die nach IfmPt-Angaben internationaler Vorreiter ist.

Von Bastian Pauly

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