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Wie Milchbauern mit der Krise kämpfen

Preisverfall Wie Milchbauern mit der Krise kämpfen

Der Milchgipfel in Berlin muss schnell handfeste Ergebnisse bringen, sagen die Bauern im Havelland. Denn der Preisverfall geht an die Substanz. Entlassungen, unbezahlbare Pachten – ein Besuch zeigt, was auf dem Spiel steht, sollte die Politik versagen und den Bauern die Puste ausgehen.

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Dietmar Lucke aus Selbelang. Was sein Betrieb an der Milchwirtschaft verliert, versucht er durch Einnahmen aus der Biogasanlage auszugleichen.

Lietzow. Ein Edelstahl-Milchtank ragt vor den Stallanlagen in Lietzow in den Himmel. 30.000 Liter Fassungsvermögen, 2014 in Betrieb genommen, eine tägliche Erinnerung an die „besseren Zeiten“, wie es Lars Schmidt vom Hof der Brandenburger Vermarktungs- und Dienstleistungsgesellschaft formuliert. In dem Betrieb mit zehn Angestellten ist der 26-Jährige Verantwortlicher für die Abteilung Tierproduktion. Halb voll nur ist der Tank an guten Tagen, das Molkereifahrzeug kommt neuerdings nur noch alle zwei Tage. Der Grund: Der Hof hat 50 seiner bis dato 400 Kühe abgeschafft. „Um das Minus etwas zu verringern“, sagt Schmidt. Als die Firma in den Milchspeicher investierte, lag der Literpreis bei 37 Cent. Heute sind es 21 Cent.

Der Preisverfall zwingt zu Entlassungen

Beim Milchgipfel, der heute in Berlin beginnt, wird viel gerechnet werden, Kommazahlen wird man sich um die Ohren hauen. Weniger abstrakt klingt das, wenn Landwirt Lars Schmidt den Taschenrechner zückt. Die Differenz zwischen 21 und 37 Cent beträgt eine Arbeitsstelle – rund 40 000 Euro im Jahr. Schmidt, der in Lietzow aufgewaschen ist und in dem Betrieb als Schülerpraktikant angefangen hat, musste das Entlassungsgespräch führen. „Ein Scheißgefühl“, sagt Schmidt. „Der Angestellte, den es traf, ist 58, sitzt jetzt zu Hause und hat in seinem Leben noch nie etwas anderes gemacht, als etwas mit Kühen. “ Die Milchpreiskrise ist in dem 270-Einwohner-Dorf keine anonyme Größe. „Man sieht sich privat, es ist ein bisschen wie die eigene Familie“, sagt Schmidt.

Lars Schmidt aus Lietzow hat 50 Rinder abgegeben

Lars Schmidt aus Lietzow hat 50 Rinder abgegeben.

Quelle: Wangemann

Anderswo in Brandenburg müssen nicht nur einzelne Mitarbeiter gehen: Seit Anfang 2015, als der Milchpreis in den Keller rauschte, haben laut Landesbauernverband 15 Prozent der Milchbetriebe aufgegeben. Die Gründe sind vielschichtig: Der Wegfall der Milchquote am 31. März 2015, die russische Strafaktion gegen europäische Bauern wegen der EU-Sanktionen verbunden mit dem Wegfall des lukrativen Käsemarkts, das Erlahmen der chinesischen Konjunktur und der langfristige Strukturwandel, dem seit 1992 mehr als die Hälfte aller Milchviehbetriebe zum Opfer gefallen sind.

Wer soll das Weideland pflegen – die Reiterhöfe?

Das Höfesterben ist kein brancheninternes Problem wie etwa das Ende der Röhrenfernseher-Produktion. Viel größerer Flurschaden droht. So ist das Havelland, speziell der Grünland-Korridor, welcher sich grob gesagt entlang der Autobahn nach Hamburg erstreckt, das Ergebnis von Jahrhunderten der Viehhaltung. Für Getreide ist der Luchboden ungeeignet, als Weideland aber eignet sich diese saftige märkische Prärie. „Ohne uns würde das Unkraut wachsen“, sagt Bauer Schmidt. „In 100 Jahren wäre überall Wald.“

Zwar weidet mittlerweile nicht nur ein guter Teil der 11.000 havelländischen Rinder auf den Wiesen, sondern auch 4500 Pferde. Doch die Neigung der Menschen, sich ein Reitpferd zuzulegen, sinkt rapide mit wachsender Entfernung vom Großraum Berlin. Landschaftspflege, sagen die Landwirte, ist ein Job für Profis, die Hobby-Freiluftszene sei damit überfordert.

Aktionen am Montag

Die Havelländen Milchbauern rufen für Montag, 30. Mai, zur Teilnahme an einer Mahnwache (mit Mahnfeuer) von 6 bis 10 Uhr Uhr auf. Treffpunkt: Nauen/B5, östliche Einfahrt nach Nauen.

Mit einer symbolischen Milchpyramide aus vielen Milchkartons findet von 10 bis 12 Uhr eine große Aktion auf dem Luckauer (Teltow-Fläming) Marktplatz statt. Der Bauernverband Südbrandenburg wird gemeinsam mit vielen Milchbauern auf die prekäre Lage aufmerksam machen und für eine faire Entlohnung landwirtschaftlicher Produkte werben.

Auf den Pudding-Bechern stimmt die Weide-Idylle noch

Selbelang, ein Dorf an der B5, 40 Kilometer vor Berlin-Spandau, gehört definitiv nicht mehr zum Reiterhof-Gürtel. Seit 1982 arbeitet Dietmar Lucke (58) zwischen den grauen Ställen und dem imposanten Doppel-Silo, das dem „Märkischen Hof“ die Silhouette einer Midwest-Farm verleiht. Lucke hat den Betrieb mit Co-Gesellschaftern 1992 von der Treuhand übernommen – keine Agrar-Heuschrecken, alle Ortsansässige. Lucke selbst stammt aus Niemegk im Fläming (Potsdam-Mittelmark). Die saftigen Wiesen ziehen sich bis an den Hof heran, tagsüber dürfen die meisten der 241 Milchrinder an die frische Luft, glotzen mit geduckten Köpfen nach ihrem Halter, als der unter dem Elektrozaun hindurch schlüpft. Weidehaltung – besser können es Kühe nicht haben.

Die Journalisten empfängt Bauer Lucke – Gummistiefeln, Karohemd, Weste, wasserdichte Quarzuhr, in einem Bauwagen, bei Mettbrötchen und Milchprodukten. Auf den Tischen stehen „Paula“-Becher einer bekannten Molkerei; Paula ist ein Vanille-Schoko-Pudding von Dr. Oetker mit lustigen Kuhflecken. Im Supermarkt-Regal zumindest ist die Milchvieh-Folklore ist noch intakt.

Der Bauwagen, improvisierter Pressestützpunkt des Bauernverbands, ist mit groß kopierte Denkanstößen dekoriert: „Keine Zukunft ohne Kuhzunft“ heißt es da. Der sinkende Milchpreis allein ist bedrohlich genug, sagt Bauer Lucke, dazu kommen steigende Pachten und Löhne. Bis zu 20 000 Euro kostet ein Hektar Boden im Havelland, sagt Lucke. Vor einigen Jahren waren es 3000 bis 4000 Euro. Eine Verdreifachung des Preises seit 1998 meldet der Deutsche Bauernverband für Ostdeutschland. Entsprechend haben die Pachten angezogen. Für Bauer Lucke bedeutet das: Sein Betrieb musste 200 Hektar Land abgeben und bewirtschaftet nun noch 1000 Hektar.

Der Kampf um gute Angestellte wird härter

Dazu kommt der härter werdende Kampf um Arbeitskräfte. Zehn bis zwölf Euro Stundenlohn verdient ein Melker bei Bauer Lucke. „Wir haben die Löhne angehoben, sonst gehen die Mitarbeiter weg. Die Leute vergleichen sich mit Handwerkern – die gehen mit 16, 17 Euro pro Stunde nach Hause“, sagt der Geschäftsführer. Für den Mindestlohn tut sich kaum einer noch die Plackerei im Stall an: Aufstehen vor Sonnenaufgang, Kühe melken, Kälber tränken, Brünstigkeit der Muttertiere testen, Ställe einstreuen. Feierabend: nach hinten offen. Lucke mag nicht klingen wie ein Betriebswirt. Er schiebt nach: „Es ist harte Arbeit, die Leute sind abends k.o. Sie haben anständige Bezahlung verdient.“

Bei Lars Schmidt in Lietzow herrscht trotz reduzierten Kuhbestands keine Endzeitstimmung. Das liegt auch an Tobias Böttcher, einem Lehrling in Adidas-Sneakern, dessen frische Gesichtsfarbe und Begeisterung beim Reden gar nicht zur Branchenkrise passen. Nach dem Fachabitur in Falkensee (Havelland) hat er auf dem Hof bei Nauen angeheuert. „Mein Vater war in der Tierproduktion, mein Opa war Melker, mein Uropa hatte einen eigenen Hof und ist dann in die LPG gegangen“, sagt der 21-Jährige. „Ich kann mir keine andere Arbeit auf der Welt vorstellen – Landwirt ist mein Traumberuf.“ 2.30 Uhr aufstehen – nach der zweiten kalten Dusche sei das in Ordnung, sagt Böttcher. Ob in Selbelang oder Lietzow – die Nachwuchslandwirte kommen fast alle aus den Dörfern der Umgebung. Die Milchwirtschaft gehört zu ihrem Leben, ihrer Familie, ihrem Landstrich.

Die Entscheidungen allerdings werden woanders getroffen: Auf dem Milchgipfel in Berlin etwa, oder im Supermarkt. Realitäts-Check in Potsdam-Babelsberg, 50 Kilometer von Selbelang: Bei Aldi kostet der Liter frische Vollmilch 46 Cent. „Dauerhaft reduziert“, steht dran – neben einem durchgestrichenen Preisschild: Kürzlich kostete der Liter noch 59 Cent.

Von Ulrich Wangemann

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