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Brandenburg Vermisst, ermordet oder suizidiert: Das rät diese Hilfsorganisation Angehörigen
Brandenburg Vermisst, ermordet oder suizidiert: Das rät diese Hilfsorganisation Angehörigen
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00:20 13.03.2019
Nach dem gewaltsamen Tod eines geliebten Menschen sind Angehörige dringend auf Hilfe angewiesen. Quelle: dpa-Zentralbild
Berlin

Vor mehr als zehn Jahren wurde Marion Waades Tochter in Griechenland ermordet. Die Mutter konnte kaum Hilfsangebote finden. Die Hinterbliebenen von Mordopfern wurden, so fand sie, mit ihrer Trauer, ihrer Wut und ihrer Hilflosigkeit allein gelassen. Deshalb gründete Waade 2008 eine Hilfsorganisation für Angehörige von Mord-, Tötungs-, Suizid- und Vermisstenfällen, kurz „ANUAS“.


Frau Waade, Ihre Tochter ist im Jahre 2007 in Griechenland ermordet worden. Wo haben Sie sich damals Hilfe gesucht?

Marion Waade: Wir waren damals so geschockt, wie wenig Hilfe es gab. Wir sind nur vor verschlossene Türen gerannt. Keine Hilfsstelle, die wir angesprochen haben, hat sich verantwortlich gefühlt.


Wie kam es dann dazu, dass Sie einen Verein gründeten?

Im Jahr 2008 hatten wir das erste Mal Kontakt mit der Presse. Daraufhin haben andere Betroffene Kontakt zu uns aufgenommen. Viele haben gesagt: „Wir wollen euch ja nicht die Euphorie nehmen, aber ihr werdet nichts erreichen. Wir kämpfen schon seit Jahren, niemand hört uns zu, findet euch damit ab.“ Wir haben dann viel recherchiert, ob es einen Selbsthilfeverein für Angehörige von Mordopfern gibt und den gab es nicht. Ich habe dann ein halbes Jahr in anderen Vereinen gearbeitet, Weiterbildungen besucht, viel über Vereinsrecht gelernt. Unseren Verein haben wir mit acht Gründungsmitgliedern aufgebaut.


Ihr Verein hat mittlerweile 18 000 Mitglieder und unterstützt Angehörige von Vermissten, Mordopfern oder sogenannten zweifelhaften Suiziden. Welche Hilfe brauchen die jeweiligen Gruppen?

Das ist immer sehr individuell zu sehen, da gibt es kein Patentrezept. Wenn Betroffene zu mir kommen, egal aus welcher Gruppe, dann frage ich zuerst, was sie eigentlich für Hilfen von uns erwarten. In fast allen Fällen wird mir gesagt: „Ich möchte einfach nur gehört werden. Ich will, dass mich jemand versteht, ich will Informationen und Gerechtigkeit.“ Das sind die Hauptpunkte.


Wie können Sie den Menschen helfen?

In den Gesprächen fangen wir erstmal an zu sortieren. Was sind die Sorgen der Betroffenen, was spukt in ihren Köpfen herum? Wir haben dazu zum Beispiel eine Flipchart-Technik entwickelt. Wir vermitteln aber auch nicht den Eindruck, dass die Leute auf Teufel komm raus etwas tun müssen. Wir zeigen Möglichkeiten auf und die Betroffenen sagen dann, ob ihnen das passt. Uns ist wichtig, dass die Menschen selbstbestimmt bleiben, damit sie das bisschen Selbstbewusstsein, was sie noch haben, nicht verlieren.


Stellt sich bei Betroffenen eine emotionale Veränderung, vielleicht sogar Erleichterung ein, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind?

Wenn jemand sagt: „In meinem Fall ist alles geklärt, weil der Täter bekannt und verurteilt worden ist“, dann möchte derjenige vielleicht auch den nächsten Schritt in eine Trauergruppe gehen und seine Trauer bearbeiten. Wenn ein Fall aber komplett ungerecht abläuft, haben die Familien eigentlich überhaupt keine Zeit, um zu trauern.


Wieso nicht?

In vielen Fällen hängen immer noch Strafprozesse dran, Konfrontationen mit dem Täter, mit Behörden. Gerade bei Vermissten geht das ja über viele Jahre. Wir haben Betroffene, wo Vermisste schon seit 8 oder 10 Jahren gesucht worden sind und dann irgendwann tot aufgefunden wurden. Für die Betroffenen fängt das ganze Rad dann an, sich von vorne zu drehen.


Bieten Sie auch Selbsthilfegruppen an?

Wir machen gar keine Selbsthilfegruppen, wir sprechen uns sogar gegen Selbsthilfegruppen bei Schwersttraumatisierten aus. Wenn ich zu einer Betroffenen sage, kommen Sie mal in die Selbsthilfegruppe, dann sitze ich allein hier. Wir hatten mal einen Anrufer, der erzählte, sein Kind sei umgebracht worden und seine Frau könne nicht mehr reden. Er bräuchte Hilfe, sonst würde er das alles nicht mehr verkraften. Sein Therapeut habe ihm gesagt, er soll sich eine Selbsthilfegruppe suchen. Als ich ihn fragte, was er denn will, antwortete er: „Jedenfalls keine Selbsthilfegruppe.“


Wieso rief er dann trotzdem an, um danach zu fragen?

Die Therapeutin hatte ihm gesagt, wenn er sich keine Selbsthilfegruppe sucht, würde sie eine entsprechende Bemerkung an die Krankenkasse schreiben. Und die würde ihm dann das Krankengeld streichen. Aber sowas hören wir ständig. Das sind so Hürden, die die Betroffenen zu nehmen haben.

Bundesverband ANUAS: Hilfe für Angehörige

Der Bundesverband ANUASist eine Hilfsorganisation für Angehörige von Mord-, Tötungs-, Suizid- und Vermisstenfällen und wurde 2008 von der Traumatherapeutin Marion Waade gegründet. Mittlerweile zählt der Verein 18 000 Mitglieder. Fast alle sind selbst Betroffene.

ANUAS bietet Gruppen- und Einzelgespräche, ein Sorgentelefon sowie Freizeitaktivitäten und Austausch an. Das Angebot ist kein Ersatz für medizinisch-therapeutische oder seelsorgerische Hilfe. In komplizierten Fällen zieht ANUAS einen wissenschaftlichen Beirat heran.

Die Bundesgeschäftsstelle befindet sich in der Erich-Kurz-Str. 6 in 10319 Berlin. Marion Waade ist sowohl Ansprechpartnerin auf Bundesebene als auch Leiterin der Beratungs- und Kontaktstelle Berlin-Brandenburg, wo sie durch engagierte Kollegen unterstützt wird.


Wie wirkt sich der gewaltsame Tod eines Familienmitgliedes auf den Alltag der Menschen aus?

90 Prozent aller Betroffenen werden arbeitslos. Meistens passiert das kurz nachdem sie ihrem Arbeitgeber gegenüber angekündigt haben, eine Auszeit zu benötigen oder häufiger mal zur Polizei zu müssen. Wir unterstützen keine Faulenzer, aber wir empfehlen, dass sich die Leute wirklich eine Auszeit nehmen und bis zu anderthalb Jahre krankschreiben lassen. Vielleicht sogar länger, wenn es dann immer noch nicht geht – und in den meisten Fällen geht es dann noch nicht.


Welche Fälle sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Zum Beispiel ein Fall aus Paderborn. Die Frau ist vor drei Jahren bei unserer Themenwoche gewesen und hat uns erzählt, ihr Sohn werde seit über zehn Jahren vermisst. Knapp eine Woche später hat sie einen Anruf von der Polizei bekommen, die ihr mitteilte, ihr Sohn sei tot aufgefunden worden. Später berichtete sie uns dann, dass der Junge einen Tag, nachdem sie die Anzeige bei der Polizei erstattet hatte, ermordet wurde. Der Sohn hat also schon zehn Jahre lang tot irgendwo gelegen, während sie die ganzen Jahre lang gesucht, gekämpft hat – und sie hat kaum jemanden gefunden, der ihr wirklich helfen konnte.


Und in Brandenburg?

Da gab es auch einen Fall. Eine Sparkassenangestellte hatte bei der Polizei eine Anzeige gemacht, dass ihr Sohn vermisst wird. Er war im Teenager-Alter und ist nicht nach Hause gekommen. Die Polizei hat ihr gesagt, in dem Alter sei das normal. Sie solle sich am nächsten Tag noch einmal melden, wenn er dann noch nicht aufgetaucht sei. Am nächsten Tag hat sie aus der Zeitung erfahren, dass zwei junge Männer nur wenige Meter von ihrer Sparkasse entfernt tot aufgefunden wurden. Einer davon war ihr Sohn.


Und danach hat sie sich an Ihren Verein gewandt?

Was sie damals zu uns gebracht hat, war ein Schreiben der Staatsanwaltschaft. Die Staatsanwältin hatte geschrieben: „Unser herzliches Beileid zum Ableben Ihres Sohnes. Für die Entsorgung der sterblichen Überreste zahlen Sie bitte folgenden Betrag auf dieses Konto.“ Damit konnte sie nicht umgehen. Danach hat sie jahrelang den Kontakt zu uns gehalten.


Wie kommen Sie selbst mit der enormen emotionalen Belastung zurecht?

Ich kann bei fremden Fällen sehr gut abschalten, das lernt man im Laufe der Zeit. Und wir haben ja hier auch Möglichkeiten der Supervision. Das heißt, wir binden auch Bewältigungstechniken mit ein. Man lernt, damit umzugehen, wenn so schlimme Themen an einen herangetragen werden.


Wie gehen Sie damit um, wenn jemand Ihnen gegenüber ankündigt, sich das Leben zu nehmen?

Ich bin zwar Traumatherapeutin, aber ich therapiere nicht. Wenn mir jemand sagt, dass er nicht mehr weiter weiß und glaubt, suizidgefährdet zu sein, dann gebe ich ihm die Kontaktdaten vom sozialpsychiatrischen Dienst. Ich biete auch Telefonseelsorge an. Wenn Angehörige anrufen und es wirklich akut wird, muss natürlich auch die Polizei dazu geholt werden.


Sind Sie schon einmal an Ihre Grenzen gestoßen?

Ich habe in der ganzen Zeit nur einmal einen Fall gehabt, der mich selbst geschockt hat. Es ging um einen Todesfall in Köln. Die Mutter saß hier bei uns. Ich sagte zu ihr, dass ich sie verstehe und ihr helfen wolle. Sie brüllte mich an: „Haben Sie überhaupt eine Vorstellung, wie es mir geht? Mein Kind ist ermordet worden!“ Eigentlich habe ich mich sonst immer um Empathie bemüht, aber damals habe ich gesagt: „Jetzt kommen Sie mal runter, uns geht es hier allen so.“ Ich glaube, sie hat das in dem Moment wirklich gebraucht. Später hat sie mir bestätigt, dass sie meine Reaktion gut fand. Aber das würde ich nicht bei allen Betroffenen so machen.


Woran merken Sie, dass Ihre Arbeit funktioniert?

Viele Betroffene fragen, was sie tun können, damit der Verein bestehen bleibt und wie sie anderen helfen können – und werden dann selbst Mitglied. Das ist für ein Zeichen dafür, dass unsere Arbeit gut funktioniert und wir gute Hilfe leisten.

Von Hannah Rüdiger

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